Strafprozess
Mit Beil bedroht: Familienstreit eskaliert
Der Angeklagte soll den Freund seiner Stieftochter mit einem Fleischerbeil bedroht haben.
Der Angeklagte soll den Freund seiner Stieftochter mit einem Fleischerbeil bedroht haben.
Foto: Adobe Stock
Bamberg – Wegen versuchten Totschlags musste sich ein 59-Jähriger vor dem Landgericht verantworten. Am Ende verlässt er den Gerichtssaal als freier Mann.

Ein unerwartetes Ende nahm ein Prozess vor dem Landgericht Bamberg. Aus dem versuchten Totschlag und einer vorsätzlichen Körperverletzung im Juli 2020 wurden am Ende zwei Bedrohungen und eine fahrlässige Körperverletzung. Statt jahrelang hinter Gitter zu wandern, bekam der 59-jährige Angeklagte für seinen Ausraster in den eigenen vier Wänden „nur“ 7200 Euro Geldstrafe aufgebrummt. Zahlen muss er kurioserweise nicht.

Als Arash (Name geändert) an jenem Juliabend von seinem Zimmer aus laute Stimmen bemerkt, wird er misstrauisch. Tatsächlich feiern auf seinem Balkon seine Noch-Ehefrau, ihre zwei Töchter und ein Freund des jüngeren Mädchens deren Schulabschluss. Arash freilich ist nicht eingeladen. In der Familie gibt es schon lange Spannungen und Streit. Nun eskaliert der Konflikt. Arash fordert den jungen Mann auf, die Wohnung zu verlassen. Als das nicht schnell genug geht, wird Arash laut und handgreiflich. Er droht dem jungen Mann, ihn aus der Wohnung zu werfen – auf kürzestem Weg über das Geländer.

Wollte er sein Stieftochter vom Balkon werfen?

Ob Arash danach tatsächlich versucht hat, seine Stieftochter und deren Geliebten über die Balkonbrüstung und damit sieben Meter in die Tiefe zu stoßen, das konnte auch nach drei Verhandlungstagen nicht mit der nötigen Sicherheit geklärt werden. Seine 48-jährige Ehefrau hatte das jedenfalls behauptet. „Er sagte, ich werde dich zu einer Trauernden machen.“ Sie schilderte Arash als Kontroll-Freak, der jeden Tag aufgrund von Nichtigkeiten Streit gesucht habe. Und sie beschuldigte ihn der Untreue.

Das Geschubse, Gezerre und Gerangel verlagert sich derweil ins Innere des Hauses. Dabei bricht sich der ungebetene Gast das Handgelenk an einem Türrahmen. Drinnen sieht sich Arash einer vierköpfigen Übermacht gegenüber. „Ich geriet in Panik.“ Er geht kurz in die Küche. Als er zurückkehrt, hat er ein rasierklingenscharfes Fleischerbeil in der Hand. Mit dem droht er dem Quartett aus drei Frauen und einem Mann. „Ich wollte niemanden verletzen, sondern nur, dass sie mich in Ruhe lassen.“ Seine Ehefrau berichtete indes, er habe das Beil über dem Kopf geschwungen und versucht zuzuschlagen. „Ich hatte wahnsinnige Angst.“

„Das Mittel zum Zweck“

Wenn man Rechtsanwalt Joachim Voigt (Bamberg) zuhörte, war die Sache klar: Auf der einen Seite eine selbstsüchtige Frau, die Zuneigung geheuchelt und seinen Mandanten Arash nur geheiratet hatte, um sich und ihre Töchter aus Teheran nach Deutschland zu bringen. „Er war nur das Mittel zum Zweck, hat im Haushalt alles gemacht und alles bezahlt.“ Als der Aufenthalt gesichert gewesen sei, habe sie ihr wahres Gesicht gezeigt. Da habe man sich konkrete Gedanken gemacht, wie man ihn loswerden könne. „Er war so dumm, dass er das nicht gemerkt hat.“

Für diese Sichtweise sprach nicht zuletzt die Tatsache, dass die Noch-Ehefrau in einem Gewaltschutz-Verfahren vor dem Familienrichter die Geschichte ganz anders als beim Ermittlungsrichter erzählt hatte. Dort war an Eides statt von einem angedrohten „Blutbad“ die Rede. Das brachte ihr die alleinige Nutzung seiner Dienstwohnung, Arash jedoch ein Betretungs- und Kontaktverbot ein. Erstaunlicherweise war das Dokument in deutscher Sprache verfasst, obwohl die Noch-Ehefrau nur Persisch spricht. Das könnte für sie nun ernste strafrechtliche Folgen haben.

Zeugen könnte Anzeige wegen Falschaussage drohen

Dem Freund der Stieftochter drohte Pflichtverteidiger Voigt gar mit einer Strafanzeige wegen uneidlicher Falschaussage bei dessen polizeilichen Vernehmung. „Das geht so nicht. Da stand er wohl unter dem Einfluss seiner Lebensgefährtin. Durch die falschen Anschuldigungen habe Arash sieben Monate in Untersuchungshaft gesessen, beinahe seinen Job verloren, einen Berg Schulden aufgehäuft. „Sein Leben ist ruiniert. Soll er dafür noch danke sagen?“

Der Einzige, der am ursprünglichen Vorwurf des versuchten Totschlags festhielt, war Titus Lehmann. Der Rechtsanwalt aus Bamberg vertrat den Freund der Tochter, der sich im Gerangel auf dem Balkon oder im Wohnzimmer einen Handknochen gebrochen hatte.

Bewährungsstrafe

Doch so weit wollte nicht einmal Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann gehen. Er beantragte für zwei Bedrohungen mit dem Fleischerbeil und die fahrlässige Körperverletzung acht Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung. „Es war eine aufgeladene Situation. Da hat Arash einen Fehler gemacht.“ Passiert sei jedenfalls nicht viel. Am Ende verurteilte die Strafkammer den angeklagten Iraner wegen der Bedrohungen und der fahrlässigen Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 40 Euro. „Wir gehen nicht davon aus, dass er jemanden töten wollte“, so der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt. Zahlen muss Arash keinen Cent, wird die Geldstrafe doch mit der U-Haft verrechnet. Den Gerichtssaal konnte ein sichtlich erleichterter Arash als freier Mann verlassen.

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