Bundestagswahl
Das sagt ein Experte zu den Wahlplakaten
Das Wahlplakat der CSU
Das Wahlplakat der CSU
Foto: Berthold Köhler
Coburg – Die ersten Plakate hängen und sollen den Wähler begeistern. Wir haben einen Experten gefragt, wie die Chancen dafür stehen.

Als Professor lehrt André Haller an der Fachhochschule Kufstein Tirol in den Studiengängen Digital Marketing, Marketing und Kommunikationsmanagement. Zu seinem Forschungsbereich gehört auch die strategische und politische Kommunikation. Bis September 2019 war er an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg tätig, wo er mit einer Arbeit über die Rolle von Skandalen in der politischen Kommunikation promovierte.

André Haller saß mehrmals in der Jury zur Verleihung des Coburger Medienpreises. Außerdem ist er Lehrbeauftragter im Studiengang Zukunftsdesign, den die Fachhochschule Coburg anbietet. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt er eine Einschätzung zur Wirkung der Plakate der größeren Parteien für die anstehende Bundestagswahl.

Am falschen Fleck

André Haller: Mich hat es irritiert, dass ein Plakat mit einer Kuh (siehe Titelbild) mitten in Coburg steht. Das hätte ich eher im ländlichen Raum erwartet und dann als normales Plakat und nicht in dieser Größe - diese Großplakate nennt man "Wesselmann".

Generell ist das Plakat mit der Kuh gut gelungen und lenkt die Aufmerksamkeit, es steht aber am falschen Fleck.

Ich habe noch ein weiteres Plakat gesehen, auf dem Alexander Dobrindt und Dorothee Bär abgebildet waren. Das Plakat fand ich sehr gut, weil sich die CSU seit Jahren stärker auf weibliche Zielgruppen ausgerichtet hat. Das zeigt sich auch an den internen Quoten, viele Posten werden mit Frauen besetzt.

Mit traditionellen, konservativen Bildern sind Wähler nicht mehr zu gewinnen. Viele junge, hochqualifizierte Leute legen ein anderes Wahlverhalten an den Tag - für etablierte, männliche Kandidaten wird es schwer, noch Wahlkreise in Großstädten zu holen. Und genau darum geht es für die Direktkandidaten - the winner takes it all.

Guter Schriftzug

Das Wahlplakat der Grünen
Das Wahlplakat der Grünen
Foto: Berthold Köhler

Es ist clever, Annalena Baerbock in Anbetracht der gegen sie erhobenen Plagiatsvorwürfe nicht alleine abzubilden. Dass Robert Habeck wieder mitmischt, ist gut.

Ein konservativer Bayer, dem der Umweltschutz wichtig ist, hätte sicher ein Problem mit der Quotendiskussion. Diese Wählergruppe deckt Habeck gut ab, während Baerbock bei den Frauen gut ankommt. Habeck kommt sicher auch bei den konservativen Wählern gut an, die mit Söder nichts anfangen können.

Der Schriftzug "Bereit, weil Ihr es seid", steht dafür, dass wir alle für den Wandel bereit sein können. Er drückt aus, dass die Wähler wahrscheinlich etwas anderes wollen, was die Grünen gemeinsam mit ihnen angehen. Dass Wörter wie "gemeinsam" oder "miteinander" vermieden werden, ist gut. Sie sind ausgelutscht und ohne tiefergehende Bedeutung.

Keine Aussage

Das Wahlplakat der Linken
Das Wahlplakat der Linken
Foto: Rainer Lutz

Die Forschung zeigt, dass reine Textplakate immer am schlechtesten wahrgenommen werden. Menschen schauen evolutionsbedingt immer zuerst auf Gesichter. Ich verstehe nicht, warum Die Linke nur Text in ihrem Plakat abbildet.

Das Schlagwort "Gerechtigkeit" sagt nicht viel aus. Wer liberal denkt, wird Gerechtigkeit anders definieren als jemand, der bei einer Gewerkschaft ist. Es ist schwer zu sagen, worauf die Partei hinaus möchte. Besser wäre eine Aufschrift wie "Millionärssteuer" gewesen. So wäre jedem klar gewesen, dass Millionäre mehr zahlen sollen.

Die Farben sind ungewöhnlich. Sie passen zwar zusammen, aber das Plakat wirkt insgesamt unruhig.

Stimmzettel irritiert

Das Wahlplakat der SPD
Das Wahlplakat der SPD
Foto: Rainer Lutz

Das Design mit dem Spitzenkandidaten Olaf Scholz in schwarz-weiß vor dem roten Hintergrund gefällt mir sehr gut. Auf einem Wesselmann sollten die Spitzenkandidaten immer mit drauf sein, das gelingt der SPD hier sehr gut.

Was irritierend ist, ist der Stimmzettel mit der Aufschrift - ein Kreuz wäre besser gewesen. Bei Scholz wäre es auch denkbar gewesen, ihn staatsmännisch stehend zu präsentieren, weil er ja seit Jahren aktiv in der Regierung ist. Bei früheren Wahlen hat die SPD oft Violett verwendet. Davon ist die Partei jetzt wieder weg.

Der Aufschrift "Jetzt sichere Arbeit & Klimaschutz wählen" würden nur die wenigsten widersprechen. Auf dem Plakat könnte genauso gut "Frieden wählen" stehen.

Die Linie durchziehen

Das Wahlplakat der FDP
Das Wahlplakat der FDP
Foto: Rainer Lutz

An den Farben ist sofort zu erkennen, dass das Plakat zu der FDP gehört. Das Plakat ist interessant, weil die Linie vom letzten Bundestagswahlkampf weiter durchgezogen wird.

In einem Spot, der vor vier Jahren online gezeigt wurde, war Christian Lindner schwer am Arbeiten. Der Spot sollte authentisch wirken. Was auf dem Plakat auffällt, ist der Text in der Mitte. Solche Texte sind auf einem Wesselmann unsinnig, denn die Zielgruppe sind Autofahrer. Keiner wird anhalten, um den Text zu lesen. Es wäre besser, den Text online zu platzieren.

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