Kirche
Beichtgeheimnis muss unangetastet bleiben
Erzbischof Ludwig Schick hat eine eindeutige Haltung zum Beichtgeheimnis.
Erzbischof Ludwig Schick hat eine eindeutige Haltung zum Beichtgeheimnis.
Foto: Marion Krüger-Hundrup
Bamberg – Wegen der Missbrauchsfälle mehren sich Rufe, das Beichtgeheimnis aufzuweichen. Für Bambergs Erzbischof ist die Forderung eine Phantomdiskussion.

Der Bericht über sexuellen Missbrauch in der französischen Kirche hat auch hierzulande eine heftige Diskussion um das Beichtgeheimnis ausgelöst. Zumal Frankreichs Innenminister Gerald Darmain und auch Justizminister Eric Dupond-Moretti jetzt von der „zwingenden Verpflichtung“ jedes Priesters sprechen, derartige Straftaten anzuzeigen, auch wenn er davon bei der Beichte erfährt. Im Exklusiv-Interview mit dem Fränkischen Tag äußert sich Bambergs Erzbischof Ludwig Schick dazu, der nach eigenen Worten selbst lange Erfahrungen als Beichtvater hat und als Professor für Kirchenrecht viele zukünftige Priester die rechte Handhabung des Beichtsakraments lehrte.

Frage: Darf das Beichtgeheimnis in bestimmten Fällen tatsächlich eine Grenze überschreiten?

Erzbischof Schick: Zunächst: Die derzeitige Diskussion in Frankreich und in Deutschland über das Beichtgeheimnis in Bezug auf sexuellen Missbrauch ist eine Phantomdiskussion. Die Zahl der Beichten hat dramatisch abgenommen. Schon das macht es höchst unwahrscheinlich, dass jemand, der Missbrauch begangen hat, zur Beichte geht. Außerdem ist es grundsätzlich eher unwahrscheinlich, dass Sexualstraftäter ihre Taten in der Beichte bekennen.

Auf der anderen Seite ist zu bedenken: Wenn das Beichtgeheimnis bezüglich dieser Straftat aufgehoben wird, werden noch weniger zur Beichte gehen. Damit wird auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf einen Sexualstraftäter durch einen Beichtvater, der ihn bewegen könnte und auch müsste, sich der Justiz und einem Psychotherapeuten zu stellen, noch geringer.

Frage: Meinen Sie damit, dass das Beichtgeheimnis in jedem Fall gewahrt bleiben muss?

Erzbischof: Das Beichtgeheimnis muss unangetastet bleiben, weil die Beichte für die Werteorientierung, das Wertebewusstsein und das Werteleben aus der christlichen Botschaft Bedeutung hat. Das Beichtgeheimnis oder Seelsorgegeheimnis, wie es in der evangelischen Kirche genannt wird, kann von staatlicher Seite nicht aufgehoben oder eingeschränkt werden. Die Beichte oder die Individualseelsorge ist ein Teil des Grundrechts der Religionsfreiheit. Jeder Mensch hat das Grundrecht, seinen Glauben frei zu praktizieren. Dazu gehört auch, sich einem Priester oder einer/einem kirchlichen Amtsträger/in anzuvertrauen, mit der Garantie, dass das Gesagte nicht weitergetragen wird.

Frage: Der Staat hat den berechtigten Anspruch, Verbrechen zu ahnden. Wie ist dieser Anspruch mit dem Beichtgeheimnis zu vereinbaren?

Erzbischof: Die Beichte mit dem Beicht- oder Seelsorgegeheimnis kann nicht von einem Staat geregelt werden, weil er damit in das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen – was auch für andere anerkannte Religionsgemeinschaften gilt – eingreifen würde, was ihm nicht zusteht. Das bedeutet, dass in der katholischen Kirche sowohl die Canones 983 - 984, die das Beichtgeheimnis jedem Beichtenden garantierten, bestehen bleiben müssen, wie auch der Canon 1388, der einen Priester, der das Beichtgeheimnis verletzt, mit der Strafe der Exkommunikation belegt. Im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland wird im Paragrafen 139(2) das Seelsorgegeheimnis ausdrücklich garantiert.

Frage: Steht dann Kirchenrecht generell über staatlichem Recht?

Erzbischof: Das Kirchenrecht steht nicht über dem staatlichen Recht, aber die Menschenrechte wie auch die staatlichen und kirchlichen Vereinbarungen und Gesetze garantieren das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen.

Frage: Ist der katholischen Kirche Täterschutz immer noch wichtiger als der Schutz der Opfer, wenn Beichtväter schweigen müssen?

Erzbischof: Der Täterschutz steht in der Kirche niemals über dem Schutz der Opfer. Kirchliche Überzeugung ist: Den Opfern muss Gerechtigkeit zuteil werden, Täter gehören bestraft! Mit und durch die Beichte könnten gegebenenfalls Täter bewegt werden, sich zu stellen, wie oben bereits gesagt. So dient die Beichte dem Opfer! Der Beichtende kann den Beichtvater auch von der Schweigepflicht entbinden, so dass dieser dann von sich aus handeln kann.

Frage: Was raten Sie als oberster Dienstherr Ihren Priestern, die in einer Beichte von Missbrauch, Mord, Vergewaltigung oder anderen Delikten erfahren?

Erzbischof: Ein Priester muss jeden, der beichtet, verpflichten, die Taten zu bereuen und den festen Vorsatz zu fassen, diese nie wieder zu begehen. Wenn ein Sexualstraftäter dies nicht tut oder, weil er pädophil ist, es auch nicht versprechen kann, sollte er keine Absolution erhalten. Die Beichtväter müssen noch intensiver geschult werden, mit allen Beichtenden und ihren jeweiligen Bekenntnissen adäquat umzugehen. Das gilt in besonderer Weise für Straftaten von sexueller Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Abhängige.

Frage: Ist die Beichte ein geeignetes Mittel, eine solche Gewalt zu verhindern?

Erzbischof: Um sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Jugendliche, Abhängige und auch Erwachsene zu verhindern, sollte die Beichte wieder mehr ins Bewusstsein gebracht und auch vollzogen werden. Dazu gehört die Wahrung des Beichtgeheimnisses. Jene, die die Beichte abnehmen, sollten sehr gut geschult sein, um durch die Beichte Schuld, Sünde und Fehlverhalten unter den Menschen und in der Gesellschaft zu minimieren beziehungsweise auszulöschen sowie zu verhindern. Durch die Beichte kann der Grundwasserspiegel der Moral und Ethik in der Gesellschaft insgesamt gemehrt werden und somit auch sexualisierte Gewalt verhindert werden.