Brexitfolgen
Brexit sorgt für leerere Lebensmittel-Regale
Lastwagen stehen im nordirischen „Belfast Harbour“, einem der wichtigsten Gütertransitpunkte zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union. Die britische Regierung hat die Regelung für den Handel  mit  Nordirland  erneut aufgeschoben.
Lastwagen stehen im nordirischen „Belfast Harbour“, einem der wichtigsten Gütertransitpunkte zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union. Die britische Regierung hat die Regelung für den Handel mit Nordirland erneut aufgeschoben.
Foto: Brian Lawless, dpa
London – Britische Regierung schiebt die Regelung für den Handel mit Nordirland erneut auf: Folgen des Brexits auf den Lebensmittelhandel.

Ob zum Kartoffelbrei beim sonntäglichen Lunch oder mit einem Rührei zum Frühstück. Die Briten lieben ihre Würstchen, die sie liebevoll „Bangers“ nennen. Und so wundert es nicht, dass ausgerechnet um dieses Lebensmittel im Zug des Brexit ein besonders eifrig geführter Streit mit der EU ausgebrochen ist, den Beobachter schon vor Monaten „Sausage War“ getauft haben, den „Würstchenkrieg“.

Dabei geht es um die Frage, ob Würstchen und andere Waren von Großbritannien nach Nordirland transportiert werden dürfen. Laut dem sogenannten Nordirland-Protokoll, welches Teil des Brexit-Abkommens zwischen dem Königreich und der EU ist, soll der Austausch ohne Kontrollen in Zukunft eigentlich nicht mehr möglich sein. Die letzte Frist für die Übergangsregelung endete am 30. September.

Nun haben die Briten in der Sache jedoch eigenmächtig entschieden: wieder einmal. Der konservative Brexit-Minister David Frost teilte in einer schriftlichen Stellungnahme an das Unterhaus mit: „Um möglichen weiteren Diskussionen Raum zu verschaffen und Unternehmen währenddessen Sicherheit zu geben, wird die Regierung das Protokoll auf seiner jetzigen Grundlage weiterführen.“ In anderen Worten: Die Übergangsregelung soll weiter gelten, auf unbestimmte Zeit.

EU plant keine rechtlichen Schritte

In Brüssel reagierte man auf diese Ankündigung weniger erfreut. Es handele sich um ein internationales Abkommen, dem alle Seiten rechtlich verpflichtet seien, hieß es in einer Stellungnahme der EU-Kommission. Weitere rechtliche Schritte wolle man aber vorerst nicht einleiten.

Der Fokus liege darauf, praktische Lösungen für die Umsetzung des Protokolls zu finden. Von London geforderte Neuverhandlungen schloss die EU-Kommission aus.

Viele Lebensmittel sind schon Mangelware

In Großbritannien geht es aktuell aber nicht nur um die Wurst. Auch andere Lebensmittel und Waren sind mittlerweile zum Teil schwer zu kriegen – hierzu zählen insbesondere Gemüse und Obst sowie Brot, Bier, Fleisch und Milch. Dies bestätigen auch viele Deutsche, die in London leben.

„Bis jetzt habe ich immer alles bekommen, was ich brauche, aber die Regale sind leerer“, beschreibt Eva Maler die Lage, die im Stadtteil Walthamstow lebt und regelmäßig bei der britischen Supermarkt-Kette Sainsbury’s und bei Lidl einkaufen geht. Außerdem seien die Waren oft weniger frisch, ergänzt die 33-jährige Leiterin einer Sprachschule.

Gleichzeitig gebe es aber keinen Grund zur Panik, betonen viele. Man bekommt alles, nur eben nicht überall und immer, so der Tenor.

Es ist die Kombination aus Brexit und Pandemie, die dazu führt, dass Supermarktregale häufiger leer bleiben. Denn laut Angaben der Lebensmittelindustrie hat man schlicht zu wenig ausländische Arbeiter, um Gemüse zu ernten und Fleisch zu verarbeiten, berichtet die Zeitung „The Economics“.

Hinzu kommt der massive Mangel an Lastwagenfahrern. Es fehlen aktuell rund 100 000 Fahrer, gibt der Logistikverbands Road Haulage Association an.

Situation führt zu steigender Inflation

Die Gründe für den Arbeiter-Mangel sind vielfältig. Viele beschlossen angesichts der Pandemie, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Änderungen im Steuerrecht hätten laut Experten außerdem dazu geführt, dass das Arbeiten in Großbritannien für Migranten teurer wurde.

Logistikunternehmen baten die Regierung darum, Fahrern vorübergehende Visa auszustellen. Dies lehnte diese jedoch ab.

Die Kombination aus einem Mangel an Arbeitern und Lieferengpässen führt nun zu einem weiteren Problem: einer Zunahme der Inflation. Der Preis von Tomaten hat sich im vergangenen Jahr fast verdoppelt, berichtet die BBC. Und ein Ende der Preissteigerung ist nicht in Sicht.

Rebecca McDonald, Wirtschaftswissenschaftlerin bei der Joseph Rowntree Foundation, sagte gegenüber Medien: „Millionen Familien fragen sich nun, wie sie in Zukunft noch ihre Lebenshaltungskosten bestreiten sollen.“