Deportation am frühen Morgen
Kinder und Eltern mussten sich am 22. Oktober 1946 am Jenaer Bahnhof von Freunden und Nachbarn verabschieden.
Kinder und Eltern mussten sich am 22. Oktober 1946 am Jenaer Bahnhof von Freunden und Nachbarn verabschieden.
Foto: Goethel/Schrumpf
Höchstadt a. d. Aisch – Geschichte  Vor 75 Jahren führte das Militär der damaligen UdSSR in der sowjetischen Besatzungszone eine geheime Aktion durch, in deren Verlauf bald auch die heutige Höchstadter Partnerstadt Krasnogorsk eine Rolle spielen sollte.

Deutschland war nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 und dem Zusammenbruch der zivilen Verwaltung in die britische, französische, US-amerikanische und sowjetische Zone (SBZ) aufgeteilt worden. Schon vor dem Kriegsende wurden von den Siegermächten Strategien entwickelt, um an das hoch qualifizierte militärtechnische Know-how und die Ingenieure und Forscher in Deutschland heranzukommen. Der bekannteste Fall ist die Festnahme des Raketeningenieurs Wernher on. Braun in den Alpen mit seinem Team und der heimliche Transport in eine entlegene Gegend in die USA.

Die Sowjets gründeten in ihrer Zone mit der Militärverwaltung viele Firmen, in denen sie ausgesuchte Facharbeiter und Ingenieure beschäftigten. Da sich immer wieder Personal in die Westzonen absetzte und zudem im Rahmen der alliierten Abkommen nicht erlaubte Waffenentwicklungen in Deutschland stattfanden, beschloss der Ministerrat der UdSSR im Mai 1946, rund 2000 deutsche Spezialisten in einer streng geheim geplanten Aktion, Ossawakim genannt, in die UdSSR zu deportieren. In der Realität wurden es fast 3000 „Spezialisten“, mit ihren Familienangehörigen rund 8000 Personen, wobei die überlieferten Zahlen erheblich untereinander abweichen. Sie waren in der Luftfahrtforschung, Hochfrequenztechnik und Elektronik, Raketenforschung, Atomforschung, Chemie sowie Optik beschäftigt.

Keinen Verdacht geschöpft

Die Geheimhaltung hatte funktioniert, auch wenn vor der geheimen Aktion einzelne Beobachtungen nachdenklich machten. So wunderte man sich, dass in Bahnhöfen plötzlich längere Züge standen oder geplante Projekte in den sowjetischen Firmen auf später verschoben wurden. Aus sowjetischer Sicht war die Aktion ein Teil der deutschen Reparationsleistung für die beim militärischen Überfall auf die UdSSR angerichteten Schäden.

Als die betroffenen Spezialisten am sehr frühen Morgen des 22. Oktober 1946 von den bewaffneten Soldaten und Dolmetschern überraschend geweckt wurden, durften sie noch persönliche Gegenstände sowie ihre Frauen und Kinder mitnehmen. Das Ziel war unbekannt. In der UdSSR standen nach anfänglichen Schwierigkeiten bessere Quartiere als für die einheimischen Bürger zur Verfügung. Der Lohn für die Spezialisten war recht hoch, so dass einmal im Monat sogar Lebensmittelpakete in die SBZ geschickt werden konnten. Auch Geldüberweisungen waren möglich. Am Zielort angekommen, sollten die in der SBZ demontierten Maschinen wieder aufgebaut und in Betrieb genommen werden.

Viele der Zeiss-Optik-Spezialisten aus Jena kamen nach Krasnogorsk („schöner Berg“) am westlichen Stadtrand von Moskau. Seit 2003 hat Krasnogorsk die deutsche Partnerstadt Höchstadt. Insofern liegen auch sehr persönliche Informationen von russischen Zeitzeugen vor.

50 ehemalige Kinder der ehemaligen Optik-Spezialisten trafen sich am 22. Oktober 2016, 70 Jahre nach der Deportation, in Jena und tauschten ihre Erinnerungen aus. Sie waren durchweg positiv. Auch wenn damals die Wohnungen keine Bäder hatten und im Winter schwer zu heizen waren. Im Vergleich zu den sowjetischen Standardquartieren, drei Familien in Drei-Zimmer-Wohnungen, waren sie regelrecht luxuriös. Einige der Häuser sind heute noch von Krasnogorskern bewohnt.

Ein deutsches Viertel

Im Krasnogorsker optischen Werk, so berichtete Peter Hoffmann, entwickelten die deutschen Spezialisten Bild- und Vermessungsgeräte, die dann in die Produktion gingen. Man musste enttäuscht mitansehen, wie viele in Jena demontierte Geräte im Hof verrosteten, weil sie nicht benutzt werden konnten. Eigenartig war auch das russische Verständnis von Kultur im Sommer. Die deutschen Spezialisten wurden zum Umziehen bei der Hitze nach Hause geschickt, als sie mit kurzen Hosen zur Arbeit kamen: „Nix kultura!“

Die deutsche Gruppe lebte in einem durch einen niedrigen Zaun getrennten Viertel in ihren Spezialwohnungen. Das kulturelle Leben war recht vielfältig. Man konnte deutsche Feste feiern und auch die Theater oder Galerien in Moskau besuchen. Mehrere ehemalige Zeiss-Kinder haben in der Jenaer Geschichtswerkstatt „Gerbergasse 18“ ihre aktuellen Erinnerungen aufzeichnen lassen. Sie können hier aufgerufen werde: www.youtube.com/watch?v=HV1VVH6kC8o.

Bemerkenswert ist der persönliche Bericht der Krasnogorskerin Sina Medwedeva, deren Vater beim deutschen Angriff ums Leben kam. Sie lebte bei ihrer Oma. Als diese krank wurde, wurde sie von der deutschen Familie Walter, mit deren Kindern sie oft spielte, betreut. Sie schildert ausführlich ihren Eindruck vom deutschen Familienleben mit der fürsorglichen Einstellung den Kindern gegenüber und den harten sowjetischen Realitäten in ihrer Kindheit. Als die deutsche Familie wieder in die SBZ zurückdurfte, schenkte diese ihr zur Erinnerung ein großes hölzernes Bett, beim Schlafen mit Tüll zugedeckt, ein Fahrrad und eine Menge tolles Spielzeug. Eine dieser Puppen hat bis heute überlebt!

Die Erinnerungen an diese glücklichen Tage sind ihr, wie sie im aktuellen Interview immer wieder betont, bis heute geblieben. Sehr wichtig war für ihr weiteres Leben auch die Ermahnung des deutschen Vaters an seine Kinder, dass sie in der Schule fleißig lernen sollen. Diese Hinweise setzte Sina Medwedeva auch in ihrem Leben um und wurde Kunstpädagogin in einem Krasnogorsker Gymnasium. Dieses pflegt seit 1996 eine intensive Schulpartnerschaft mit dem Höchstadter Gymnasium. Hier hat sie wegen ihrer künstlerischen Arbeit den Spitznamen „Picasso“ bekommen.