Corona
Bayern: Regeln nicht mehr an Inzidenz gekoppelt
In Bayern gilt seit diesem Montag bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 35 in Innenbereichen meist die 3G-Regel.
In Bayern gilt seit diesem Montag bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 35 in Innenbereichen meist die 3G-Regel.
Foto: Oliver Berg, dpa
München – 3G-Regel in Innenräumen, fast keine Masken mehr draußen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ändert radikal seinen Kurs. Was ab Donnerstag gilt.

Weg von der Inzidenz als Kriterium für Corona-Einschränkungen und ein Ende der FFP2-Maskenpflicht: Die Bayerische Staatsregierung hat am Dienstag eine neue Corona-Verordnung beschlossen, die ein klarer Paradigmenwechsel im Kampf gegen die Corona-Pandemie ist. Die neuen Vorgaben gelten bereits ab diesem Donnerstag, 2. September.

Die Sieben-Tage-Inzidenz als Maßstab und alle damit verbundenen Beschränkungen werden gestrichen. „An die Inzidenz knüpfen sich keine Rechtsfolgen mehr“, erklärte Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Auch alle Kontaktbeschränkungen fallen weg.

Einzige Ausnahme: Die Anwendung der nun in vielen Bereichen maßgeblichen 3G-Regel greift erst ab einer regionalen Inzidenz von 35. Dies sei „als Startpunkt nötig“, erklärte Söder.

3G-Regel gilt ab Inzidenz 35

In Innenräumen gilt künftig ab Inzidenz 35 die 3G-Regel: Zugang in Restaurants, Hotels, Sporthallen, Theater, Kinos, Museen, Fitnessstudios, Bäder, Saunen, aber auch Hochschulen oder Bildungseinrichtungen hat nur noch, wer vollständig geimpft, genesen oder aktuell getestet ist. In den Schulen und Hochschulen bleiben die Schnelltests auf Dauer kostenlos. In allen anderen Bereichen muss der Test ab 11. Oktober selbst bezahlt werden.

In Alten- und Pflegeheimen, auf Messen und bei Veranstaltungen über 1000 Personen gilt die 3G-Regel auch im Außenbereich. Ausgenommen vom 3G-Grundsatz bleiben im Innenbereich nur Privaträume, Geschäfte, der ÖPNV und Gottesdienste, sowie unter freiem Himmel Veranstaltungen wie etwa Vereinsfeste mit bis zu 1000 Personen.

Die Pflicht in Innenbereichen, beim Einkaufen oder im ÖPNV die besser schützenden FFP2-Masken zu tragen, entfällt. Stattdessen genügen künftig auch einfache medizinische Masken. Stoffmasken, wie zu Beginn der Pandemie im Einsatz, reichen jedoch nicht. Draußen müssen Masken in der Regel nicht mehr getragen werden – auch nicht bei Open-Air-Konzerten oder im Fußballstadion.

Bei Veranstaltungen über 1000 Personen gilt jedoch in Eingangs- und Begegnungsbereichen die Maskenpflicht auch draußen. Drinnen müssen Masken immer dann getragen werden, wenn ein dauerhafter Abstand von mindestens 1,5 Metern nicht gewährleistet werden kann. Private Treffen sind davon ausgenommen. Im ÖPNV und im Fernverkehr gilt die Maskenpflicht immer – ohne Ausnahme.

Anstelle der Sieben-Tage-Inzidenz gilt als Warnsystem für eine mögliche Überlastung des Gesundheitssystems künftig die Krankenhaus-Ampel. Diese springt auf Gelb, wenn binnen einer Woche bayernweit mehr als 1200 Corona-Patienten in den Kliniken aufgenommen wurden. Bei Stufe Gelb gilt wieder eine FFP2-Maskenpflicht. Zudem könnten dann erneut Kontaktbeschränkungen, Personengrenzen für Veranstaltungen sowie eine PCR-Testpflicht für den 3G-Zugang eingeführt werden.

Stufe Rot greift, wenn aktuell insgesamt mehr als 600 Covid-19-Patienten in bayerischen Intensivstationen liegen. Dann sei die absolute Belastungsgrenze für das Gesundheitssystem erreicht, erklärte Söder am Dienstag. Bei Ampelfarbe Rot will die Staatsregierung „weitere Maßnahmen“ zur Infektionseindämmung beschließen. Welche dies sein könnten, blieb zunächst offen. Anfang dieser Woche lag die Gesamtzahl der Covid-19-Intensiv-Patienten in Bayern bei 158.

Freiwillige Impfungen an Schulen

Bayerns Schulen sollen im neuen Schuljahr auch bei hohen Inzidenzen im Präsenzunterricht bleiben. Im Klassenzimmer und auf den Gängen gilt zunächst wieder eine Maskenpflicht.

Ab Schulbeginn sollen zudem alle älteren Schüler künftig dreimal pro Woche auf eine Corona-Infektion getestet werden, die Grundschüler mit dem sichereren PCR-Lollitest zweimal pro Woche. Wird eine Corona-Infektion festgestellt, wird die gesamte Klasse eine Woche lang täglich getestet.

Eine automatische Quarantäne der Klasse soll es nicht mehr geben: Nur Schüler mit „ungeschütztem engen Kontakt“ zu dem Infizierten sollen für mindestens fünf Tage in Isolation. In den Schulen sollen zudem für Schüler ab 12 Jahren freiwillige Corona-Impfungen angeboten werden.

In den Kitas werden die Regeln für eingeschränkten Betrieb ab Inzidenz 100 gestrichen. Auch hier sollen regelmäßige Tests nach den bisherigen Konzepten für Sicherheit sorgen.

Diskos öffnen ab Oktober

Eine neue Perspektive für die seit fast eineinhalb Jahren geschlossenen Clubs und Diskos: Im Laufe des Oktobers soll eine kontrollierte Öffnung auch in Bayern möglich werden. Zutritt bekommt man allerdings nur mit einem kostenpflichtigen PCR-Test. Die Details müssen noch festgelegt werden.

Mit einem Hygienekonzept seien künftig im Grundsatz alle Veranstaltungen wieder möglich – sofern die 3G- und Maskenregeln eingehalten werden, sagte Söder. Volksfeste bleiben allerdings weiter verboten. In der Gastronomie entfällt die coronabedingte Sperrstunde um 1 Uhr. Im Bereich Handel und Dienstleistungen werden Besucherbeschränkungen, die sich an der Verkaufsfläche orientieren, aufgehoben.

Die bisherigen Personenobergrenzen für private und öffentliche Veranstaltungen in Sport, Kultur und bei Kongressen entfallen. Bis zur Zuschauerzahl 5000 darf die komplette Stadion- oder Hallenkapazität genutzt werden. Ist die Kapazität höher, darf der über 5000 Zuschauern liegende Bereich zur Hälfte genutzt werden. Maximal erlaubt sind 25 000 Zuschauer. Zwischen Steh- und Sitzplätzen wird nicht mehr unterschieden.

Es gelten bei Sport und Kultur die allgemeinen 3G- und Maskenregeln im Innen- und Außenbereich.

Durch den Impffortschritt werde „eine neue Form von Freiheit möglich“, erklärte Söder die gelockerten Regeln. Corona sei keine allgemeine Pandemie mehr, sondern nur noch eine „Pandemie der Ungeimpften“.

Deshalb bedeuteten steigende Inzidenzen auch nicht mehr automatisch, dass die Lage insgesamt gefährlicher werde. Bayern mache aber keine Experimente, versprach der Ministerpräsident: Alle Lockerungen seien mit Experten intensiv diskutiert worden und deshalb politisch „vertretbar“.

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