Richtlinien
In eigener Sache: So gendert die Redaktion künftig
Geschlechtergerechte Sprache
Ein Stern? Doppelpunkt? Solche Einschübe versuchen wir zu vermeiden.
Foto: Redaktion
Bamberg – Gendern beim Schreiben – ein herrliches Streitthema: Mit Sternchen oder ohne? Unsere Redaktion hat kontrovers diskutiert. Und sich entschieden.

Mit diesem Hinweis in eigener Sache könnten wir als Redaktion uns durchaus unbeliebt machen bei Ihnen. Vielleicht mögen Sie uns nach dem Lesen aber auch mehr als vorher.

Egal, wie Ihre Entscheidung aussieht: Wir sind uns bewusst, dass unsere Entscheidung auf ein geteiltes Echo stoßen wird. Zu kontrovers wird beim Thema „gendergerechte Sprache“ diskutiert – auch innerhalb der Mediengruppe Oberfranken, im Verlag oder auch nur in der Redaktion.

Es braucht Leitlinien

Letztlich aber braucht es auch für uns als Redaktion Leitlinien, an die wir uns halten. Unsere Geschichten sind nun einmal Sprache – und genau darum geht es. Wie geht es Ihnen, wenn von Polizisten die Rede ist… denken Sie an Männer in Uniformen – oder sind auf Ihrem inneren Bild auch weibliche Einsatzkräfte dabei? Wir wissen: Überwiegend werden mit dem generischen Maskulinum nun einmal Männer in Verbindung gebracht.

Wenngleich weder der- noch diejenige, der oder die das geschrieben oder gelesen hat, mit voller Absicht alle Frauen im Staatsdienst absichtlich ignoriert. Doch es hat Folgen: Werden Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt – sprich: sowohl die männlichen als auch weiblichen Formen genannt – , trauen sich Kinder selbst eher zu, diese zu ergreifen. Das hat die Freie Universität Berlin nachgewiesen.

Verhunzen von Sprache?

Nun also die Diskussion um Gender-Sternchen, Doppelpunkt und Binnen-I… eben weil Sprache das Denken prägt, sei all das ein Stück weit alternativlos. Sagen die einen. Andere wiederum, beispielsweise Literaturkritikerin Elke Heidenreich, halten davon rein gar nichts: Es sei ein Verhunzen von Sprache. Auch die Mehrheit der Deutschen lehnt solch strikte Regeln für die Sprache ab. Und genau das tun wir als Redaktion auch. Was nicht heißt, dass wir uns dem sensiblen Thema einer diskriminierungsfreien Berichterstattung nicht stellen wollen. Im Gegenteil. Allerdings mit Maß.

Wir orientieren uns auch an den Entscheidungen deutschsprachiger Nachrichtenagenturen: Sie alle verzichten auf Sonderzeichen in den Wörtern und wollen nicht zulassen, eine historisch gewachsene Sprache sprunghaft zu verändern.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Uns als Redaktion ist bewusst, dass unsere Leitlinien einen Kompromiss darstellen. Aber wir finden: Dieser Kompromiss macht es möglich, geschlechtergerechte Schreibweisen zu verwenden – ohne Wörter mit Sternchen, Doppelpunkt oder einem Binnen-I zu verändern.

Doppelnennungen wie „Leserinnen und Leser“ können zu Standards werden, ebenso Synonyme wie „Lehrkräfte“. Und insbesondere bei Überschriften, deren Zeichenzahl begrenzt ist, sind wir um Alternativen bemüht zum generischen Maskulinum – schließen es aber nicht grundsätzlich aus.

Und, jetzt? Wie sehen Sie das Ganze? Sind Sie erleichtert, dass wir als Redaktion keine Sternchen streuen? Oder bedauern Sie es, dass unsere Regeln nicht so strikt sind? Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@infranken.de - wir sind gespannt! 

Hier zehn Fragen und Antworten dazu, wie wir als Redaktion künftig arbeiten:

Wie verwendet die Redaktion die geschlechtergerechte Sprache?

Wir verzichten in eigenen Texten auf künstliche Konstruktionen („Lehrer*innen“). Als Standard verwenden wir Doppelnennungen („Lehrerinnen und Lehrer“ und Synonyme „Lehrkräfte“). Wenn der Platz knapp ist (etwa in Überschriften), bemühen wir uns um Alternativen, schließen das generische Maskulinum („Lehrer“) aber nicht aus. Zurückhaltend sind wir mit Formen wie „Teilnehmende“ oder „Radfahrende“. Das ist – bisher – weit weg vom Sprachgebrauch und hat sich nur in wenigen Fällen auf natürlichem Weg durchgesetzt, etwa bei „Studierenden“.

Die deutsche Sprache bietet eine Reihe von Möglichkeiten, um das generische Maskulinum zugunsten aller Geschlechter aufzulösen. Wir wollen diese Vielfalt nutzen. Beispiele:

  • „wer dieses Programm nutzt“ statt „alle Nutzer dieses Programms“
  • „der ärztliche Rat“ statt „der Rat des Arztes“
  • „Alle, die…“ statt „Jeder, der…“ (Plural statt Singular)

Wie gehen wir mit Leserbriefen um, in denen auch mit Sonderformen gegendert wird?

