Bundestagswahl 2021
Ramona Brehm: Handwerk, Herz und harte Arbeit
Ramona Brehm hat die Urkunde, die sie zur Botschafterin des Coburger Landes erklärt, in ihrer Wohnung aufgehängt.
Ramona Brehm hat die Urkunde, die sie zur Botschafterin des Coburger Landes erklärt, in ihrer Wohnung aufgehängt.
Foto: Ulrike Nauer
Coburg – Ramona Brehm kandidiert im Wahlkreis Coburg/Kronach für die SPD. Als "Frau aus der Mitte der Gesellschaft" will sie politisch durchstarten.

Wenn Ramona Brehm an ihre 2020 verstorbene Mutter denkt, dann hört sie sie auch immer den Satz sagen: "Mach das, was Dich glücklich macht! Du hast nur das eine Leben!" Ihren Traumberuf, der sie glücklich macht, hat sie als Schornsteinfegerin längst gefunden. Nun will die 31-Jährige auch in der Politik richtig durchstarten. Den ersten Schritt hat sie schon 2020 getan. Seit den Kommunalwahlen im März sitzt sie für die SPD im Coburger Stadtrat. Nun tritt sie - als einzige Frau im Kandidaten-Reigen - auch zur Bundestagswahl am 26. September an.

Bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr erzielte sie auf Anhieb das viertbeste Ergebnis der SPD-Stadtratsfraktion. "Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet", sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Doch auch wenn sie damals noch nicht politisch in Erscheinung getreten war, kannten die Coburger schon ihr Gesicht. 2018 war Ramona Brehm zur "Miss Handwerk" gekürt worden und daraufhin als Botschafterin des Handwerks und des Coburger Landes ein Jahr lang in ganz Deutschland unterwegs gewesen.

"Perfekte Kandidatin"

SPD-Oberbürgermeister Dominik Sauerteig war derjenige, der sie letztlich animierte, ihre Bekanntheit für die Bundestagswahl zu nutzen. "Wir saßen im September 2020 zusammen und haben uns über den Wahlkampf unterhalten", erinnert sich Ramona Brehm. "Du bist die perfekte Kandidatin", habe ihr der OB versichert. "Wir sind eine Arbeiterpartei, Du bist Handwerkerin, weißt, was harte Arbeit bedeutet, bist jeden Tag bei den Menschen und hörst, was los ist." Die 31-Jährige musste bei so viel Lob erst einmal lachen, wie sie erzählt - und dann in aller Ruhe darüber nachdenken.

Ihre Familie habe ihr sofort ihre uneingeschränkte Unterstützung zugesagt, erzählt Ramona Brehm. Auch aus dem Freundeskreis habe sie viel Zuspruch erhalten. Und natürlich kamen ihr auch wieder die Worte ihrer Mutter in den Sinn. "Und dann dachte ich, wann, wenn nicht jetzt?"

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Viele entscheiden erst am Wahltag

Im vergangenen Februar erhielt Ramona Brehm, die ohne Gegenkandidaten angetreten war, in einer virtuellen Nominierungskonferenz 96 Prozent der rund 70 Delegiertenstimmen. So einfach wird es bei der Bundestagswahl selbst wohl nicht werden. Auf der Bayern-Liste der SPD rangiert sie im Mittelfeld auf Platz 26. "Das wird sportlich!", sagt sie. Andererseits glaube sie, dass viele Wähler erst am Wahltag selbst entscheiden werden, wem sie ihre Stimme geben. "Das wird noch spannend!"

Wie die Wahl am 26. September ausgeht, darüber will Ramona Brehm nicht spekulieren. Wo sieht sie selbst ihre Vorteile? "Im Vergleich zu den anderen Kandidaten bin ich näher am Bürger dran", sagt die 31-Jährige. Als Schornsteinfegerin betreut sie im Coburger Kehrbezirk 5 rund 3500 Haushalte. "Ich bin bei den Menschen zu Hause und da wird eben nicht nur über die Heizung gesprochen. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht die typische Handwerkerin bin, die nur ihren Job macht." Zeit für einen kleinen Schwatz bleibe immer. "Diese Art der Kundenpflege brauche ich!"

Lehrjahre machten sie stark

Geboren ist Ramona Brehm 1990 in Sonneberg. Ihr Vater war dort Lehrer, ihre Mutter schulte nach der Wende um und arbeitete viele Jahre als examinierte Altenpflegerin, wie Ramona Brehm erzählt. Sie habe eine sehr schöne Kindheit gehabt, sei behütet und naturnah aufgewachsen, bis 1998 in Sonneberg, dann in Effelder.

Als es an der Mittelschule in Schalkau auf den Abschluss zuging, überlegte sie sehr lange und ausführlich, welchen Beruf sie gerne ergreifen würde. Der Zufall kam ihr zu Hilfe, sie gab ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in ein Computerprogramm des Arbeitsamtes ein und gleich an zweiter Stelle wurde ihr Schornsteinfeger vorgeschlagen. "Ich fand das cool", sagt sie lachend. "Denn zu uns kam immer eine Schornsteinfegerin und die hatte auch noch Dreadlocks." Als sie das nächste Mal zum Kehren kam, kamen die beiden Frauen ins Gespräch. Die Handwerkerin fragte ihren Chef, ob Ramona Brehm "mal mitkommen" dürfe. Sie durfte!

Nach dreimal Ferienarbeit konnte Ramona Brehm schließlich in dem südthüringischen Betrieb auch ihre Lehre antreten. Die Lehrjahre von 2006 bis 2009 seien nicht leicht gewesen, aber sie hätten sie stark gemacht, sagt die 31-Jährige stolz. Nach der Lehre vertrat sie noch ein Jahr lang eine Kollegin, dann wurde 2010 in Coburg eine Stelle im Bezirk 5 frei. "Von der Löwenapotheke bis Wüstenahorn, Coburg Süd, Triebsdorf, die Finkenau, Haarth", beschreibt sie ihren Kehrbezirk. 2013 zog sie nach Coburg - und war begeistert von der Stadt. "Ich wollte da gar nicht mehr weg!"

Dass sie keine Akademikerin ist, sieht die 31-Jährige als Schwachpunkt - "das spielt immer noch eine Rolle". Andererseits höre sie oft, dass es in den Parlamenten zu viele Akademiker gebe, dass die mittlere Schicht der Gesellschaft dort zu wenig vertreten sei. Genau dort sehe sie sich selbst: als "die Frau aus der Mitte der Gesellschaft" und genau dort wolle sie auch bleiben.

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