Vorwürfe
Der Absturz eines Corona-Stars
Seit diesem Dienstag ist der einstige Hoffnungsträger Andrew Cuomo endgültig zum Problemfall der Demokraten geworden.
Seit diesem Dienstag ist der einstige Hoffnungsträger Andrew Cuomo endgültig zum Problemfall der Demokraten geworden.
Foto: Seth Wenig, dpa
New York – Nach der detaillierten Dokumentation zahlreicher Belästigungsvorwürfe verliert der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo den Rückhalt seiner Partei.

Gerade mal anderthalb Jahre ist es her, dass Andrew Cuomo zum nationalen Star wurde. Die Corona-Pandemie wütete gnadenlos und forderte in New York täglich mehr als 300 Menschenleben. Verlässlich, nüchtern und doch empathisch trat da der Gouverneur jeden Tag vor die Kameras und legte traurige Rechenschaft ab. „Das sind viele Verluste, viele Schmerzen, viele Tränen und viel Trauer“, sagte Cuomo. Der Kontrast zum Präsidenten Donald Trump, der über die Einnahme von Desinfektionsmitteln und seine eigene Großartigkeit fabulierte, hätte nicht größer sein können.

Bald darauf bekam das Bild des telegenen Landesvaters erste Kratzer. Doch seit diesem Dienstag ist der einstige Hoffnungsträger endgültig zum Problemfall der Demokraten geworden. Da legte nämlich die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James ihren Untersuchungsbericht über die seit Ende 2020 kursierenden Vorwürfe der sexuellen Belästigung vor. Der Report dokumentiert auf 169 Seiten detailliert die Aussagen von elf Frauen, die sich über ungewollte Berührungen, Küsse, Umarmungen und anzügliche Kommentare des 63-Jährigen beklagen. Cuomo habe eine für Frauen „feindliche Arbeitsumgebung“ geschaffen, urteilt James. Die Mitarbeiterinnen seien ständig einem „Zwiespalt von Angst und Flirt“ ausgesetzt.

Strip-Poker mit Mitarbeiterin

Berichte, denenzufolge Cuomo während eines Fluges eine Mitarbeiterin zum Strip-Poker animierte, eine andere Untergebene nach ihren Beziehungen zu älteren Männern ausfragte und eine Bekannte ungewollt küsste, waren schon in den vergangenen Monaten bekannt geworden. Neu ist in dem Bericht unter anderem die Schilderung einer Polizistin, die Cuomo zum Personenschutz zugeteilt wurde. Ihr soll der Gouverneur mit der Hand oder den Fingern über den Bauch gestreichelt, sie auf den Nacken geküsst und sie gefragt haben, warum sie kein Kleid trage. „Die Fakten sind ganz anders, als sie hier dargestellt werden“, wies Cuomo die Vorwürfe in einer Videobotschaft zurück und behauptete: „Ich habe nie jemanden unangemessen berührt oder unangemessene sexuelle Avancen gemacht.“ Der seit 2011 amtierende Gouverneur beruft sich auf seinen persönlichen Stil. Außerdem legte er Fotos anderer Politiker – darunter auch Kanzlerin Angela Merkel – vor, die beweisen sollen, dass herzliche Umarmungen in der Politik zum Geschäft gehören. An Konsequenzen denkt er offenbar nicht.

Doch der politische Rückhalt des geschiedenen Vaters dreier Töchter schwindet rapide. „Ich lobe die Frauen, die ihre Wahrheiten ausgesprochen haben“, sagte Nancy Pelosi, die mächtige demokratische Präsidentin des Repräsentantenhauses. Wie ihr Senatskollege Chuck Schumer forderte sie Cuomo zum Rücktritt auf. Auch Präsident Joe Biden, der mit Cuomo befreundet ist, schloss sich der Forderung an. Kurz darauf veröffentlichten die Gouverneure der Nachbarstaaten Pennsylvania, New Jersey, Rhode Island und Connecticut eine Erklärung, in der sie ihren Kollegen zur Amtsniederlegung drängten.

Im Me-too-Zeitalter scheint ein Verbleib Cuomos auf dem Posten eigentlich undenkbar. Doch nicht einmal der Präsident kann den patriarchalischen Landesvater zum Rückzug zwingen, der nach bisheriger Planung 2022 noch einmal kandidieren und die Amtsdauer seines Vaters Mario Cuomo übertreffen will, der den Bundesstaat von 1983 bis 1994 führte.

Die Karriere beenden könnte hingegen ein Amtsenthebungsverfahren, das der Vorsitzende des New Yorker Repräsentantenhauses, der Demokrat Carl Heastie, nun einleiten will.

Das Image ist beschädigt

Vieles hängt deshalb davon ab, wie sich die öffentliche Meinung über Cuomo entwickelt, der einstmals Traum-Zustimmungswerte jenseits der 70-Prozent-Marke genoss. Das Image des perfekten Krisenmanagers ist bereits beschädigt, seit im Frühjahr bekannt wurde, dass Cuomo die tatsächlichen Todeszahlen in Pflegeheimen verschleiern ließ.

Die ortsansässige „New York Times“, die im Frühjahr 2020 geschwärmt hatte, Cuomo erwecke mit seinen Auftritten in beängstigenden Zeiten das beruhigende Gefühl, an einem „großen italienischen Familien-Esstisch“ zu sitzen, hat ihr Urteil jedenfalls gefällt: „Wenn Cuomo sich so sehr um das Wohlergehen des Bundesstaates und seiner Bürger sorgt, wie er im Laufe der Jahre gesagt hat, muss er das Richtige tun und zurücktreten“, forderte das Blatt in seinem Leitartikel.

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