Bundestagswahl 2021
Sebastian Johannes Görtler: Termine und wenig Schlaf
Sebastian Görtler im Coburger Prinzengarten, wo er zu Studienzeiten gerne zum Essen ging.Foto: Ulrike Nauer
Sebastian Görtler im Coburger Prinzengarten, wo er zu Studienzeiten gerne zum Essen ging.
Foto: Ulrike Nauer
Coburg – Sebastian Görtler kandidiert für die AfD im Wahlkreis Coburg/Kronach. Was er dafür aufgeben musste und warum er es gerne tat, erzählt er im Gespräch.

Sein Bekenntnis zur AfD hat Sebastian Görtler mit dem Verlust einiger Freunde und seines langjährigen Ehrenamtes bezahlt. Dennoch ist der 37-Jährige nach wie vor davon überzeugt, mit seiner Entscheidung für die AfD den richtigen Schritt getan zu haben. Bei der Bundestagswahl am 26. September kandidiert er für den Wahlkreis Coburg /Kronach.

Über 20 Jahre lang hat sich Görtler in der Jugendarbeit engagiert. 18 Jahre gehörte er dem Kreisjugendring Kronach an - zehn Jahre als Beisitzer, acht Jahre als stellvertretender Vorsitzender. "Ich habe mich da zwar aus der Politik herausgehalten, war aber selbst immer in der jugendpolitischen Bildung aktiv", erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung im Coburger Prinzengarten. "Man muss den Kindern ja beibringen, wie Politik und Demokratie funktionieren."

"In der Jugendarbeit streitbar"

Während dieser 18-jährigen Tätigkeit habe er sich "tiefgehend" mit den einzelnen Parteien, ihren Zielen und Programmen beschäftigt. Und auch wenn die AfD schon immer "in der Jugendarbeit sehr streitbar" gewesen sei, habe er sich letztlich doch für die 2013 gegründete Partei entschieden.

Dass das Konsequenzen haben würde, war Görtler von vornherein klar. Sein Freundeskreis habe sich etwa 50:50 aufgespalten - "in Menschen, die das absolut verstanden haben, die mich auch über viele Jahre kennen. Die sehen nichts Schlimmes bei der ganzen Sache, die kennen meine Persönlichkeit." Die andere Hälfte habe erst gar nicht nach seinen Motiven oder Ansichten gefragt. "Da hieß es nur: ,AfD? Freundschaft beendet!‘ Aber Leute, die mich seit 20 Jahren kennen und mir nur wegen einer Parteizugehörigkeit die Freundschaft kündigen, das sind keine Freunde."

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"Das war ja klar"

Diejenigen, die mit ihm befreundet blieben, seien von seiner Wahl "erstaunlicherweise nicht überrascht" gewesen. "Ich habe oft gehört: ,Ja, das war klar, das kann ja gar nicht anders sein.‘ Einfach, weil ich mich so lange kritisch mit vielen Dingen auseinandergesetzt habe. Viele Themen der AfD sind eben kritisch."

Dafür, dass man seine Entscheidung in der Jugendarbeit weniger entspannt sah, hat Görtler Verständnis: "Mir wurde nahegelegt, höflich, aber verständlich, dass das mit dem Ehrenamt einfach nicht mehr funktioniert." Als Mitglied des Kreisjugendrings sei man nun mal zur politischen Neutralität verpflichtet. "Wenn man sich dann einer Partei verschreibt und das öffentlich macht, dann passt das einfach nicht. Das wäre aber auch bei jeder anderen Partei so gewesen, nicht nur bei der AfD."

Tief verwurzelt in der Region

Sebastian Görtler ist in Kronach geboren und aufgewachsen. Nach dem Realschulabschluss folgte zunächst das Fachabitur für Gestaltung in Bayreuth. Anschließend studierte er sechs Semester Produktdesign an der Hochschule Coburg . "Die familiäre Situation ließ aber nicht zu, dass ich das Studium beenden konnte", erzählt Görtler.

Zu jenem Zeitpunkt bot sich an, im Unternehmen einer befreundeten Familie in der Druckerei anzufangen. Er begann eine Lehre als Drucker, die er als bester Geselle Bayerns und drittbester Deutschlands abschloss. Er lernte den ganzen Betrieb kennen und sollte ihn sogar irgendwann übernehmen. Eine Insolvenz, noch vor der Übernahme, machte diese Pläne zunichte. Er war weiterhin als Drucker tätig, arbeitete zwischendurch auch selbstständig für verschiedene Druckereien.

"In der Selbstständigkeit bot sich an, die Mediengestaltung gleich mitzumachen", sagt Görtler. Heute führt er immer noch sein Ein-Mann-Unternehmen im Nebenerwerb, ist seit 2015 aber auch als fest Angestellter für das Marketing eines mittelständischen Unternehmens verantwortlich.

"Ruhe ist einfach mein Ding"

Vor fast zehn Jahren kaufte sich Sebastian Görtler ein kleines Haus in Johannistal bei Kronach. Er wohne sehr gerne dort, "es sind nicht viele Einwohner. Es ist ein schön ruhig gelegenes kleines Dorf." Auch Kronach schätze er dafür, dass es eine kleine, ruhige Stadt sei. "Ruhe ist einfach mein Ding", sagt Sebastian Görtler. "Ich bin ein tief verwurzelter Mensch, mich kann man einfach nicht aus der Ruhe bringen." Traurig finde er nur, dass sein Terminkalender im Moment so vollgepackt sei, dass keine Zeit für eine Freundin oder auch Frau und Kinder bleibe. Aktuell habe er auch alle Vereinsaktivitäten eingestellt. "Vollzeitjob, eigene Firma und jetzt noch die Politik dazu, mehr als fünf Stunden Schlaf kommen da pro Nacht gerade nicht mehr zusammen", sagt der 37-Jährige schmunzelnd.

Was rechnet er sich für die Wahl aus? "Zwölf bis 15 Prozent können wir schaffen", glaubt Görtler. Er habe durchaus die Ambition, sich hochzuarbeiten. Ob das im ersten Anlauf gleich der Bundestag sein werde, sei fraglich, auch wenn er sich der Aufgabe gewachsen sehe. "Wenn es jetzt nicht klappt, muss ich mich in der Partei festigen. Die Leute müssen mich kennenlernen." In Kronach müsse er kaum jemandem erklären, wer er sei. Das sei in Coburg ganz anders. Das hat er in über 20 Jahren Jugendarbeit gelernt: "Das ist Aufbauarbeit, das zieht sich hin, bis man einen Namen hat."

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