Wir übernehmen prinzipiell die Schreibweisen der Verfasserinnen und Verfasser der Leserbriefe, weil sich darin eine Haltung ausdrückt. Gender-Schreibweisen mit Sternchen, Binnen-I, Unterstrich etc. wandeln wir aber zur Doppelpunkt-Lösung (z.B. Politiker:innen). Für den Doppelpunkt haben wir uns entschieden, weil dies aktuell die einzige Form ist, die von einem Computer fehlerfrei in einen gesprochenen Text umgewandelt werden kann.

Was tun, wenn unser Gegenüber in Zitaten und Interviews gendert?

Wenn unsere Gesprächspartnerin oder unser Gesprächspartner im Gespräch gendert – also zum Beispiel „Leser-PAUSE-innen“ spricht, übertragen wir das in die schriftliche Form, weil es eine Haltung unseres Gegenübers ausdrückt. Wir fragen aber nach, ob es ausreicht, wenn wir das Gesprochene an unsere Standards anpassen. Für schriftlich überlieferte Zitate gilt: Wir wandeln alle gegenderten Sonderformen zu einem Doppelpunkt (z.B. Politiker:innen).

Wie gehen wir mit Genderformen in Pressemitteilungen um?

Wir passen etwaige Genderformen an unseren Standard an. Übernehmen wir aus Pressemitteilungen Zitate von Personen, gilt für diese die Regel, die auch für andere Zitate gilt. Ausnahmen können Pressemitteilungen aus unkritischen Quellen auf den Gemeindeseiten sein. Sie sind entsprechend erkennbar. In der Regel greifen wir dort nicht in Texte ein. Die Inkonsequenz beim Gendern nehmen wir in Kauf.

Welche Formen gelten in Gastbeiträgen?

Wir bitten unsere Gastautorinnen und Gastautoren vorab, unsere Standards zu übernehmen oder informieren sie, dass wir ihre Texte auf diese Standards anpassen werden.

Wie lösen wir das in Überschriften?

Wir bemühen uns um Alternativen, schließen das generische Maskulinum aber nicht grundsätzlich aus.

Wie schaffen wir Ausgewogenheit zwischen den Gesprächsbeteiligten in der Berichterstattung?

Nicht nur durch sensible Sprache lässt sich die Vielfalt der Gesellschaft besser abbilden. Auch bei Recherche und der Frage, mit wem wir über ein Thema sprechen, achten wir darauf, ausgewogen zu berichten. Dabei helfen uns folgende Überlegungen:

  • Habe ich nur Männer gefragt? Nur Frauen? Lässt sich das Spektrum erweitern?
  • Gibt es wirklich nur männliche/weibliche Experten zu diesem Thema?
  • Verändert sich das Thema aus der Perspektive eines anderen Geschlechts?
  • Unterscheiden sich die Fakten je nach Geschlecht?
  • Kommen alle Geschlechter gleichermaßen zu Wort/sind gleichermaßen vertreten?
  • Ist es möglich, Rollenstereotype und Geschlechterhierarchien aufzubrechen? (bsp. Feuerwehrfrauen vom Einsatz erzählen lassen)
  • Wiederholen Text und/oder Bild Rollenklischees?  (bsp. erwähne ich bei Frauen auch ihre Rolle als Mutter? Wenn ja, warum?)

Wie vermeiden wir rassistische Sprache?

Wir reproduzieren keine Vorurteile und Stereotype gegen Bevölkerungsgruppen oder Rassismen. Wir verwenden keine Begriffe, die von Betroffenen als rassistisch empfunden werden. Auch vermeiden wir Beschreibungen von Hautfarben. Darüber hinaus verwenden wir keine Begriffe, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft in einen Kontext setzen („Framing“).

Was ist dieses „Framing“?

Vereinfacht gesagt sind Framings kognitive Interpretationsrahmen, die wir in unserem Bewusstsein verankert haben. Sie enthalten Wertungen, das heißt, ein Framing zeigt immer auch, wie wir ein Thema deuten. Deswegen wird es auch als Deutungsmuster bezeichnet. Ein Beispiel: Wurde bis Mitte 2015 der Zuzug geflüchteter Menschen sowie das Selbstbild der Menschen in Deutschland noch im Rahmen der „Willkommenskultur“ positiv bewertet, schlug das Framing Ende 2015 um.

Ein Auslöser war damals auch die Kölner Silvesternacht. Danach dominierte der Frame „Flüchtlingswelle“, mit dem der Zuzug Geflüchteter als unkontrollierbare Naturkatastrophe gedeutet wurde. Auch das Selbstbild änderte sich: Humanitäre Hilfe wird seitdem zynisch als „Gutmenschentum“ bezeichnet.

Der Umgang mit sexualisierter Gewalt und Gewalt gegen Frauen?

Wir vermeiden Begriffe, die sexualisierte Gewalt oder Gewalt gegen Frauen verharmlosen oder relativieren. Oft geben diese Begriffe Opfern indirekt eine Mitschuld an der Tat oder nehmen zu sehr die Sichtweise der Täter ein. Wenn in einem Gerichtsverfahren, über das wir berichten, der Begriff „Ehrenmord“ eine Rolle spielt, ordnen wir ihn ein und machen deutlich, dass ein Mord niemals mit Ehre zu rechtfertigen ist.

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: