Wem soll das Gericht glauben?
Lichtenfels – Strafprozess  Wurde sie tatsächlich vom Fahrdienst-Betreuer vergewaltigt? Das mutmaßliche Opfer (21) sagt per Videochat aus.

Haben ein 55 Jahre alter Betreuer eines Fahrdienstes für junge Menschen mit Behinderung und eine 19-jährige Schülerin mit verminderter Intelligenz eine Beziehung geführt oder hat er sie vergewaltigt? Das versucht das Landgericht Coburg aktuell herauszufinden.

Zum Prozessbeginn leugnete F. die Tat vehement (wir berichteten). Nun sagte das mutmaßliche Opfer aus. Die mittlerweile 21-Jährige wird per Video-Chat aus dem Amtsgericht Lichtenfels zugeschaltet.

In Lichtenfels soll sich auch die Tat im Juli 2020 ereignet haben. Die junge Frau mit verminderter Intelligenz ist hochschwanger, ihr Kind soll in zwei Wochen zur Welt kommen. Um die Belastung für sie so gering wie möglich zu halten, muss sie nicht persönlich erscheinen.

Als der Richter das Gespräch auf den Zeitpunkt der vermeintlichen Vergewaltigung lenkt, tut sich die werdende Mutter sichtlich schwer. Sie trinkt Wasser, atmet schwer, trinkt erneut, streicht über den runden Bauch. Sich zurückzuerinnern an die beiden Vorfälle, bei denen es sich laut Anklageschrift um Vergewaltigung handeln soll, scheinen sie zu überfordern. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie so lange braucht, um die Fragen zu verstehen und denkt lange nach. Der Richter muss oft nachhaken. An viele Details erinnert sich die 21-Jährige nicht mehr, aber nach und nach werden die Tathergänge der Vorfälle klarer erläutert: Stark alkoholisiert und mit eigenem Schlüssel soll F. das Zimmer betreten haben, in dem die damals 19-Jährige schon am Einschlafen war. Er habe sie am Handgelenk gepackt und soll sie aufgefordert haben, sich auszuziehen, bevor es zum Geschlechtsverkehr kam.

Moralisch fragwürdig

Moralisch ist es zumindest fragwürdig, wenn ein 55-jähriger Mann mit einer gerade volljährigen Frau schläft, denen Psychologen eine deutlich verminderte geistige Intelligenz attestieren. Die schwierige Frage, die das Gericht klären muss: Wie einvernehmlich war der Geschlechtsverkehr tatsächlich? Der Angeklagte beteuert, die beiden hätten eine Beziehung geführt. Die Klägerin streitet dies vehement ab. Wem also glauben?

Etwas Licht ins Dunkel sollen zwei weitere Zeuginnen bringen, darunter die Psychologin der 21-Jährigen. Laut ihr besitzt die junge Frau trotz verminderter Intelligenz lebenspraktische Fähigkeiten und kann sich in vielen Lebensbereichen selbst versorgen.

Den bei einer früheren Untersuchung festgestellten IQ von 59 schätzt sie ebenfalls geringfügig höher ein.

Der Kriminalpolizeibeamtin, die das vermeintliche Opfer bei der Anklage vernommen hatte, fiel auf, dass sich die junge Frau eher kindlich verhielt. Sie könne die Geschehnisse nicht genau zeitlich einordnen, sei sehr leicht abzulenken und schreckhaft gewesen. Während ihrer Aussage habe sie geweint.

Der Einschätzung der Kripo-Beamtin nach habe das mutmaßliche Opfer nicht aus freien Stücken mit F. Geschlechtsverkehr gehabt, sondern weil es nicht die mentale Stärke gehabt habe, „Nein“ zu sagen. Es habe keine große Gewalt gebraucht: Vehemente, verbale Aufforderungen waren genug, um sie zu manipulieren.

Es sind noch zwei weitere Verhandlungstage angesetzt. Der Prozess wird am 22. und 23. November fortgesetzt.

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: