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Europas Skandal-Trainer kommt nach Bamberg
Seit Februar 2019 Cheftrainer bei Dinamo Sassari: Gianmarco Pozzecco. Am Gründonnerstag gastiert er mit den Sarden bei Brose Bamberg.
Seit Februar 2019 Cheftrainer bei Dinamo Sassari: Gianmarco Pozzecco. Am Gründonnerstag gastiert er mit den Sarden bei Brose Bamberg.
Foto: championsleague.basketball
Bamberg – Gianmarco Pozzecco, Coach von Dinamo Sassari, sorgte in Nymburk mit einer Wutrede ala Trapattoni für Aufsehen. Seine größten Ausraster im Video.

"Gespielt wie eine Flasche leer" oder "Ich habe fertig": Aussagen aus dem März 1998, die zu einem Stück Sportgeschichte geworden sind. Auch heute, ein knappes Vierteljahrhundert später, haben viele die Wutrede des ehemaligen Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni noch genau vor Augen. "Konkurrenz" bekam der mittlerweile 82-jährige Italiener jüngst von einem 48 Jahre alten Landsmann: Gianmarco Pozzecco. Der Trainer von Dinamo Sassari stand Trapattoni bei der Pressekonferenz nach dem Auswärtsspiel in Nymburk in puncto Emotionalität, Gestik und Mimik sowie Pulsfrequenz in nichts nach.

Während Trapattonis Wut sich damals an die eigene Mannschaft und Thomas Strunz im Speziellen richtete, mussten bei Pozzecco nach der unglücklichen 89:90-Niederlage seiner Mannschaft die Unparteiischen herhalten. "Das ist nicht fair", wiederholte der 48-Jährige in Englisch mit italienischem Akzent binnen einer Minute stolze neun Mal. "Ich habe die Schiedsrichter gebeten: Bitte, könnt ihr euch die eine Szene noch mal auf dem Monitor anschauen. Ich war mir sicher, dass der Nymburk-Spieler den Ball berührt hatte. Aber sie haben es sich nicht angesehen", sagte er. "Meine Jungs waren 25 Stunden unterwegs, um hier zu spielen. Das ist nicht fair."

Einer seiner "Jungs" saß mit dem kroatischen Center Miro Bilan während seines Wutausbruchs direkt neben ihm. Als dieser seine Einschätzung zum Spiel abgeben sollte, grätschte Pozzecco dazwischen: "Über das Spiel müssen wir nicht sprechen. Sag irgendwas Blödes und geh' dann einfach."

Ein Tschechien-Trip zum Vergessen

Nachdem Bilan seine drei Pflichtsätze zu Protokoll gegeben hatte, dachte er vermutlich, er hätte den unangenehmsten Part des Abends gemeistert. Mitnichten. Denn der 31-Jährige und seine Teamkollegen mussten im Anschluss feststellen, dass die Gästekabine während des Spiels aufgebrochen und dabei Wertgegenstände sowie Bargeld entwendet wurden. Bilan meldete sich am Abend noch beim Kurznachrichtendienst Twitter zu Wort. "Alles in diesem Land ist geschlossen, du kannst nirgendwo hingehen. Es waren vielleicht 60 Leute in der Halle und trotzdem passiert so ein Mist. Habt eine ,gute' Nacht."

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Zu dem Zeitpunkt wusste der Center noch nicht, dass der "Höllen-Trip" nach Tschechien selbst mit der Ankunft auf Sardinien noch nicht beendet war. Denn genau wie bei den Tschechen wurden auch bei Sassari einige Akteure positiv auf das Coronavirus getestet - eine zehntägige Quarantäne war die Folge. Die beiden Zwischenrundenspiele in der Champions League gegen Bamberg mussten abgesagt und neu angesetzt werden. Die erste Partie zwischen den Sarden und den Oberfranken um den letztjährigen Dinamo-Spieler Michele Vitali steigt am Gründonnerstag (20 Uhr, live bei DAZN). Sowohl Bamberg (ein Sieg, drei Niederlagen) als auch Sassari (kein Sieg, drei Niederlagen) müssen gewinnen, um sich noch eine theoretische Chance auf den Einzug in das Finalturnier zu wahren.

Während Bamberg im Parallelspiel Saragossa gegen Nymburk den Tschechen die Daumen drücken wird, muss Sassari auf einen Sieg der Spanier hoffen. Die Sarden unterlagen am Dienstagabend zum zweiten Mal Casademont Saragossa in der Zwischenrunde und können die Spanier daher in der Tabelle nicht mehr überholen. Bei der jüngsten 88:105-Niederlage punkteten die drei "Big Men" Bilan, Ethan Happ (beide 17 Zähler) und Eimantas Bendzius (16) am besten.

Mit Marco Spissu, Toni Katic und Marco Antonio Re musste Coach Pozzecco coronabedingt auf drei Point Guards verzichten. Nach einer zwischenzeitlichen zweistelligen Führung der Italiener in der ersten Halbzeit machte Saragossa in den zweiten 20 Minuten deutlich mehr Druck auf den ballführenden Spieler der Gäste - und das sollte sich in Form von vielen Ballgewinnen und einem letztlich noch deutlichen Sieg auszahlen. Ein Abend, an dem sich Pozzecco wohl am liebsten selbst eingewechselt hätte. Der 1,81 Meter große Italiener gehörte in den 90er und 2000er Jahren zu den besten Aufbauspielern Europas, war für seine kreativen Pässe berühmt.

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In sieben Spielzeiten führte "Poz" die Assist-Statistik der italienischen Liga an. Nach 14 Jahren in seinem Heimatland, unter anderem bei Pallacanestro Varese und Fortitudo Bologna, zog es den extrovertierten Pozzecco im Herbst seiner Karriere noch mal ins Ausland, nach Moskau (Khimki) und Saragossa.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Pozzecco schwankte als Aktiver stets zwischen Genie und Wahnsinn und galt als schlampiges Talent, dem viele Experten bei entsprechendem Arbeitsethos eine noch weitaus größere Karriere zugetraut hätten. 2012, zwei Jahre nachdem er seine Sneakers an den Nagel gehängt hatte, startete er seine Trainer-Karriere in der 2. italienischen Liga. Obwohl bereits sein Vater als Basketball-Trainer tätig war, konnten sich Weggefährten den impulsiven Pozzecco an der Seitenlinie kaum vorstellen. "Meine erste Frage an ihn war: Warum coachst du? Ich hätte das nie kommen sehen. Ich dachte eher, er wird vielleicht Manager oder Präsident eines Vereins", sagte Denis Wucherer, Trainer von s. Oliver Würzburg und früherer Teamkollege von Pozzecco in Varese. Damals hatte der Italiener seine Haare knallrot gefärbt.

Wucherer und Pozzecco trafen 20 Jahre nach ihrer gemeinsamen Zeit in Varese im April 2019 als Trainer im Finale des Fiba Europe Cups aufeinander. Nur zwei Monate nachdem der Italiener den Trainerposten in Sassari übernommen hatte, setzte er sich mit Dinamo gegen Würzburg in Hin- und Rückspiel durch und holte seinen ersten Titel als Trainer - auf fränkischem Boden in der s.Oliver-Arena. Damals sagte Pozzecco: "In meinen Anfangsjahren als Trainer habe ich mich wie ein Spieler verhalten. Mittlerweile bin ich aber komplett anders. Ich bin viel ruhiger geworden und habe alle besser unter Kontrolle."

Für seine Verhältnisse mag diese Selbsteinschätzung sogar stimmen, doch Stoff für Schlagzeilen, sei es durch provokante Interviewaussagen oder einen cholerischen Anfall an der Seitenlinie, liefert der überehrgeizige 48-Jährige den italienischen Sportjournalisten immer noch wie am Fließband. Dass Pozzecco Pressekonferenzen trotz einer Niederlage aber auch in Frieden und auf charmante Weise verlassen kann, bewies er am Dienstagabend bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in Spanien. "Saragossa, ich liebe euch alle", hauchte er ins Mikrofon.