Gewalt gegen Frauen
Sein Gesicht wird Anna nie mehr vergessen
In der Nähe des Theaterplatzes geschah die Tat.
In der Nähe des Theaterplatzes geschah die Tat.
Foto: S.BastianF.Schäfer
Coburg – Angriffe gegen Frauen sind keine Einzelfälle. Auch in Coburg nicht, wo eine damals 12-Jährige mitten auf der Straße zum Opfer wurde.

Es ist ein warmer Julitag in Coburg - Anna (12, Name geändert) und ihre Freundinnen verbringen den Nachmittag am See. Sie baden, spielen Karten, hören Musik, lesen. Um etwa 16 Uhr verabschiedet sich Anna und fährt mit dem Bus zurück in die Stadt. Sie möchte heute schon etwas früher zuhause sein.

Auf dem Weg nach Hause

Vom Theaterplatz aus läuft sie in Richtung ihres Zuhauses. Sie trägt eine kurze Hose und ein langes T-Shirt. Mit Kopfhörern im Ohr schlendert sie die Straße entlang. Plötzlich überkommt sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie dreht sich um. Ein paar Schritte hinter ihr läuft jemand. Ein mittelalter Mann, nicht sonderlich groß. Anna denkt sich nicht viel dabei. An der nächsten Kurve muss sie kurz anhalten, um ein Auto vorbeizulassen. Der Abstand zu dem Mann verringert sich. Anna geht etwas schneller, biegt in ihre Straße ab. Nur wenige Schritte vor der Einfahrt zu ihrem Haus merkt sie, dass der Mann nun nicht einmal mehr zwei Meter hinter ihr ist.

Sie dreht sich um. Schaut ihm in die Augen, lächelt ihm kurz unsicher zu. Er schließt zu ihr auf, redet auf sie ein und versucht, ihr einen 50-Euro-Schein in die Hand zu drücken. Anna ist verwirrt. Braucht er vielleicht Geld? Sie kramt in ihrer Tasche nach einem Zwei-Euro-Stück und will es ihm in die Hand drücken. Doch der Mann schüttelt den Kopf, schiebt ihre Hand weg und versucht wieder, ihr den 50-Euro-Schein zu geben.

Dann greift er ihr mit der anderen Hand in den Genitalbereich. Sein Griff wird fester. Er sieht ihr in die Augen, sagt wieder etwas. Anna erstarrt. Erst da legt sich ein Schalter in ihrem Kopf um. Sie duckt sich an ihm vorbei und läuft schnell den Weg zu ihrer Einfahrt nach oben. Rennt fast. Dort angekommen, dreht sie sich um - außer Atem - und sieht, wie der Mann an der Straße steht und ihr nachsieht...

"Nein heißt Nein"

All das ist mitten auf der Straße passiert, mitten am Tag. Der Fall ist authentisch. Und - es ist alles andere als ein Einzelfall. Am 25. November, war der jährliche Aktionstag, der auf jede Form der Gewalt, auch sexualisierte, gegen Frauen und Mädchen aufmerksam machen soll. Und das schon seit Jahrzehnten. Seit 1981 organisieren diverse Menschenrechtsorganisationen Aktionen rund um diesen Tag, die so genannten "Orange Days".

"Eigentlich hat fast jeder irgendjemanden im engeren Freundes- oder Bekanntenkreis, der schonmal auf die ein oder andere Weise Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hat", sagt Martina Kostroun, Sozialarbeiterin und eine Vertreterin des Vereins "Keine Gewalt gegen Frauen" und des Frauenhauses in Coburg. "Oft ist es den Frauen nicht einmal bewusst, dass sie Gewalt erfahren haben."

Formen von Gewalt

Hinterherpfeifen, Catcalling (anzügliche Bemerkungen in der Öffentlichkeit) oder Stalking bis hin zu sexueller Belästigung oder Vergewaltigung - all das ist Gewalt.

Gestern, vor dem Polizeipräsidium Coburg. Mehrere Frauen demonstrieren, halten Plakate hoch: "Gewalt (be)trifft jede/n" und "2 von 3 Frauen erleben sexuelle Belästigung". Gemeinsam mit Studentinnen der Hochschule Coburg, die sich ehrenamtlich beim Frauenhaus engagieren, möchten sie Aufmerksamkeit erzeugen: "Wir hoffen dadurch Menschen zum Nachdenken anzuregen, die man sonst vielleicht nicht erreichen kann", sagt Kostroun. Auch sie nimmt an der Demo teil.

Bis zum 10. Dezember sollen im Rahmen der "Orange Days", in Coburg Aktionen stattfinden. Unter anderem der Hexenturm wird in Kooperation mit dem Coburger Designforum die nächsten zwei Wochen in Orange angestrahlt.

"Ich werde sein Gesicht nie vergessen"

Annas schlimmes Erlebnis ist jetzt acht Jahre her. "Es war ein kurzer Moment, aber heute kann ich mich trotzdem noch genau an die Szene erinnern", sagt sie. An das Gefühl des Verfolgt-Werdens. Daran, dass sie sofort hatte duschen müssen, als sie zu Hause angekommen war - und sich danach trotzdem noch nicht wirklich sauber gefühlt hatte. Daran, wie sie die Wochen danach nicht wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte und sich erst auf das Drängen ihrer besten Freundin dazu entschieden hat, ihrer Mutter davon zu erzählen. Und erst die Mutter ging mit ihr zur Polizei - wo Anna das ganze Erlebnis noch einmal schildern musste. Wochen danach.

"Ich habe aber im Nachhinein relativ gut mit der Situation umgehen können. Einen psychischen Schaden habe ich nicht davon getragen - trotzdem werde ich das Gesicht des Mannes niemals vergessen. Irgendwie ist das in meinem Kopf hängen geblieben."

Nie wieder nachgefragt

Was nach der Aussage bei der Polizei passiert ist, weiß Anna nicht. Man hatte ihr damals versichert, dass man sich sofort darum kümmern würde. Die Beschreibung des Mannes sei den Beamten in Coburg sowieso schon geläufig gewesen. Nachgefragt hatte sie aber auch nicht mehr. "Es ging mir nicht darum, dass er bestraft wird. Ich hab ihn auch seitdem nie mehr irgendwo gesehen."

In den fünf Jahren von 2015 bis 2020 hat es insgesamt 815 Morde an Frauen gegeben, so genannte Femizide. Und an jedem dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. Die Dunkelziffer - unbekannt.

Quelle: Kriminalistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt des BKA ; Universität Erlangen