Mongolische Musiker begeistern Höchstadter
Konzentration beim Interpretieren der Jazz-Suite
Konzentration beim Interpretieren der Jazz-Suite
Foto: Rudolf Görtler
Höchstadt a. d. Aisch – Konzert  Eine international besetzte Studentenband interpretierte in der Fortuna eine Jazz-Suite auf höchstem Niveau.

Fast möchte man es nicht glauben, dass die beiden mit den für unsereins unaussprechlichen Namen erst vier oder fünf Jahre ins „geschweifte Rohr“ (Hermann Hesse) blasen. Aber Khasar Ganbaatar am Bariton- und Otgon Amgalanbaatar am Altsaxophon musizieren so lässig und virtuos, als wären sie in New Orleans und nicht in der fernen Mongolei aufgewachsen. Möglich gemacht hat das Martin Zenker (52), Jazz-Bassist, Professor und kultureller Botschafter, der von sich behaupten darf, eine dort bis dahin unbekannte Kunstform heimisch gemacht zu haben.

Für das Goethe-Institut gründete er in der mongolischen Hauptstadt das „Goethe-Musiklabor Ulan Bator“, wo er Jazz unterrichtet – wie man am Sonntag in der Fortuna-Kulturfabrik hören konnte, mit beachtlichem, ja grandiosem Erfolg. Denn er ist mit Unterstützung des Goethe-Instituts mit einer elfköpfigen Truppe von Studenten aus vier Ländern konzertierend unterwegs. Und das keineswegs mit Etüden für Jazz-Novizen, sondern mit einem hochambitionierten Programm, das einem der ganz Großen dieses Genres im 20. Jahrhundert gewidmet ist: Charles Mingus.

„Ein Lottogewinn“ für Ariane Dammann-Ranger, die für ihre Jazz!3-Reihe die – fast – Big Band gewinnen konnte, auch mit Unterstützung des Goethe-Instituts, eines Helferteams und unter strenger Beachtung der aktuellen Corona-Regeln.

Herzensangelegenheit

Dennoch hatten sich etwa 80 Zuhörer in der Kulturfabrik eingefunden, die von dem ungemein sympathischen und unprätentiösen Zenker auf Großes eingestimmt wurden. Fast entschuldigend suchte er die komplexe Komposition, die er ohne vorliegendes Notenmaterial als Mastermind transkribiert hatte, dem Publikum näherzubringen. „Eine Herzensangelegenheit“ sei die vierteilige Jazz-Suite „The Black Saint And The Sinner Lady“ (auf Deutsch etwa „Der schwarze Heilige und die sündige Dame“), die eine gute halbe Stunde dauert, wertvoll seien einzig die von ihr ausgelösten Emotionen: „Es gibt nichts zu verstehen!“

Vor fast auf den Tag genau 59 Jahren, am 20. Januar 1963, nahm der Jazz-Bassist, -Pianist und -Komponist Charles Mingus (1922 bis 1979) diesen Meilenstein moderner Musik auf, nicht nur des Jazz. Nicht zu Unrecht zog Zenker Parallelen zu Strawinskys „Sacre du Printemps“ von 1913, das bei seiner Uraufführung einen Skandal verursachte. Wie „Sacre“ ist „The Black Saint“ als Ballettmusik konzipiert, eine Szenenfolge, die unterschiedliche Stimmungen auszudrücken und zu erzeugen in der Lage ist.

Mingus’ Psychotherapeut Edmund Pollock, vom innerlich zerrissenen Genie um Liner Notes fürs Albumcover gebeten, schrieb von der Komposition als einem „Ruf nach Akzeptanz, Respekt, Liebe, Verständnis, Kameradschaft, Freiheit“. Denn Mingus war ein Exzentriker, besessen von seiner Musik, aber stets auch ein politischer Mensch, kämpfte gegen Rassismus, von dem er selber betroffen war, gegen Ausbeutung in der Musikindustrie, gegen den Krieg („Oh Lord Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb On Me“).

Bariton-, Alt- und Tenorsaxophon, Posaune, Tuba, Trompete, Bass, Schlagzeug, Gitarre, Piano (daran die einzige Dame des Ensembles, Marina Schlagintweit) interpretierten die vertrackte Suite kongenial. Ein Thema verschwindet, wird wieder aufgenommen, schroffe Tempiwechsel schrecken den Zuhörer auf, ebenso abrupte Stimmungsschwankungen zwischen stampfenden und lyrischen Passagen.

Eine spanische Gitarre mit Mariachi-Anklängen soll laut Pollock an die Inquisition und El Greco erinnern, so wie Mingus, der in klassischen Kompositionstechniken geschult war, diverse Einflüsse von Folklore bis Neuer Musik einfließen ließ.

Das Bariton-Saxophon, das man nicht allzu häufig hört, war mit seinem bratzigen Sound ein besonderer Genuss. Khasar Ganbaatar bediente es fast spielerisch, während sein Landsmann Otgon Amgalanbaatar am Tenorsaxophon opulente solistische Auflüge unternahm.

Denn dafür bietet „The Black Saint“ auch Raum, was die Pianistin und der aus Österreich stammende Vincent Rein am Bass demonstrierten und die Musikerkollegen allesamt. Ein beeindruckendes Hörerlebnis, das einen ganz benommen in die Pause entließ.

Mitreißend wie Rock’n’Roll

Dann aber spielte das „Goethe-Musiklabor“, teils in kleinerer Besetzung, richtig auf. Wieder Mingus, aber im besten Sinne konventioneller, mitreißend wie Rock ’n’ Roll. Klassiker wie „Moanin“ mit der eingängigen Baritonsax-Phrase am Anfang oder „Pithecanthropus Erectus“ mit Zenker selbst am Bass. Der krönende Abschluss eines Abends, der selbst in der anspruchsvollen Jazz!3-Reihe sicher als ein Höhepunkt in Erinnerung bleiben wird.