Kommentar
Die Kirche braucht jetzt eine echte Umkehr
Großes Medieninteresse: Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, äußert sich im Innenhof seiner Residenz zu seinem Rücktrittsgesuch, das er an Papst Franziskus gerichtet hat.
Großes Medieninteresse: Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, äußert sich im Innenhof seiner Residenz zu seinem Rücktrittsgesuch, das er an Papst Franziskus gerichtet hat.
Foto: Peter Kneffel, dpa
München – Der Münchner Kardinal Reinhard Marx bot am Freitag seinen Rücktritt an. Redakteur Alois Knoller bezeichnet den Schritt als starkes Zeichen.

Es war an der Zeit, dass einer der ranghöchsten katholischen Bischöfe das volle Ausmaß der Krise zugibt, in die der Missbrauchsskandal die Kirche gestürzt hat. Es ist nicht allein persönliche Schuld, die Kardinal Reinhard Marx dazu antreibt, Papst Franziskus um seinen Rücktritt zu bitten. Die mag er in seinen beiden Bistümern Trier und München in Einzelfällen auf sich geladen haben.

Alois Knoller kommentiert den angebotenen Rücktritt von Kardinal Reinhard Marx.
Alois Knoller kommentiert den angebotenen Rücktritt von Kardinal Reinhard Marx.
Foto: Augsburger Allgemeine

Vielmehr setzt Marx ein starkes Zeichen, auch das systemische Versagen der strikt hierarchisch organisierten Kirche wahrzunehmen. Die Sakralisierung des Weiheamts musste geradezu zu systematischer Vertuschung und Leugnung der Verbrechen von sexualisierter Gewalt führen. Kardinal Marx klagt keinen anderen Amtskollegen an. Ganz persönlich stellt er sich seiner Verantwortung „nicht nur für die eigenen möglichen Fehler, sondern auch für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge“.

Er kann sich selbst dem System nicht entziehen. Aber er kann wenigstens selbst den Weg für einen Neuanfang freimachen. Jetzt braucht die katholische Kirche eine echte Umkehr – und diese schneidet ihr tief ins Fleisch. Sie benötigt Führungskräfte, die sich nicht mehr für unantastbar halten und einen völlig neuen Stil pflegen: den „Synodalen Weg“.

Marx bringt auch Woelki in Zugzwang

Selbst wenn Marx seinen Rücktritt als persönliche Konsequenz ausgibt, wird er auch andere Bischöfe in Zugzwang bringen. Kann sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki noch darauf hinausreden, ihm sei kein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten vorzuwerfen? Das wäre nur die halbe Wahrheit. Aus der Verantwortung für die Kirchenleitung kann er sich nicht herausstehlen. Woelki macht genau das, was Marx nicht weiter mittragen will: Er reduziert die Aufarbeitung des Missbrauchs auf eine verbesserte Verwaltung und klammert die tieferen theologischen Fragen aus, die sich aufdrängen.

Marx hat die ausdrückliche Einwilligung des Papstes, sein Gesuch zu veröffentlichen. Offensichtlich liegt auch Franziskus daran, über die Erschütterungen in der deutschen Kirche in einer breiten Öffentlichkeit zu diskutieren. Ein Gärungsprozess kommt in Gang, dessen Ergebnis nicht absehbar ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es in Deutschland reihenweise Bischofsrücktritte geben wird – wie es etwa in Irland, Chile und den USA schon der Fall war.

Kirche vor einer Zerreißprobe

Aber wie soll es dann weitergehen? Die vakanten Bischofsstühle einfach rasch nachzubesetzen, wirft die Frage auf, wo denn die neuen Köpfe herkommen sollen – und was sie von den alten unterscheidet.

Die deutsche katholische Kirche steht vor einer Zerreißprobe. Jede Sitzung der Deutschen Bischofskonferenz gleicht einem Gerangel um die Macht – und sei es in so nebensächlichen Fragen wie der nächsten Trägerin des katholischen Buchpreises. Die Angst, dass alles den Bach runtergeht, ist groß in der Kirche. Einige Bischöfe lehnen jeden Reformdialog rundheraus ab und hintertreiben das Gesprächsformat des „Synodalen Wegs“, weil sie das als illegitimen Aufstand gegen eine unveränderliche Ordnung betrachten.

Kardinal Marx vertrat anfangs als Trierer Bischof auch eher konservative Positionen. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz musste er wahrnehmen, wie dramatisch das Ansehen und die Bedeutung der katholischen Kirche hierzulande verfallen. Vielleicht ist es naiv, dass er ihr künftig als einfacher Seelsorger besser zu dienen glaubt. Eine demütige Besinnung auf die christliche Erlösungsbotschaft kann allemal mehr bewegen als Trotz vom hohen Ross herab.