Fünf Bergleute stürzen in die Tiefe
Am 30. Januar 1872 ereignete sich in der Steinkohlengrube „Sophie“ bei Neuhaus ein entsetzliches Unglück mit fünf Toten.
Am 30. Januar 1872 ereignete sich in der Steinkohlengrube „Sophie“ bei Neuhaus ein entsetzliches Unglück mit fünf Toten.
Foto: Repros: Gerd Fleischmann
Stockheim – Geschichte  Vor 150 Jahren ereignete sich in der Grube „Sophie“ in Buch bei Neuhaus ein tragisches Unglück. Es war ein schwerer Schlag für das Steinkohlenrevier.

Ein außergewöhnliches Grubenunglück sorgte am Dienstag, 30. Januar 1872, im ohnehin leidgeprüften Bergbaurevier Stockheim-Neuhaus-Reitsch für jähes Entsetzen. Als auf der Steinkohlengrube „Sophie“ in Buch bei Neuhaus beim Ausfahren der Nachtschicht gegen sechs Uhr das Hanfseil des Förderkorbs riss, stürzten fünf Bergleute 170 Meter in den tiefen Schacht. Sie hatten keine Chance. Die Schreckensbilanz der Bergwerksunglücke wurde damit um ein weiteres trauriges Kapitel erweitert.

Menschliches Versagen

Ursache dieses bergbaulichen Supergaus war menschliches Versagen, wie die Sachverständigen an Ort und Stelle feststellten. Ein Arbeiter, der die Absperre zu früh verschob, löste dadurch eine Kettenreaktion mit verheerenden Folgen aus. Der Förderkorb fand beim Emporziehen Widerstand, so dass das Seil als der schwächste Teil riss. Tags zuvor war die Anlage von einem Obersteiger des herzoglichen Meiningen’schen Bergamtes Saalfeld zur Visitation befahren und das Seil für in einem „tüchtigen Zustand“ befunden worden.

Zu den bedauernswerten Bergknappen zählten Otto Rupp (Sichelreuth), Konrad Scheler (Schierschnitz), Johann Wilhelm Fischer (Schierschnitz), Georg Friedrich Schröppel (Buch) sowie Ernst Emil Fröber (Neuhaus). Vier der Verunglückten waren Familienväter mit einem „Haufen Kinder“, wie aus dem Pressebericht von 1872 hervorging. Für einen mageren Acht-Stunden-Schicht-Lohn von gerade mal 1,60 Mark riskierten damals die Bergarbeiter täglich ihr Leben.

Der jähe Tod der fünf Bergleute löste in der Bevölkerung tiefe Trauer aus. Groß war das Entsetzen insbesondere bei den über 200 Beschäftigten auf der „Sophien-Grube“ sowie in den weiteren Bergwerken auf bayerischer Seite. Vor allem die leidgeprüften Kinder und ihre Mütter waren ohnehin in einer sehr schwierigen Zeit nun größter Not ausgesetzt.

Unter Tage lauert der Tod

Hart traf die Hiobsbotschaft vor allem auch Bergwerksbesitzer Richard Freiherr von Swaine (1830 – 1902). Es gab zwar immer wieder Unfälle im Berg mit tödlichem Ausgang, doch dieses Drama übertraf alle bisherigen Unglücke in der bisherigen örtlichen Bergbaugeschichte. Und so war es zu allen Zeiten bis heute: Unter Tage lauert der Tod. Selbst durch größtmögliche Sicherheitsvorkehrungen lassen sich Unglücksfälle nicht vermeiden. Ein altes englisches Sprichwort lautet: „Wer in die Grube einfährt, weiß nicht, ob er sein Totenhemd schon am Leibe trägt!“

Über einhundert Tote forderte der Berg in den heimischen Bergbaurevieren, wie der Stockheimer Berthold Schwämmlein nach jahrelanger Forschungsarbeit festgestellt hat.

Immer wieder tödliche Unfälle

Auf der „Sophien-Grube“, die von 1839 bis 1911 unter schwierigsten Bedingungen für Arbeit und Brot sorgte, kam es auch nach dem Drama von 1872 immer wieder zu tödlichen Unfällen. Unter anderem verunglückte am 15. Mai 1875 Peter Bauernsachs aus Schierschnitz tödlich. Am 28. Mai 1902 stürzte der Kunstzimmerling Zapf aus Haig in den „Sophien-Schacht“. Am 30. März 1910 wurde Peter Günther aus Schierschnitz in einem Seitenschacht verschüttet. Trotz sofortiger Hilfe konnte er nur noch als Leiche geborgen werden. Am 1. April 1910 stürzte der 21-jährige Bergmann Hammerschmitt von Neuhaus infolge eines Fehltritts in den 170 Meter tiefen Schacht und konnte nur noch vollständig zerschmettert zu Tage gebracht werden. Und am 6. Dezember 1910 geriet der 19-jährige Armin Wicklein aus Neuhaus in eine Lufthaspel. Der Tod trat sofort ein.

Bei all den dramatischen Todesfällen lehrte man in jener Zeit die Kinder der Bergarbeiter folgendes Gebet: „Lieber Gott, ich fleh zu dir, beschütze den guten Vater mir. Dort unten in dem tiefen Schacht, gib auf seine Schritte acht! Der treue Engel sei ihm gut und segne alles was er tut! Und lass ihn bald zu Hause sein, den lieben, guten Vater mein! Sankt Barbara, bei Tag und Nacht fahr’ mit dem Vater in den Schacht! Steh du ihm bei in jeder Not, bewahr’ ihn vor dem jähen Tod!“