Kirche
Marx-Rücktritt erzeugt Wirbel im Vatikan
Papst Franziskus bei der Heiligen Messe zu Fronleichnam. Das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx schlägt auch im Vatikan hohe Wellen.
Papst Franziskus bei der Heiligen Messe zu Fronleichnam. Das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx schlägt auch im Vatikan hohe Wellen.
Foto: Giuseppe Lami/ANSA Pool/AP/dpa
Rom – Kardinal Marx übernimmt Verantwortung für institutionelles Versagen der Kirche im Missbrauchsskandal: Rücktrittsangebot sorgt für Wirbel im Vatikan.

Reinhard Kardinal Marx, der am Freitag Papst Franziskus seinen Amtsverzicht als Erzbischof von München und Freising angeboten hat, ist im Vatikan eine einflussreiche Figur. Seit sieben Jahren zählt Marx zum K-7 genannten Beraterkreis des Papstes, der dieser Tage in seiner 37. Versammlung die Reform der römischen Kurie wieder ein Stück weiterbringen soll. Marx ist außerdem Vorsitzender des Wirtschaftsrates im Vatikan, einer bedeutenden Koordinationsstelle für Finanzfragen. Beide Ämter wird der Kardinal beibehalten.

Der angebotene Rücktritt des Erzbischofs, der vom Papst angenommen oder abgelehnt werden kann, hat auch im Vatikan für Unruhe gesorgt. Schließlich hat Marx seinen Schritt nicht mit einer direkten Verantwortung im Missbrauchsskandal begründet, sondern damit, dass er dem „institutionellen Versagen“ der Kirche bei diesem Thema Rechnung tragen wolle. Doch dieser Motivation allein traut man im Vatikan offenbar nicht. So ist von Vatikan-Mitarbeitern zwar zu hören, dass die Geste „großen Respekt“ verdiene – obwohl abzuwarten sei, ob der Papst diesem Gesuch tatsächlich stattgeben werde.

Apostolische Visitatoren in Köln

Der Vatikan ist auch eine Schlangengrube. Es kommt vor, dass man der Redlichkeit der Motive der eigenen Leute nicht vertraut. Auch in Rom sieht man die Ankündigung von Marx als Hypothek für Rainer Maria Kardinal Woelki in Köln, der sich trotz Vorwürfen an sein Amt klammert. Am Montag sind die Apostolischen Visitatoren Anders Arborelius und Hans van den Hende auf Veranlassung von Franziskus im Erzbistum Köln eingetroffen. Doch auf die vielleicht wichtigste Verbindung zwischen Rücktrittsangebot und Kirchenpolitik weisen andere Beobachter hin.

Es geht um einen Passus im Brief des Erzbischofs an den Papst, in dem vom „toten Punkt“ die Rede ist, der zum „Wendepunkt“ werden könne. „Ein Wendepunkt aus dieser Krise“, so Marx, „kann aus meiner Sicht nur ein ,synodaler Weg’ sein“.

„Keine Filiale“ Roms

Ein springender Punkt scheint auch das Verhältnis zwischen Papst und Kardinal zu sein. Marx sah sich nach dieser Interpretation vor allem zu Beginn des Pontifikats als Motor des Reformkurses. Franziskus erkor die Synoden genannten Bischofsversammlungen als Vehikel für schrittweise Veränderungen in der Kirche, so etwa mit der ausnahmsweisen Zulassung von Wiederverheirateten zu den Sakramenten nach den Familiensynoden 2014 und 2015.

Marx, so erinnert man sich im Vatikan, habe damals behauptet, die katholische Kirche in Deutschland sei „keine Filiale“ Roms. Die Hoffnung, Bischofskonferenzen würden wie im päpstlichen Programmschreiben Evangelii Gaudium „Lehrautorität“ bekommen, zerschlug sich allerdings. Als die Bischofskonferenz unter Marx 2019 selbst einen Synodalen Weg einschlug, um die Reformen voranzutreiben, griffen Franziskus´ Männer ein, weil befürchtet wurde, ein deutscher Sonderweg würde die Universalkirche vor eine Zerreißprobe stellen. Der Papst bekam kalte Füße.

Indem Marx sein Amt zur Verfügung stellt, weise er Franziskus mit Nachdruck auf den aus seiner Sicht einzigen Ausweg aus dem Dilemma hin: die Intensivierung des ins Stocken geratenen Synodalen Weges.

Ob das einen Affront gegen Franziskus darstellt oder einen Versuch, der Wende Kraft zu verleihen, steht dahin. Ein „schwerer Schlag für das Pontifikat von Franziskus“, interpretierte die italienische Zeitung „Il Foglio“.