Afghanistankrise
„Ich flehe die deutsche Regierung an“
Menschen gedenken auf dem Maxplatz in Bamberg der Opfer der Anschläge und Wirren am Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul.
Menschen gedenken auf dem Maxplatz in Bamberg der Opfer der Anschläge und Wirren am Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul.
Foto: Julian Megerle
Bamberg – Wie ein junger Afghane die Situation in seinem Heimatland sieht und welche Rolle der Westen spielt.

Nach einer Schweigeminute fängt Amad Mohammadi an zu sprechen. Rund 100 Menschen gedenken auf dem Maxplatz in Bamberg der Opfer der Anschläge und Wirren am Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Es ist der Antikriegstag, zu welchem die Grünen eine Mahnwache veranstalten.

Schutzlose Menschen, die um ihr Leben fürchten

Mit gesenkter Stimme schildert Mohammadi, was passiert ist. Er fragt: „Was ist mit den Menschen, die nun schutzlos dastehen, die ohne Versorgung um ihr Leben fürchten?“ Der gebürtige Afghane ist selbst 2012 nach Stationen über andere Länder nach Deutschland geflohen. Damals wurde sein Vater von den Taliban ermordet. Und heute hat das ehemalige Regime erneut die Macht übernommen, nachdem die westlichen Streitkräfte ihren 20-jährigen Einsatz abgebrochen haben. Der Machtwechsel trifft ihn erneut ganz privat: „Meine Schwester ging in die zehnte Klasse, aber der Schulunterricht ist nun verboten für Frauen.“ Jeden Tag stehe er im Austausch mit ihr, so erfahre er von den Zuständen im Land.

Viele kämpfen um ihre Liebsten

Der junge Mann kämpft darum, dass seine Mutter und seine Schwester das Land verlassen können. Und fühlt sich doch sehr machtlos, wie er im direkten Gespräch klar macht: „Niemand kommt an Bargeld im Land und Überweisungen funktionieren auch nicht.“ Ein Visum zu bekommen, scheint schier unmöglich. Da bleibt nur der Griff zum Telefonhörer, um über Kontakte die Dinge in Bewegung zu setzen. Er kenne viele, die das Gleiche versuchen und um ihre Liebsten kämpfen. „Bis jetzt sind wir da in einer Sackgasse gelandet.“ Aber die Hoffnung will Mohammadi dennoch nicht aufgeben.

„Die 20 Jahre, in denen der Westen in Afghanistan war, hat nichts gebracht“, stellt er ernüchtert fest. Niemand könne sich damit brüsten, dass dadurch etwas erreicht wurde. An die Menschen auf dem Platz gerichtet spricht er eindringlich: „Ich flehe die deutsche Regierung an, die Menschen zu retten!“ Zudem dürfe die Bundesregierung die Taliban nicht als Regierung anerkennen, sondern müsse sie als Terrorgruppe einstufen.

Gegen Abschiebung und exzessive Rüstungsexporte

Auch in der Politik kommt der Ruf nach mehr Handlungsbereitschaft an. Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) Bundestagsvizepräsidentin, fordert in ihrer Rede auf dem Maxplatz, dass es neben einem endgültigen Abschiebestopp nach Afghanistan auch ein Ende der „exzessiven Rüstungsexporte“ an fragwürdige Länder brauche. Die Bundestagsdirektkandidatin Lisa Badum betont mit Blick auf die Nachbarländer, es sei noch nicht zu spät, die Menschen aus Afghanistan herauszuholen.

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