Aktiver Umweltschutz
Wie sich die Natur eine Stromtrasse zurückerobert
Als Vorstandsmitglied des LBV Forchheim freut sich Raab besonders, auf dem Areal immer wieder seltene Vogelarten sehen und hören zu können.
Als Vorstandsmitglied des LBV Forchheim freut sich Raab besonders, auf dem Areal immer wieder seltene Vogelarten sehen und hören zu können.
Foto: Vera Schiller
Eggolsheim – Eigentlich sollte bei Eggolsheim einmal eine 110-Kilovolt-Trasse des Bayernwerks entstehen. Das Projekt verebbte. Warum das die Artenvielfalt rettet.

6200 Quadratkilometer im Dornröschenschlaf: Als größter Stromnetzbetreiber im Freistaat hatte und hat sich Bayernwerk den kontinuierlichen Netzausbau und eine gesicherte Energieversorgung auf dem Land zur Aufgabe gemacht. Natürlich werden für den Neubau von Trassen, Umspannwerken oder Trafostationen immer wieder geeignete Flächen benötigt.

So auch schon Anfang der 1990er-Jahre im Landkreis Forchheim. Damals plante Bayernwerk auf einem etwa 6200 Quadratkilometer großen Areal zwischen Eggolsheim und Schirnaidl eine 110-Kilovolt-Leitung sowie eine entsprechende Ausgleichsfläche. Doch der Trassenverlauf wurde, anders als ursprünglich geplant, um einige Kilometer in Richtung Norden verschoben. Statt genutzt zu werden, verfiel die Fläche, die für den Fall, dass weitere Ausgleichsflächen benötigt werden könnten, im Besitz von Bayernwerk blieb, laut Karl Eichenseer vom Immobilienmanagement des Bayernwerks „nach und nach in einen tiefen Dornröschenschlaf“.

Übergabe der Fläche an LBV

Bis vor wenigen Jahren zumindest. Denn Naturschutzbehörden stellten fest, dass sich Flora und Fauna innerhalb der letzten Jahrzehnte das Gebiet zurückerobert hatten. Nicht nur Weiden und Schlehdornbüsche, auch verschiedene, seltene Vogelarten tauchten hier nach und nach auf. So scheint beispielsweise der seltene Neuntöter auf der unbewirtschafteten Fläche einen Rückzugsraum gefunden zu haben. Für das Bayernwerk ein Grund, die schützenswerte Fläche in professionelle Hände zu geben. Bald äußerte der Landesbund für Vogelschutz Forchheim Interesse am Grundstück. Nach genauerer Überprüfung der Aktenlage durch Eichenseer und einem finanziellen Entgegenkommen seitens Bayernwerk konnte die Flächenübertragung schon im vergangenen Jahr notariell beurkundet werden.

Bernd Göttlicher, Kerstin Herdegen-Frank, Gerhardt Raab und Karl Eichenseer bei der bei der offiziellen Übergabe der Abschrift des Notarvertrags
Bernd Göttlicher, Kerstin Herdegen-Frank, Gerhardt Raab und Karl Eichenseer bei der bei der offiziellen Übergabe der Abschrift des Notarvertrags
Foto: Vera Schiller

Vergangenen Donnerstag fand die offizielle Übergabe der Bayernwerk-Fläche an den Landesbund für Vogelschutz Forchheim statt. Vor Ort wurde Gerhard Raab und Kerstin Herdegen-Frank, zwei der sieben Vorsitzenden des LBV Forchheim, die Abschrift des Notarvertrags übergeben.

Fläche als „Mosaikstein“

Für Raab, der eigentlich in seiner Funktion als Kassenwart beim LBV Forchheim tätig ist, ist die Übernahme der Fläche besonders wichtig. Denn Artenschutz ist ihm seit jeher eine besondere Herzensangelegenheit. Umso mehr freut es ihn daher, auf dem Areal nun verschiedene seltene Arten wie die Dorngrasmücke oder den Neuntöter hören und sehen zu können. Zwar ist sich Raab bewusst, dass die Übergabe der mit Gehölz und Sträuchern überwucherten Fläche von 6200 Quadratmetern an den LBV Forchheim noch nicht die Welt verändert werden könne.

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Dennoch handle es sich dabei, zumindest lokal, um eine Art „Mosaikstein“ hin zu einem besseren, größeren Ganzen. Gerade in Zeiten der zunehmenden Verdichtung von Ballungsräumen sei es besonders wichtig, dass sich seltene Vogelarten in unbewirtschaftete Gebiete zurückziehen können. Deshalb bedankte sich der Vorsitzende des LBV Forchheim bei Bayernwerk, Landrat Hermann Ulm und Eggolsheims Bürgermeister Claus Schwarzmann für die kompromissbereite und offene Zusammenarbeit.

Gezielte Maßnahmen erwünscht

In Zukunft sei es besonders relevant, sich mit entsprechendem Fachwissen um die verschiedenen Arten und deren Verhalten zu kümmern. Das Grundstück mit seinen Gehölzbeständen, den bestehenden Feuchtbiotopen sowie den außerhalb gelegenen Wiesen und dem Retschgraben werde dafür erhalten werden. Mit gezielten Maßnahmen der Kreisgruppe des Vogelschutzbundes soll die Fläche noch weiter aufgewertet werden. So ist unter anderem eine mit Wasser zu speisende Mulde geplant, die das Areal für weitere Arten wie den Wasserläufer, die Bekassine oder den Kiebitz attraktiv machen soll.

Einer solchen Flächenaufwertung steht auch der Eggolsheimer Bürgermeister Schwarzmann positiv gegenüber. Durch seine Tätigkeit als Vorsitzender im Landschaftspflegeverband sieht er das Areal als „echtes Highlight“ und möchte dem LBV auch künftig unterstützend zur Seite stehen. Auch Landrat Ulm bedankte sich, einerseits bei Bayernwerk für die „noble Geste an den Naturschutz“, andererseits bei Raab, für „seine fachlich kompetente, bodenständige Naturschutzarbeit, bei der etwas rauskommt“.

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