Flutkatastrophe
Wetterforscher: Behörden haben versagt
Sirene
Vor den extremen Überschwemmungen im Westen Deutschlands ist nur ein Teil der Bevölkerung mit Sirenengeheul gewarnt worden. Wie ist die Lage in Franken=
Foto: Jens Büttner, dpa
Berlin – Hätte eine Warnung einige der vielen Hochwassertoten in Süd- und Westdeutschland retten können?

Könnten manche der bislang mehr als 160 Todesopfer des Hochwasser-Dramas in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Bayern noch leben, wenn sie rechtzeitig vor den Fluten gewarnt worden wären? Während die Lage in den Katastrophengebieten sich ganz langsam entspannt, wird heftig diskutiert, ob Frühwarnsysteme und Alarmierungsketten gut genug funktioniert haben.

„Schwere Versäumnisse“

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sieht „schwere Versäumnisse“, für die Bundesinnenminister Horst Seehofer die Verantwortung trage. Die Warnungen der Meteorologen seien den Menschen unzureichend kommuniziert worden. Von einer „Flutkatastrophe mit Ansage“ spricht Dominik Jung vom Internetportal wetter.net. Dieser Redaktion sagte der Diplom-Meteorologe, dass den Wetterexperten seit Tagen klar gewesen sei, dass da „etwas Großes im Anmarsch ist“. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) habe schon am vergangenen Dienstag Unwetterwarnungen mit extremen Niederschlagsmengen herausgegeben. Doch die öffentlichen Stellen hätten nicht entsprechend auf die Prognosen reagiert. Jungs Fazit: „Im Vorfeld dieser Flutkatastrophe haben die Behörden total versagt. Eine Sprecherin des zuständigen Bundesverkehrsministeriums bestätigte, dass der DWD das Unwetter bereits zwei Tage vorher angekündigt habe.

Monumentales Systemversagen

„Monumentales Systemversagen“ konstatiert die britische Hydrologin Hannah Cloke. Die Professorin der Universität Reading ist eine der Entwicklerinnen des europäischen Hochwasser-Warnsystems (Efas), über das die Regierungen Belgiens und Deutschlands bereits vier Tage vor Beginn des Hochwassers an Rhein und Meuse gewarnt worden seien. 24 Stunden vorher sei den deutschen Stellen dann nahezu präzise vorhergesagt worden, in welchen Gegenden Überflutungen drohten. Genannt worden seien dabei auch jene Gebiete an der Ahr, in denen mehr als 110 Menschen als Folge der Überschwemmungen ihr Leben verloren. „Irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, so dass die Warnungen nicht bei den Menschen angekommen sind“, sagte Cloke.

Karl-Heinz Banse, der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands forderte gegenüber dieser Redaktion „eine Aufarbeitung und Evaluierung“ der Katastrophe. „Dabei ist auch zu klären, ob etwa Warnsysteme angepasst werden müssen – beispielsweise mit der analog angesteuerten Sirene als Ergänzung zu digitalen Medien.“

Für Forderungen oder gar Schuldzuweisungen sei jetzt zwar noch nicht der angemessene Zeitpunkt, doch er verspricht: „Wir werden nach der Bewertung auch den Finger in die Wunde legen.“

Bereits bei einem bundesweiten „Warntag“ im vergangenen Jahr hatte sich gezeigt, dass es vielerorts keine funktionierenden Sirenen mehr gibt. Im Katastrophenschutz setzt Deutschland heute unter anderem auf Warn-Apps wie „Nina“ – doch Experten bemängeln, dass durch sie etwa Schlafende nicht erreicht werden.

„Billige Wahlkampfrhetorik“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte am Montag, dass die Meldewege, soweit der Bund zuständig sei, funktioniert hätten. Manche Kritik sei einer „billigen Wahlkampf-Rhetorik“ zuzuordnen.

Die föderale Struktur im Katastrophenschutz verteidigte er. Im Hochwasser-Krisengebiet in Euskirchen sagte Seehofer: „Zentralismus verbessert hier gar nichts“. Dennoch müssten sich Bund, Länder und Gemeinden Gedanken machen, welche Lehren aus dem Umgang mit der Hochwasserkatastrophe zu ziehen seien.

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