Nahrung fehlt
Der Hunger auf der Welt wird größer
Eine Mutter mit ihren drei Kindern auf Madagaskar. Im neuen „Welthunger-Index“ wird die Hunger-Situation auf der Insel als „sehr ernst“ eingestuft.
Eine Mutter mit ihren drei Kindern auf Madagaskar. Im neuen „Welthunger-Index“ wird die Hunger-Situation auf der Insel als „sehr ernst“ eingestuft.
Foto: Tsiory Andriantsoarana/WFP/dpa
Berlin – Durch Corona, Kriege und Klimawandel haben immer mehr Menschen zu wenig zu essen. Große Sorgen macht der Welthungerhilfe die Lage in Afghanistan.

Schritt der Kampf gegen den Hunger auf der Welt schon bisher nur langsam voran, sorgen Corona-Pandemie, Klimakrise und Kriege nun für Rückschläge. Um die Sicherung der Ernährung großer Teile der Weltbevölkerung steht es schlecht, warnt die Welthungerhilfe.

Laut dem akutellen „Welthunger-Index“ der 1962 gegründeten gemeinnützigen Organisation, der am Donnerstag vorgestellt wurde, litten im vergangenen Jahr weltweit rund 811 Millionen Menschen Hunger. 41 Millionen standen kurz vor einer Hungersnot.

Die Zahl der akut unterernährten Menschen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 20 Millionen auf 161 Millionen Menschen. In dem Papier heißt es: „Die Welt ist bei der Hungerbekämpfung vom Kurs abgekommen und entfernt sich immer weiter vom verbindlichen Ziel, den Hunger bis 2030 zu besiegen.“

Somalia am schlimmsten betroffen

Als eines ihrer 17 Nachhaltigkeitsziele hatten sich die Vereinten Nationen dazu bekannt, den Hunger bis 2030 zu beenden. Nach anfänglichen Fortschritten begann die Zahl der Hungernden vor einigen Jahren wieder zu steigen – zunächst nur leicht. Nun beschleunigt sich der Abwärtstrend. Besonders heftig betroffen seien die Länder Jemen, Afghanistan, Madagaskar und Südsudan. Am schlimmsten ist die Situation demnach in Somalia.

Für den Bericht wurde die Ernährungssituation in 128 Ländern untersucht, die Ergebnisse bestätigen laut der Organisation „die deutlichen Rückschritte bei der Hungerbekämpfung“. 47 Länder werden den Zahlen zufolge bis 2030 noch nicht einmal ein niedriges Hungerniveau erreichen. Von diesen Ländern liegen 28 in Afrika südlich der Sahara.

Marion Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe, sagte: „Unsere Befürchtungen im letzten Jahr haben sich leider bestätigt. Hungersnöte sind zurück und multiple Krisen lassen die Zahl der Hungernden immer weiter steigen.“ Mitverantwortlich sei die Corona-Pandemie, die die angespannte Ernährungslage in vielen Ländern des Südens noch einmal verschärft habe.

„Millionen Familien haben ihre Existenzgrundlage verloren“, sagte sie. Hauptursachen für den Hunger aber blieben bewaffnete Auseinandersetzungen und der Klimawandel.

Dem Bericht zufolge leben mehr als die Hälfte aller unterernährten Menschen in Ländern, die von Gewalt betroffen sind. Wo Krieg herrscht, werden Ernten, Felder und lebensnotwendige Infrastruktur zerstört.

„Die Menschen verlassen ihre Dörfer aus Angst und sind auf humanitäre Hilfe zum Überleben angewiesen“, sagte Thieme. Die Weltgemeinschaft müsse endlich dagegen vorgehen, dass Hunger als Kriegswaffe eingesetzt wird.

Der Welternährungs-Index wird seit 2006 von der deutschen Welthungerhilfe erhoben, seit 2007 in Zusammenarbeit mit der irischen Partnerorganisation Concern Worldwide. Die Studie basiert auf vier Kennwerten: dem Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung, dem Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die an Auszehrung und dem daraus resultierenden Untergewicht leiden, dem Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die wegen Mangelernährung wachstumsverzögert sind und der Kindersterblichkeit.

Besorgniserregende Lage in Afghanistan

Große Sorgen macht der Welthungerhilfe die Lage in Afghanistan. Nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban 20 Jahre nach dem Ende des von den USA angeführten Militäreinsatzes drohe dort eine humanitäre Katastrophe. Mehr als die Hälfte der Einwohner sei auf humanitäre Hilfe angewiesen, jeder dritte gehe täglich hungrig ins Bett, so Welthungerhilfe-Generalsekretär Mathias Mogge.

Jahrzehntelanger Bürgerkrieg, Korruption, Dürren und Überschwemmungen als Folge des Klimawandels sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie hätten Afghanistan an den Abgrund geführt. Dennoch setze die Welthungerhilfe ihre Arbeit am Hindukusch unter schwierigen Bedingungen fort, kündigte er an. Weiterhin soll Nothilfe geleistet werden. Eine Aufnahme der Entwicklungszusammenarbeit hänge aber davon ab, „wie sich die Taliban verhalten“.