Lesermeinung
Es ist nicht zielführend, ein Produkt zu erzeugen, das niemand haben möchte
Schney – Simon Holl ist Direktvermarkter und Vollerwerbslandwirt  mit 100 Hektar Land, Milchviehhaltung und zwei SB- Hofläden in Lichtenfels und Michelau. Simo...

Simon Holl ist Direktvermarkter und Vollerwerbslandwirt  mit 100 Hektar Land, Milchviehhaltung und zwei SB- Hofläden in Lichtenfels und Michelau. Simon Holl hat aktuell 1650 Hennenplätze in vier mobilen Ställen, davon sind 1500 belegt. Zum Artikel "Was ist ein Kükenleben wert?" vom 8. Februar hat er uns folgenden Leserbrief geschickt:

Ich persönlich bin für die In-Ovo-Methode, bei der das Geschlecht des Kükens vor dem Schlupf bestimmt wird und gegen ein Bruderhahnprogramm. Leider wurde im Gesetzestext der Tag der Geschlechtsbestimmung vorverlegt. Momentan gibt es keine Methode, dies zu dem Zeitpunkt (Tag 6 des Brütens) zu bestimmen. Generell ist es heute schon so, dass die Brütereien ins Ausland abwandern. Die aktuelle Gesetzeslage wird diesen Trend weiter verschärfen oder die Brütereien komplett aus Deutschland verbannen. Deshalb ist die Aussage von Frau Klöckner "Dass nur noch Eier ohne Kükentöten in die Läden kommen" eine bewusste Verbrauchertäuschung, denn auch Frau Klöckner kennt die Lage in der Branche.

Warum lehne ich den Bruderhahn ab? Zum einen wird das männliche Küken nach dem Töten nicht weggeschmissen, sondern als Futter an Zoos, Tierparks, Greifvogelstationen und Privatleute, die z.B. Schlangen und andere Reptilien halten, verkauft. Diese Abnehmer brauchen dann andere Quellen. Dies wird über Mäuse oder Ratten geschehen, die dann extra dafür gezüchtet werden. Ist das Leben einer Maus weniger wert als das eines Kükens?

Zum anderen wird das Küken ja auch dann noch getötet, zwar nicht als Küken, sondern als halbwüchsiger Hahn. Vom Ende des Kükentötens kann aber dennoch keine Rede sein. In der heutigen Zeit wird viel über Nachhaltigkeit, CO2-Verbrauch etc. diskutiert. Ein Bruderhahn hat eine sechsfach schlechtere CO2-Bilanz als ein Masthähnchen, was dem langsamen Wachstum und der schlechten Futterverwertung geschuldet ist. Man braucht viel Input in Form von Futter, Stallungen und zu Beginn des Lebens Wärme, um wenig Fleisch zu erzeugen. Wie passt das zur aktuellen Diskussion?

Mein Hauptargument gegen den Bruderhahn ist aber die fehlende Verwertung. Ja, die Verbraucher wären zwar bereit, für ein Ei aus einem Bruderhahnprojekt ein paar Cent mehr zu bezahlen, den Bruderhahn will aber niemand. Schon heute, wo die Bruderhahnbranche klein ist, stößt der Absatz an seine Grenzen: Bruderhähne müssen in Drittländer exportiert oder im Hundefutter verwertet werden. Man wirft uns oft vor, wir würden durch Lebensmittelexporte die lokalen Märkte in Afrika und Asien zerstören. Fakt ist aber, dass hauptsächlich die weniger edlen Teilstücke exportiert werden, die der satte Deutsche gar nicht essen möchte. Beim Geflügel möchte der Deutsche vom Masthähnchen nur Schenkel und Brust, der Rest und die Karkassen müssen entweder ins Hundefutter oder in den Export. Da durch die Afrikanischen Schweinepest aber z.B. die Verwertung der Schlachtnebenerzeugnisse nach China komplett zum Erliegen gekommen ist, brauchen wir hier andere Vermarktungswege. Auch den Export der Hähnchen-Karkassen nach Afrika sieht der deutsche Verbraucher immer kritischer, obwohl er sie selbst nicht essen möchte. Bleibt die Verwertung im Inland. Dort treffen diese Produkte dann aber auf einen nicht vermarktungsfähigen Bruderhahn. Dadurch leidet die Verwertung in allen anderen Bereichen zusätzlich und wird die Erlöse in der gesamten landwirtschaftlichen Branche, egal ob Rind, Schwein oder Geflügel, negativ beeinflussen. Denn das Problem, dass die Einwohner wohlhabender Industrieländer in Europa die Verwertung eines kompletten Tieres "from Nose zu Tail" verlernt haben oder nicht möchten,  wird dadurch nicht gelöst.

Es ist nicht zielführend, ein Produkt zu erzeugen das niemand haben möchte bzw. für das es keine Verwertung gibt und das nebenbei noch eine extrem schlechte Umweltbilanz aufweist. Und ein Tier nur zu mästen, um damit Hundefutter herzustellen, ist gegen meine persönliche Überzeugung. Vor allem da hierfür genug Ware vorhanden ist, die in der heutigen Ernährung der Gesellschaft keine Rolle mehr spielt, zum Beispiel Schlachtnebenerzeugnisse und weniger edle Teilstücke anderer Tierarten.

Simon Holl

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