Musikerinnen und Musiker
Corona und kein Ende: Experte fürchtet Kahlschlag in Kultur
Kulturschaffende in der Corona-Krise
Zwei Männer halten auf dem Königsplatz in München ein Banner mit der Aufschrift «#KulturErhalten».
Foto: Lino Mirgeler/dpa/Archivbild
Berlin/München – Die Situation für Kulturschaffende wird wegen der andauernden Corona-Pandemie nicht einfacher. Fachleute warnen vor der Abwanderung vieler Künstler in andere Berufe und richten konkrete Forderungen an die Politik.

Das Coronavirus hat Deutschland fest im Griff, die Politik versucht die Pandemie mit strengen Maßnahmen einzudämmen. Direkt betroffen davon sind weiterhin freischaffende Künstler. Der Präsident des Deutschen Tonkünstlerverbandes (DTKV), Christian Höppner, geht davon aus, dass sich die Lage für Künstler verschärfen wird. Viele Musiker seien auf dem Absprung und suchten sich einen neuen Job.

Die Einschränkungen zur Pandemiebekämpfung findet Höppner richtig, jedoch müsse für die Betroffenen mehr getan werden. «Die Zeit der Sonntagsreden ist jetzt vorbei», sagt er. «Sonst befürchte ich einen Kahlschlag für die kulturelle Vielfalt.»

Aus Höppners Sicht kommt es jetzt darauf an, «für freiberufliche Musikerinnen und Musiker den Zugang zu den Sozialsystemen zu erleichtern». Da sei zwar ein dickes Brett zu bohren, aber das müsse von der neuen Bundesregierung dringend angegangen werden. «Wir brauchen ein Sicherheitsnetz für alle, die kreativ unterwegs und freiberuflich tätig sind», sagt Höppner, der auch Generalsekretär beim Deutschen Musikrat in Berlin ist. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen drohe ein Fachkräftemangel durch Abwanderung in andere Berufe.

Es sind mehrere Punkte, die Höppner schwer im Magen liegen. Er zählt auf: Die Überbrückungsmaßnahmen sollten für Kulturschaffende bis zum Ende der Pandemie verlängert, Antragsverfahren entbürokratisiert und die Künstlersozialkasse gestärkt werden. «Außerdem», fügt er hinzu, «ist es ein Unding, dass von etlichen Kreativen das angeblich zu Unrecht erhaltene Überbrückungsgeld zurückgefordert wird. Das ist sehr schlechtes Timing!»

Er setzt durchaus Hoffnung in die neue Regierung. Aber: Eile sei geboten. «Ich höre zunehmend, dass sich Absolventen an den Musikschulen umorientieren, um in einem anderen Berufsfeld Fuß zu fassen.» Er selbst habe als Dozent an der Universität der Künste Berlin (UDK) eine ähnliche Entwicklung ausgemacht: Bewerber treten - trotz bestandener Aufnahmeprüfung - ihr künstlerisches Studium gar nicht erst an. «So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wenn das so weitergeht, ist das ein Desaster für den Kulturstandort Deutschland.»

Bernd Schweinar, Geschäftsführer des Verbandes für Popkultur, ist zuversichtlich, dass die Hilfsprogramme von Bund und Land über den 31.12.2021 hinaus verlängert werden. Eine kulturelle Existenzsicherung sei aber zwischen «Hilfsprogramm, Hoffnung, Auftritten, Absagen und Depression» nicht auf Dauer möglich. Der «Rockintendant» des Freistaates sieht aber auch die Kulturschaffenden in der Pflicht: «Die Kulturszene muss jetzt Farbe bekennen und endlich Position beziehen.»

So denke er gerade mit Wehmut an die Zeit der Friedensbewegung zurück, als sich zahlreiche Künstler und Künstlerinnen engagierten. «Das vermisse ich in der heutigen Pandemieproblematik», sagt er. «Es geht ja um nichts weniger als um ein funktionierendes Kulturleben mit Publikum.» Grund genug, um Klartext zu sprechen: «Wer sich durch seine Impfverweigerung ausgrenzt beziehungsweise die Kultur damit schädigt, den braucht die Kultur auch in Zukunft nicht im Publikum.» Für ungeimpfte Künstler hat Schweinar genauso wenig Verständnis: «Sie beschädigen unsere Bühnen.»

© dpa-infocom, dpa:211127-99-162001/2

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