80. Geburtstag
Das Urgestein der Forchheimer Stadtpolitik
Mit sich und der Welt im Reinen: Jubilar Rainer Herrnleben
Mit sich und der Welt im Reinen: Jubilar Rainer Herrnleben
Foto: Mike Wuttke
Forchheim – Stadtpolitik nach dem Krieg währt in diesem Jahr 75 Jahre, nachdem 1946 der erste Forchheimer Stadtrat gewählt worden ist. 42 Jahre davon erlebte und ...

Stadtpolitik nach dem Krieg währt in diesem Jahr 75 Jahre, nachdem 1946 der erste Forchheimer Stadtrat gewählt worden ist. 42 Jahre davon erlebte und gestaltete Rainer Herrnleben mit, meist in verantwortlicher Position. Er war für die SPD Stadtrat, Fraktionsführer und eine Wahlperiode lang sogar Dritter Bürgermeister. Parallel dazu vertrat er genau so lange die Interessen der Stadt im Forchheimer Kreistag. Der Name Herrnleben hat lokale Geschichte geschrieben, nicht wenige sehen in ihm ein „Urgestein“ der Forchheimer SPD. An diesem Mittwoch feiert er seinen 80. Geburtstag.

Den Besucher empfangen aufmerksame Blicke, gespannt auf das, was kommt, oft unterbrochen von seinem typischen hellen Lachen. Der Jubilar ist mit sich und seiner Welt im Reinen, obwohl er auf Rollstuhl und Rollator angewiesen ist, treu umsorgt von Ehefrau Ottilie. Auf seine Jahre in der Politik und im Beruf, ebenfalls 42 Jahre im Dienste der AOK, blickt er entspannt zurück.

Kein Groll über Niederlagen

Kein Groll, kein Bedauern über Niederlagen z.B. bei Kandidaturen für den Landtag, den Landrat und den Oberbürgermeister, dafür Freude über Erfolge seines Mitwirkens, die für die Sozialdemokraten in Forchheim angesichts der konservativen Übermacht dünn gesät waren.

Wenn man ihn auf bestimmte Ereignisse anspricht, ruft er den Hintergrund dazu sofort aus dem Gedächtnis ab: Die „goldenen Jahre“ der SPD 1970 bis 1972, als Willy Brandt Kanzler war und gute Ergebnisse im Land und in der Stadt eingefahren wurden, der Ortsverein 400 Mitglieder hatte, er Vorsitzender war; die Weichenstellung zum Industriestandort im Forchheimer Süden mit der steten Mahnung, die sozial Benachteiligten nicht zu vergessen, und im Landkreis der Kampf um eine Gesamtschule Gräfenberg mit seinem Parteikollegen Dankwart Reining. Die Kreisreform ab 1972, als Jürgen Kränzlein aus Gößweinstein an der Seite des Fraktionsvorsitzenden Herrnleben den Landrat Otto Ammon herausforderte, und die Ablösung des CSU-Bürgermeisters Kaul in Gräfenberg durch den „Sozi“ Hans Nekolla.

Herrnleben nennt den Namen Albert Dorn. Ein Mitstreiter in der Fraktion seit 1972, sozial engagiert, der kürzlich für seine 42 Jahre im Stadtrat und bei der Awo als Kreisvorsitzender die Verdienstmedaille des Bezirks erhielt: „Den habe ich damals in der Schlossergasse für ein Mitmachen bei der SPD geworben“.

Seine schönsten Jahre in der Stadtpolitik, so gesteht der Jubilar, seien die seiner Amtszeit als Dritter Bürgermeister 1990 unter OB Franz Stumpf (CSU) gewesen. Dieser würdigte bei der Überreichung des Goldenen Ehrenringes der Stadt die Loyalität von Herrnleben auch über die Interessen der SPD-Parteimitglieder hinweg. Zu dieser Auszeichnung kam noch die Willy-Brandt-Medaille, die höchste Auszeichnung, die die SPD vergeben kann.

Entscheidend dafür, sich aus den Erfahrungen der Hitlerdiktatur für Politik zu interessieren, sei der Rat seines Großvater gewesen, Rektor Hans Spörl in Heiligenstadt. Er habe ihm auch den Weg aufgezeigt: Die Katholiken seien eher bei den „Schwarzen“, der CSU zu verorten, den Evangelischen lägen die Sozialdemokraten näher.

Herrnleben, in Forchheim geboren, engagierte sich bei den Jungsozialisten und im Diskussionszirkel des Kreisjugendrings, aus dem das parteiübergreifende Jugendforum hervorging. Der Zweite Bürgermeister Fritz Hoffmann, der DGB-Kreisvorsitzende Georg Hüller, und Alfred Hintzen, Vorsitzender des Stadjugendrings, waren ihm Vorbilder, und 1972 war es so weit: erste Wahl in den Stadtrat.

Und die Merkel-Raute?

Herrnleben war nie einer, der politisch aus der Hüfte schoss. Sein Naturell war das Nachdenken und das Abwägen, und damit hat er auch Parteifreunde zuweilen genervt. Seine Maxime war, so sagt er zurückblickend, „mit der Zeit zu gehen und voranzugehen, Alternativen aufzuzeigen. Aber immer seine Meinung sagen“.

Als es zum Foto kommt, müssen seine Hände irgendwo hin. „Soll ich die Merkel-Raute machen ?“, fragt er und lacht. Also irgendwie im Geiste mit ihrer Art von Politikverständnis verwandt.