Prozess
Geisterprozess um Abschuss der MH17 beginnt
Wie ein Puzzel zusammengesetzt: Teile der Boing, die am 17. Juli 2014 über der Ostukraine abgeschossen wurde.
Wie ein Puzzel zusammengesetzt: Teile der Boing, die am 17. Juli 2014 über der Ostukraine abgeschossen wurde.
Foto: Peter Dejong, dpa, Archiv
Brüssel – Das Hauptverfahren um den Abschuss des Fluges MH17 hat begonnen. Es gibt vier Verdächtige, aber die Verantwortung bleibt weiter unklar.

Es war eine stille Mahnung, die die Mitglieder der niederländischen Gruppe „Waarheidsvinding MH17“ (Wahrheitsfindung MH17) am vergangenen Sonntag, dem Tag vor der Eröffnung des Hauptverfahrens, vor der russischen Botschaft in Den Haag aufstellten: 298 weiße Stühle, geformt wie die Sitzordnung des Flugzeuges, das am 17. Juli 2014 zwischen 16.20 Uhr und 16.25 Uhr Ortszeit über der ostukrainischen Stadt Tores abstürzte. Zum dritten Mal sollte diese Installation an den Tod der Passagiere (unter ihnen 80 Kinder) und Besatzungsmitglieder des Fluges Malaysia Airlines MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur erinnern.

Hans de Borst, einer der Angehörigen, sagte: „Da wird ein Massenmord begangen, wenn vielleicht auch aus Versehen,und dann verschwindet man einfach. Das können wir nicht akzeptieren.“ Doch was ist die Wahrheit?

Abgeschirmtes Gebäude

Nach 25 Vorverhandlungstagen hat das Gericht aus Den Haag, das den Prozess in einem abgeschirmten Gebäude am Amsterdamer Flughafen führt, am Montag das Hauptverfahren gegen drei russische Staatsbürger und einen Ukrainer eröffnet. Keiner ist anwesend, nur einer lässt sich von einem Anwalt vertreten.

Sie seien an dem Abschuss der Boeing 777ER „beteiligt“ gewesen, heißt es. „Verantwortlich“ sind sie aber wohl nicht.

„Wir wissen nicht, wer den Befehl gegeben oder den Knopf gedrückt hat“, sagten Ermittler der internationalen Taskforce im Vorfeld. Aber die Niederlande, die mit 198 Opfern den größten Anteil der getöteten Passagiere stellen, wollen Aufklärung.

„Es war der größte Angriff auf niederländische Zivilisten seit dem Zweiten Weltkrieg“, erklärte der Anwalt Peter Langstraat, der zusammen mit weiteren Rechtsvertretern rund 600 Mandanten vor Gericht vertritt. „Jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Es ging durch die gesamte niederländische Gesellschaft.“

Staatsanwaltschaft und Ermittler gehen fest davon aus, dass der Jet in knapp elf Kilometern Flughöhe von einer Rakete des russischen Luftabwehrsystems Buk M1 getroffen wurde. Die Ermittler konnten beweisen, dass ein Buk-System am Tag des Abschusses vor Ort gebracht und wenige Stunden später (ohne die Rakete) nach Russland zurückgeschafft wurde. Moskau hatte zwar kurz nach dem Vorfall alle möglichen Theorien in Umlauf gebracht, die sich aber als falsch herausstellten. Zunächst war von einem Jagdbomber (aus der Ukraine?) die Rede, der MH17 angegriffen habe, was der 2014 noch amtierende Direktor des russischen Fernsehens, Konstantin Ernst, fünf Jahre später selbst als „Fehler“ bezeichnete. Hinweise auf eine Tat durch prorussische Rebellen fanden die Fahnder in abgehörten Telefonaten. Die zeigten aber auch, dass die Separatisten noch kurz nach dem Absturz davon ausgingen, ein ukrainisches Militärflugzeug getroffen zu haben. Der Abschuss von MH17 war offenbar ein Versehen. Das wiederum macht eine Mordanklage vor Gericht schwierig, weil der konkrete Vorsatz fehlt. Hinzu kommt, dass der Status der Ostukraine zur damaligen Zeit schwierig zu beurteilen ist. War es ein Krieg? Dann läge ein Kriegsverbrechen vor. Der niederländische Chefermittler Fred Westerbeke zeigte sich im Vorfeld des Verfahrens überzeugt, dass vor Gericht eine Beteiligung Russlands an der Tragödie nachgewiesen werden kann.

Dreidimensionales Puzzle

Mitte dieses Monats kommt zunächst die Staatsanwaltschaft zu Wort. Dann folgen weitere Anhörungen von Experten und Ermittlern, ehe im September die Angehörigen der Opfer vor Gericht aussagen. Das dürfte noch einmal sehr belastend für das Land werden. Nur wenige Hinterbliebene hatten die Kraft, die Trümmerteile des geborgenen Wracks, die von den Ermittlern wie ein dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt wurden, um die Ursache der Explosion anhand von Spuren genau herauszufinden, persönlich anzusehen. Bis heute leiden viele unter dem Schock der Todesnachricht und den anschließenden Enthüllungen. Der frühere US-Präsident Barack Obama zog vor Jahren bereits Parallelen zu den Angriffen auf New York und Washington und nannte den Abschuss von MH17 einmal „Europas 11. September 2001“. Die russische Regierung bezeichnete das nun eröffnete Hauptverfahren dagegen abwertend als „Theaterinszenierung“. Wann mit einem Urteil zu rechnen ist, blieb gestern offen. Und ob es am Ende mehr Wahrheit geben wird, weiß auch niemand.

KOMMENTAR von Detlef Drewes

Das Mahnmal MH17

Vier Monate vor dem Abschuss des malaysischen Passagier-Jets mit 298 Menschen an Bord hatte Russland die Krim annektiert. Drei Monate vorher brach in der Ostukraine jener bewaffnete Konflikt aus, den man weniger beschönigend als Krieg bezeichnen muss. Diese Ereignisse hängen zusammen, sagen die internationalen Ermittler, weil die Rakete, die das Flugzeug traf, Teil der Kampfhandlungen am Boden und der russischen Expansionspolitik waren.

Die Europäische Union schloss sich der Einschätzung später an und verhängte auf der Grundlage der Ermittlungsergebnisse Sanktionen gegen Moskau. Diese Abfolge ist deshalb wichtig, weil das niederländische Gericht, das am Montag in Amsterdam das Hauptverfahren eröffnet hat, vor einer nur schwer zu erfüllenden Aufgabe steht. Es soll die Schuldfrage klaren, die Verantwortung benennen, obwohl schon im Vorfeld klar zu sein scheint, dass die Beschuldigten vielleicht beteiligt waren, aber sicherlich nicht die politische und strafrechtliche Schuld tragen.

Der Abschuss von MH17, so kristallisierte sich im Lauf der Untersuchungen immer deutlicher heraus, war wohl eher ein Kollateralschaden, ein Irrtum – mit 298 unschuldigen Opfern. Es ist eine unerträgliche Antwort, die den Hinterbliebenen da offenbar bevorsteht.

Sie verloren ihre Lieben wegen eines Versehens.