Kandidaten
Johannes Wagner: Bei der Pizza machte es "Klick"
Der doppelte Johannes Wagner vor dem Pop-Up-Büro der Coburger Grünen in der Judengasse.Foto: Ulrike Nauer
Der doppelte Johannes Wagner vor dem Pop-Up-Büro der Coburger Grünen in der Judengasse.Foto: Ulrike Nauer
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Coburg – Johannes Wagner kandidiert im Wahlkreis Coburg/Kronach für die Grünen. Ein Restaurantbesuch in Argentinien brachte ihn zur Medizin.

Den Ort, den sich Johannes Wagner für sein Gespräch mit unserer Zeitung ausgesucht hat, gibt es erst seit Anfang August: das Pop-up-Büro der Grünen in der Judengasse. Dort, wo man einst Deko und Bastelsachen bei der Seilerei Müller kaufen konnte, wollen die Coburger Grünen mit ihrem Bundestagskandidaten Gäste empfangen, Vorträge anbieten und verschiedene Events wie eine Kleidertauschparty veranstalten.

Im Moment wirkt der große Raum noch etwas leer, aber es soll auch noch eine Couch hinein, wie Johannes Wagner erzählt. Vom Plakat neben dem Eingang strahlt der Coburger Kinderarzt (in Weiterbildung) zu den Passanten herunter und in einem Fahrradkorb liegen Flyer zum Mitnehmen bereit, in denen der 30-Jährige sich und seine politischen Ziele vorstellt. Die neuen Räume - "unser neues Aushängeschild" - haben die Grünen zusätzlich zu ihrem (kleineren) Büro im Steintor für zunächst zwei Monate gemietet. Durch die Lage in der Fußgängerzone erhofft sich die Partei deutlich mehr Zulauf.

Aus Berlin wieder nach Coburg

Mit Johannes Wagner haben die Coburger und Kronacher Grünen einen Kandidaten, der schon in jedem fränkischen Regierungsbezirk gelebt und letztlich Berlin wieder für das viel kleinere und ruhigere Coburg verlassen hat, wie er selbst seinen bisherigen Lebensweg beschreibt. Geboren ist Johannes Wagner in Nürnberg. Seine Grundschulzeit verbrachte er in Forchheim, dann zog die Familie weiter nach Bamberg, wo er am Dientzenhofer-Gymnasium sein Abitur ablegte. Ein medizinischer Beruf stand damals für ihn eigentlich überhaupt nicht zur Debatte. Mathematik und vor allem Wirtschaftslehre, seine beiden Leistungskurse, waren für ihn die viel interessanteren Themenbereiche.

Wagners Jahrgang war der letzte, für den noch die Wehrpflicht galt. Doch für ihn war klar, zur Bundeswehr wollte er keinesfalls. Über die Institution ADiA (Anderer Dienst im Ausland) konnte Wagner seinen Zivildienst im Ausland ableisten. Als Schüler, mit 16 Jahren, war er bereits im Austausch in Argentinien.

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Betteln um den schwarzen Rand

Dort wurde der Besuch einer Pizzeria zu seinem ganz persönlichen Schlüsselerlebnis. "Ich hatte eine Pizza bestellt und der Rand war ziemlich verbrannt", erzählt Wagner. Die schwarzen Teile schnitt er, so wie es ihm seine Mutter immer eingeschärft hatte, weg. Schließlich stünden solche verbrannten Stücke im Verdacht, Krebs zu erregen. Doch eine Gruppe Straßenkinder störte sich nicht an den ungesunden Pizza-Rändern und bettelte darum, sie essen zu dürfen. "Das hat ganz viel in mir ausgelöst", sagt Johannes Wagner heute. "Seitdem ist das Thema globale Gerechtigkeit sehr präsent für mich."

Seinen Zivildienst leistete er später in Ecuador, wo er unter anderem als Übersetzer für ein Ärzteteam arbeitete, das dort in abgelegenen Gebieten Menschen behandelte - ähnlich wie Ärzte ohne Grenzen. Das sei "mit die bewegendste Zeit" gewesen. "Daraus ist auch der Wunsch entstanden, Medizin zu studieren und selbst mal mit Ärzte ohne Grenzen wegzugehen."

Für Sport, Biologie und Gesundheitsthemen hatte sich Johannes Wagner schon vorher interessiert, und so kam er zum Medizin-Studium an die Uni Erlangen. Im Anschluss absolvierte er ein weiteres Studienjahr in Würzburg, wo er die Zusatzqualifikation in "Globaler Gesundheit und Interkulturalität" erwarb.

Für Coburg die Großstadt aufgegeben

Nach dem Studium wollte er sich eigentlich seinen Traum erfüllen, im Ausland zu arbeiten. Wagner entschied dann aber, hier zu bleiben und sich lieber in Deutschland für mehr globale Gerechtigkeit und Veränderungen in der Politik einzusetzen. "In Deutschland gibt es so viel Potenzial, dafür muss man nicht ins Ausland."

Apropos Veränderungen in der Politik, die sind nach Wagners Ansicht dringend nötig. "Ich selbst kenne ja nur Angela Merkel als Kanzlerin", sagt er lachend. Als Wagner 14 Jahre alt war - da löste Merkel gerade Gerhard Schröder im Kanzleramt ab - habe er sich noch nicht für Politik interessiert, wie er zugibt. Nach 16 Jahren Merkel brauche Deutschland nun dringend einen Richtungswechsel, ist der 30-Jährige überzeugt. "Bloß nicht wieder eine große Koalition!" Die Aussichten für seine Grünen seien nicht schlecht. Er selbst liegt auf Listenplatz 16 in Bayern. "Damit es für mich reicht, bräuchten wir etwa 14 bis 15 Prozent", rechnet Wagner vor - kein Ding der Unmöglichkeit. Die Richtung des engagierten Mediziners ist klar: "Wir brauchen eine Politik, die Gesundheit und Klimaschutz in den Fokus stellt."

Nach Coburg kam Wagner 2020, zwei Monate, ehe Corona alles lahmlegte. Entsprechend intensiv war die erste Zeit am Klinikum Coburg , wo er aktuell in der Facharzt-Ausbildung steckt. Nach dem Abschluss in Würzburg im Oktober 2019 hatte es ihn zunächst nach Berlin gezogen. Doch der Franke merkte schnell, dass die Großstadt nicht sein Ding ist. "Ich wollte zurück in die fränkische Heimat, Coburg passte perfekt!" Und Möglichkeiten, die Welt etwas besser zu machen, gebe es schließlich auch in Coburg jede Menge.

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