Sebastini
„Wer denkt schon daran, ein Gelöbnis abzulegen, wenn es ihm gut geht“
Die Kreuzbergkapelle ist den Heiligen Sebastian und Rochus geweiht. Anlass war ein Gelübde der Kronacher Bürger im Jahr 1634. Nach der Belagerung durch die Schweden und dem Ende der Pest versprachen sie die Errichtung des Gotteshauses.
Die Kreuzbergkapelle ist den Heiligen Sebastian und Rochus geweiht. Anlass war ein Gelübde der Kronacher Bürger im Jahr 1634. Nach der Belagerung durch die Schweden und dem Ende der Pest versprachen sie die Errichtung des Gotteshauses.
Foto: Alexander Grahl
Kronach – Der Vormarsch der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts war ein rabenschwarzes Kapitel des ohnehin schon düsteren Mittelalters. Es brachte viel Leid und Ele...

Der Vormarsch der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts war ein rabenschwarzes Kapitel des ohnehin schon düsteren Mittelalters. Es brachte viel Leid und Elend. Erst die Fürsprache des heiligen Sebastian, selbst ein Märtyrer seiner Zeit, soll der verheerenden Seuche Einhalt geboten haben. Am 20. Januar wird seiner gedacht.

Die Pest war eine der schlimmsten Geiseln der Menschheit. Vermutlich kam der Schwarze Tod durch Schiffsbesatzungen aus dem Orient nach Europa. Besonders schwer wiegten Hungersnöte, da das gesamte öffentliche Leben zusammenbrach. In einer alten Chronik wird eindrucksvoll geschildert, wie das Volk auch im seelischen und moralischen Chaos unterging.

Der Chronist schreibt: „Wie wollen darüber schweigen, dass ein Bürger den anderen mied, dass fast kein Nachbar für den anderen sorgte und sich selbst Verwandte gar nicht oder nur selten und dann nur von weitem sahen. Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in die Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen, als ob sie nicht die ihren wären. Markerschütternd waren die Schreie der Todgeweihten, die vor Schmerzen dem Wahnsinn verfallen waren.“

„Sie trieben es zügellos“

Manche Leute versuchten, jede Minute ihres Lebens auszukosten und mit Tanz und Musik dem Tod zu entgehen. Der Chronist schreibt dazu: „Die Menschen, in der Erkenntnis, dass sie durch Erbschaften und Weitergabe irdischer Dinge reich geworden waren, trieben es zügelloser und erbärmlicher als jemals zuvor. Sie ergaben sich dem Müßiggang, und ihre Zerrüttung führte sie in die Sünde der Völlerei, in Gelage, in Wirtshäuser, zu köstlichen Speisen und zum Glücksspiel. Bedenkenlos warfen sie sich der Lust in die Arme.“

Kirche verlor an Autorität

Eine funktionierende Wirtschaft konnte unter dem Druck der Pandemie nicht mehr aufrecht erhalten werden. Arbeitskräfte starben, flohen und nahmen ihre Aufgaben nicht mehr wahr. Vielen schien es sinnlos, die Felder zu bestellen, wenn der Tod sie doch bald ereilen würde.

Die kirchliche und weltliche Macht verlor angesichts der Hilflosigkeit rapide an Autorität. Der Geschichtsschreiber vermerkt: „In solchem Jammer und in solcher Betrübnis war auch das ehrwürdige Ansehen der göttlichen und menschlichen Gesetze fast versunken und zerstört; denn ihre Diener und Vollstrecker waren gleich den übrigen Einwohnern alle krank oder tot oder hatten so wenig Gehilfen erhalten, dass sie keine Amtshandlungen mehr vornehmen konnten. Darum konnte sich jeder erlauben, was immer er wollte.“

Für die Menschen im Mittelalter waren Krankheiten vor allem eine Strafe Gottes. Deshalb nahm während großer Seuchen auch die Verehrung bestimmter Heiliger wie der Jungfrau Maria oder der Pestheiligen Rochus und Sebastian zu. Auch unternahmen die Menschen vermehrt Wallfahrten zu heiligen Orten. Noch heute zeugen Kirchen und andere Monumente wie sogenannte Pestsäulen von der Angst der Menschen und ihren Wunsch nach Erlösung.

Ablasshandel nahm enorm zu

Manche Gläubige begannen damit, sich selbst zu geißeln. Sie zogen tagelang umher und schlugen sich blutig. Durch diese Maßnahmen wollten sie für ihre Sünden büßen und dafür sorgen, dass sie es im Jenseits besser haben würden. Auch der Ablasshandel der Kirche nahm in den Zeiten der Pest enorm zu.

Der Dreißigjährige Krieg breitete den Schatten des Todes auch über den alten Nortwald. Während der Pest und der Belagerung durch die Schweden in den Jahren 1626 und 1634 riefen die Kronacher Bürger den heiligen Sebastian und den heiligen Rochus um deren Fürsprache an und gelobten den Bau der Kreuzbergkapelle, die heute ihren Namen trägt.

„In der Not lernt der Mensch beten“, heißt ein zu allen Zeiten gültiges Sprichwort. Die „alt’n Kroniche“ und die Menschen aus nah und fern, die den segensreichen Brauch der Sebastiani-Oktav noch pflegen und bei jedem Wetter über die 14 Kreuzwegstationen hinauf zur Kreuzbergkapelle pilgern, wissen aber auch um die Bedeutung dieser Botschaft.

In seinem Buch über die Wegkreuze und Flurdenkmäler des Frankenwaldes schreibt dazu der Autor und Kreisheimatpfleger Roland Graf: „Wer denkt schon daran, ein Gelöbnis abzulegen, wenn es ihm gut geht. Man möchte fast annehmen, dass es ein Privileg der Not, der Hilflosigkeit und des Elends ist, den Menschen wieder an Gott zu erinnern.“