Folter und Gewalt
"Freie Medien gibt es in Belarus nicht"
Die belarussische Journalistin Sascha interessiert sich, während ihrer Zeit in Franken, besonders für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und die dortige Ausstellung im Dokumentationszentrum.
Die belarussische Journalistin Sascha interessiert sich, während ihrer Zeit in Franken, besonders für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und die dortige Ausstellung im Dokumentationszentrum.
Foto: Michael Busch
Franken – In Belarus drohen der Journalistin "Sascha" sieben Jahre Gefängnis. Aktuell ist die junge Frau in Franken zu Gast - eine kurze Verschnaufpause.

In Belarus tobte vergangenes Jahr ein blutiger Kampf von Demonstranten gegen den selbst ernannten Wahlsieger Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus und "letzter Diktator Europas". Mittlerweile sind die Proteste niedergeknüppelt. Die Gewalt hat sich von den Straßen ins Gefängnis verlagert.

Folter, sexuelle Gewalt, Entführung, Mord. Das hat nicht aufgehört, aber die internationalen Medien berichten seltener. Wenn, dann liest man über die erzwungene Landung eines Passagierflugzeuges, in dem der Regierungskritiker Roman Protassewitsch saß. Auch der Versuch, eine belarussische Athletin bei den olympischen Spielen in Tokio nach kritischen Äußerungen gegen ihren Willen nach Belarus zu verschleppen, machte Schlagzeilen.

Journalisten werden mit aller Brutalität verfolgt

Oder ganz aktuell die Frage: Wie viele Geflüchtete aus dem Irak oder Syrien, die von Belarus aus nach Litauen und Polen geschleust werden und im Grenzgebiet festhängen, kommen nach Deutschland? Wie die Bevölkerung in Belarus leidet, erreicht kaum mehr eine breite Öffentlichkeit. Das liegt auch daran, dass Journalisten mit aller Brutalität verfolgt werden.

"Freie Zeitung gibt es in Belarus nicht", sagt die belarussische Journalistin "Sascha". Sie nennt ein Beispiel: Über 200.000 Menschen protestierten gegen Lukaschenkos Wahlbetrug. In den staatlichen Medien stand nichts, stattdessen wurde darüber berichtet, wie gut die Ernte war. Viele Menschen starben an Corona. Die Staatsmedien berichten nur darüber, dass die Rente angehoben wurde. "Dass da ein Zusammenhang besteht zwischen hohen Coronazahlen und Erhöhung der Rente, sagt keiner", sagt Sascha.

Telegram wichtig für freie Informationen

Die Internetseiten der wenigen freien Medienhäuser sind gesperrt. Telegram ist zum zentralen Kommunikationsmedium geworden, um überhaupt noch an Informationen zu gelangen, die nicht von Lukaschenkos Schergen stammen. Rund 2,3 Millionen Belarussen bei neun Millionen Einwohnern folgen laut der belarussischen Journalistin den wenigen freien Medienkanälen auf Telegram. Ein Risiko, denn auch dafür kann man im Gefängnis landen.

Sascha berichtet von einem Mädchen, das 15 Nächte ins Gefängnis musste, weil sie einem kritischem Telegram-Kanal folgte. "Wenn man sich wehrt, dem Polizisten das Handy zu zeigen, bekommt man noch mehr Nächte, wenn man seinen Anweisungen nicht Folge leistet."

Journalisten werden wie Terroristen behandelt. Wenn sie auf Telegram über Proteste berichten, kann das mit sieben Jahren Gefängnis bestraft werden. Ein paar Kollegen von Sascha sind im Gefängnis. Sascha macht trotzdem weiter - um jeden Preis. "Wenn nicht wir, wer dann? Ich möchte die Bevölkerung informieren für meine Kollegen und für Belarus." Manche Journalisten sind in ein anderes Land geflüchtet, manche haben sich einen anderen Job gesucht.

Nicht verhungert, aber knapp davor

Was passiert mit den Menschen im Gefängnis? "Das Ziel ist es, den Menschen so sehr Angst zu machen, dass sie nie wieder ins Gefängnis wollen." Man bekomme gerade so viel zu essen, sodass man nicht verhungert, aber knapp davor sei. Es sei sehr kalt und feucht in den Zellen. In eine Zelle, in die eigentlich vier Personen passen, würden 20 Personen gequetscht. Es bleibe kaum Luft zu atmen.

Gefangene dürfen sich nicht setzen

Von etwa 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends müssen die Gefangenen stehen, dürfen sich nicht setzen. Es gibt keine Matratze, manchmal ein Lattenrost. Es werde wenig geschlagen, aber es gebe psychischen Druck. In der Nacht werden die Menschen mehrmals geweckt. "Man muss sagen, wie man heißt und warum man im Gefängnis ist. Sie lachen dich aus." Das Ziel sei eine Umerziehung. "Zur Not auch mit Gewalt ", sagt Sascha.

Während sie in Franken zu Gast ist, genießt sie die Luft. "Das ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich diese Luft der Freiheit atme." Aber sie ist auch deprimiert, dass sie alleine diese Vorzüge genießen kann, wissend, dass Kollegen im Gefängnis sitzen.

Zur Journalistin und zur Presseverfolgung

Sascha heißt nicht "Sascha", sie muss anonym bleiben, deshalb veröffentlichen wir auch kein Foto. Für Lukaschenkos Schergen wäre es sonst einfacher, sie und ihre Familie zu identifizieren. Sascha spricht russisch, ein bisschen Englisch.

Nach Bayern ist sie mit der Hilfe des Bayerischen Journalisten-Verbandes gekommen. Das Gespräch für diesen Bericht übersetzt unser Kollege, der russisch spricht. Saschas Aussagen sind daher sinngemäß wiedergeben. Es handelt sich nicht um ein Wortlaut-Interview, ihre Aussagen sind von ihr bestätigt. Saschas Beschreibungen der Verhältnisse in Belarus lassen sich schwer gegenchecken, decken sich aber mit den Aussagen anderer Belarussen.