Theater
Aufzug in Zwischenwelt: Wohin führt das Leben?
Die erfolgreiche Schauspieltruppe der Künstlerwerkstatt Stegaurach
Die erfolgreiche Schauspieltruppe der Künstlerwerkstatt Stegaurach
Foto: Anka Rauh/Künstlerwerkstatt
Stegaurach – Die Künstlerwerkstatt Stegaurach führte das Stück „Hotel zu den zwei Welten“ auf.

Für viele Menschen wurde in der Corona-Pandemie die Sehnsucht nach der realen Welt immer drängender. Und nicht viel weniger vermissten viele den Theaterbretterboden, auf dem Schauspielerinnen und Schauspieler schon seit Jahrtausenden eine bessere Welt als die tatsächliche erstehen lassen können.

Jetzt aber meldete sich die Künstlerwerkstatt Stegaurach mit einem Stück des französischen Autors Eric-Emmanuel Schmitt zurück, das man wegen des dichten und komplexen Themas entweder schnurstracks an den Baum fahren kann, oder aber man gewinnt die stille Gewissheit, die Zuschauer regelrecht überwältigt zu haben.

Die Künstlerwerkstatt Stegaurach konnte im Bürgersaal der Gemeinde das Publikum bewegen, anrühren, schockieren, provozieren und herausfordern, vor allem aber auffordern, das Heft des Lebens selbst in die Hand zu nehmen und andere bei der Hand.

Das zentrale Element in Schmitts Bühnenstück „Hotel zu den zwei Welten“ ist ein realer Aufzug, der als Dingsymbol für des Menschen Auf- oder Abstieg aus dem irdischen Jammertal dienen darf. In den Fahrstuhl gelangt man, wenn das Leben einen verlässt oder zu verlassen droht, weil man beispielsweise aufgrund einer Erkrankung oder eines Unfalls in ein Koma fällt oder in ein Koma versetzt wird, damit Körper, Geist und Seele lebensbedrohliche Stresssituationen überstehen können.

Eine einfache Geschichte, möchte man meinen. Sie spielt sich in einer Art Hotellounge ab, die in einer Zwischenwelt platziert ist, von der aus die ankommenden Gäste, Patienten oder Klienten entweder nach oben ins Licht chauffiert werden oder nach unten zurück auf die Erde.

Die Motivationen, die die einzelnen Patienten sich für die eine oder andere Richtung entscheiden lassen, sind so vielfältig wie die Motive, die Menschen dazu bewegen, sich ehrenhaft oder unehrenhaft zu verhalten, ihr Verhalten zu ändern oder auf den ausgetrampelten Pfaden weiterzugehen.

Passende Charaktere

Das ist auf der Bühne in Stegaurach vor allem deshalb eine wahre Lust, solches zu beobachten, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler eine Topbesetzung für die Charaktere des Stückes vorstellen. Da ist der Protagonist Julien, der am Ende die Kurve bekommt und vielleicht sogar Laura. Marcus Grau ist dieser erfolgreiche Manager im blauen Maßanzug. Über zu leichte Erfolge und kleine Misserfolge, die sich Julien selbst nicht verzeiht, ist der Manager zynisch und kalt geworden. Stahlblau kalt wie sein Anzug und wie das Spiel von Marcus Grau. Alles nur Maske blitzt zwischendurch immer wieder auf, dass Julien so kalt und unnahbar doch gar nicht sein kann.

Und tatsächlich: Die liebe und optimistisch lebensbejahende Laura – sehr sensibel von Lucie Homann gegeben – führt Julien mit Zuwendung und Zuneigung aus der negativen Sackgasse heraus, in die sich der verfahren hat.

Johannes Neubauer gibt dem Magier Radschapur souverän die beiden Gesichter, die alle Figuren im Hotel zu den zwei Welten haben. Einmal ist der Magier souverän, schnoddrig-frech und einmal dämmert auch bei ihm die Sehnsucht nach Erlösung und Geborgenheit hoch.

Anna Lena Westphal ist als Präsidentin Delbec eine Wucht. Unfassbar, mit welch einer Nonchalance sie über alle Gefühle der anderen hinwegquatscht, wie sie ausschließlich um sich selbst kreist und es doch schafft, die Sympathien des Publikums auf sich zu ziehen.

Und die Putzfrau Marie? Ganz unten scheint sie zu sein. Das Schicksal selbst scheint an ihr seinen Frust abzustreifen. Aber dank der satten Spiellust von Daniela Pflaum – sie mimt Marie – schließen die Zuschauer Marie ins Herz, lachen und weinen mit ihr.

Über beinahe zweieinhalb Stunden philosophieren die Gäste des Hotels zu den zwei Welten über das Ob, Wie, Wenn und Warum des Lebens. Immer wieder von den strengen Blicken zweier Assistenten von Doktor S. dirigiert; die spielen Alexander Donovan und Georg Graefe. Meist aber unterversorgt bei den Informationen, weil Doktor S., unbeschreiblich stark von Daniela Burkhardt gespielt, entweder nichts von dem preisgibt, was sie weiß, oder am Ende doch nur die undankbare Aufgabe hat, Göttin in Weiß zu spielen, weil sich bei den einzelnen Patientinnen und Patienten nichts und niemand findet, der bereit ist zu entscheiden, wenn diese nicht mehr entscheiden können.

Ein sensationelles Ergebnis der Arbeit von Laura Waldmann und Larissa Wegert, die beide die Regie führen.