Bundestagswahl 2021
Ulf Wunderlich: Vor der Wahl wird geheiratet
Ulf Wunderlich im Café M, das bei ihm gleich um die Ecke liegt.Foto: Ulrike Nauer
Ulf Wunderlich im Café M, das bei ihm gleich um die Ecke liegt.
Foto: Ulrike Nauer
Coburg – Ulf Wunderlich kandidiert für Die Linke im Wahlkreis Coburg/Kronach. Warum dem 23-Jährigen politisches Engagement so wichtig ist.

Mit seinen 23 Jahren gehört Ulf Wunderlich zweifellos zu den jüngsten Kandidaten, die bislang bei Bundestagswahlen für den Wahlkreis Coburg/Kronach angetreten sind. Illusionen, dass das klappen könnte, mit dem Einzug in den Berliner Reichstag, macht sich der junge Mann aber nicht. "Wenn ein Kandidat der Linken in Bayern ein Direktmandat holt, dann ist die CSU schon kurz vorm Sturz", sagt er lachend, während er ganz entspannt unter einem Sonnenschirm des Café M in der Judengasse seinen Kaffee trinkt.

Ein Wahlsieg mag zwar aussichtslos erscheinen, für Ulf Wunderlich ist es jedoch in erster Linie wichtig, sich überhaupt politisch zu engagieren und seine Generation zu vertreten. "Ich muss Verantwortung übernehmen, weil ich die Konsequenzen meiner politischen Entscheidungen noch selbst erleben werde", erklärt der 23-Jährige - im Gegensatz zu den älteren Politikern wie etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel . Schon bei den letzten Kommunalwahlen im März 2020 hat Ulf Wunderlich sein Glück versucht. Er kandidierte auf der Stadtratsliste und erhielt am Ende rund 800 Stimmen. Zu wenig für einen Sitz im Stadtrat, aber "dafür, dass ich damals erst zwei Jahre in Coburg war, war ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden".

Oma war SPD-Mitglied

Politisches Engagement liegt bei Ulf Wunderlich in der Familie. "Mein Vater entspringt der 68er-Bewegung, meine Oma war SPD-Mitglied", erzählt er. Wenn man so will, sei er "links-grün" aufgewachsen. Deshalb habe sich sein Vater auch "tierisch gefreut", dass der Sohn für die Linken zur Bundestagswahl antritt.

Geboren und aufgewachsen ist Ulf Wunderlich in Hallstadt bei Bamberg. Seine Jugend sei durch seine Familie schon "medizinisch geprägt" gewesen. So engagierte er sich schon als Teenager vier Jahre lang aktiv bei der Bamberger Wasserwacht und im Katastrophenschutz . Dann erfüllte er sich seinen "Jugendtraum" und absolvierte die einjährige Ausbildung zum Rettungssanitäter in Garmisch-Partenkirchen.

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Zum Studium nach Coburg

Doch Ulf Wunderlich merkte schnell, dass das noch nicht ganz das war, was er sich erträumt hat. "Ich will langfristig mit Menschen arbeiten, und nicht immer nur eine halbe Stunde im Rettungswagen", erklärt er. An mehreren Hochschulen bewirbt er sich für den Studiengang "Soziale Arbeit". Der Numerus Clausus und seine Freundin führen Ulf Wunderlich schließlich nach Coburg - die Hochschule Coburg, weil sie die erste war, die ihm eine Zusage schickte, und seine Freundin, weil sie das Gleiche studieren wollte und ebenfalls die Zusage aus Coburg erhalten hatte.

Apropos Freundin, ein großes Ereignis steht Ulf Wunderlich noch vor der Bundestagswahl bevor: Anfang September wird er seine Freundin heiraten - standesamtlich in Coburg, kirchlich in seiner alten Heimat. "Das war aber schon lange geplant, bevor ich mich für die Kandidatur entschieden habe", verrät der 23-Jährige lachend. Als die Linke Anfang Juni ihren Kandidaten nominierte, "habe ich gleich gesagt, ich mach's", sagt Ulf Wunderlich. Diese Entscheidung habe er natürlich gemeinsam mit seiner Verlobten getroffen.

Coburg, so findet der Hallstadter, sei eine schöne Stadt, die voller Überraschungen stecke und in manchen Dingen auch "speziell" sei. Dass die Coburger die Semmeln für die Bratwurst von oben einschneiden, werde er wohl nie verstehen.

Es geht um Fairness

In der Schule gehörte Wunderlich durchaus zu denjenigen, die den Mund aufmachten. Wenn er Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte, habe er auch mal "gegen die Schulpolitik rebelliert". Dabei merkte er schnell, dass es gerade in solchen Bereichen wie Schule oder auch im Gesundheitssystem um soziale Gerechtigkeit und Fairness gehe. Für Ulf Wunderlich ist es mit seinem Demokratieverständnis zum Beispiel nicht vereinbar, dass die Krankenversicherung in privat und gesetzlich aufgeteilt sei. "Diejenigen, die Geld haben, bestimmen den Markt, das sollte in solchen Bereichen nicht der Maßstab sein", findet Wunderlich. "Da muss die Gesellschaft mehr Macht übernehmen."

Nach einem Semesterpraktikum im Amt für Jugend und Familie betreut Ulf Wunderlich nun ehrenamtlich eine Coburger Familie. An diesem Beispiel sehe er, wie weit die Spaltung der Gesellschaft schon fortgeschritten sei. "Das macht mir Angst! Irgendwann wird das die Gesellschaft sprengen."

Beruflich will Ulf Wunderlich im Bereich Soziale Arbeit bleiben, sich in Richtung Jugendhilfe orientieren. Die Finanzierung der Jugendhilfe in West-Oberfranken ist auch Thema seiner Bachelor-Arbeit, die er noch abliefern muss. Dabei ist er unter anderem zum Schluss gekommen, dass Coburg mit seinem Geld eine "sehr gute Jugendarbeit" betreibe und sein Potenzial nutze. In Puncto Umwelt- und Klimaschutz müsse aber mehr getan werden. "Man kann das nur zu einhundert Prozent machen, weniger geht nicht."

Sein Wunsch für die Bundestagswahl: "Nicht wieder eine große Koalition!"

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