Strafprozess
Stieftochter missbraucht – Grund ist frappierend
Ein 47-Jähriger aus dem Maintal hat sich  an seiner Stieftochter vergriffen.
Ein 47-Jähriger aus dem Maintal hat sich an seiner Stieftochter vergriffen.
Foto: Artsiom Kuchynski/adobestock.com
F-Signet von Martin Schweiger Fränkischer Tag
LKR Haßberge – Das Landgericht Bamberg schickt den Täter aus dem Landkreis Haßberge in eine Fachklinik und nicht ins Gefängnis.

Bei einem nächtlichen Besuch im Kinderzimmer hat ein Drogenabhängiger seine Stieftocher durch Berührungen und Küsse sexuell missbraucht.

Es ist kurz nach zwei Uhr nachts, als Lara (Name geändert) aus dem Schlaf gerissen wird. Jemand ist ins Zimmer des 13-jährigen Mädchens gekommen. Der Mann, der zu diesem Zeitpunkt seine Kleidung noch anhat, hat sie an mehreren Körperstellen berührt. Es ist Laras Stiefvater, der sie küsst und versucht, ihr die Unterhose herunterzuziehen. Als Lara ihren Stiefvater fragt, was das denn solle, antwortet der: „Ich will nur spielen.“ Dann zieht er sich nackt aus und legt sich erneut neben das Mädchen. Auch jetzt kommt es zu Körperkontakt, aber nicht zu gewaltsamen Aktionen oder eindeutigen sexuellen Handlungen. Als der Mann kurz danach aus dem Kinderzimmer geht, kann Lara die Türe verschließen. Sie zieht sich schnell etwas über und greift zu einer Plastikaxt, die sie für Halloween auf dem Schrank deponiert hat. Sie springt aus dem Fenster und läuft zu einer Freundin, der sie den Vorfall schildert, woraufhin die Polizei zu Hilfe gerufen wird.

Gericht: In dem durch Drogen hervorgerufenen Verfolgungswahn im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt

Das Landgericht hat den 47-jährigen Arbeiter aus dem Maintal bei der Verhandlung am Donnerstag in eine Fachklinik geschickt, wo er sich einer Entziehungskur unterziehen soll. Es ging ihm aber nach Überzeugung des Gerichts wohl nicht um die eigene Erregung. Vielmehr hat er in dem durch Drogen hervorgerufenen Verfolgungswahn im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt. Die Große Jugendkammer am Landgericht sah daher davon ab, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Nach dieser Tat im Drogenrausch kam eine Polizeistreife zum Tatort. Die Kleider des Mannes lagen noch immer im Kinderzimmer. Er selbst schlief seelenruhig auf einem Sofa im Wohnzimmer und wurde nackt in Gewahrsam genommen. Eine Blutprobe belegte, dass er Methamphetamin und Marihuana konsumiert hatte. Zu den Vorwürfen äußerte er sich weder vor der Polizei noch vor dem Ermittlungsrichter. Auch in Untersuchungshaft in der JVA Bamberg hüllte er sich in Schweigen. Erst dem psychiatrischen Gutachter Prof. Hans-Peter Volz (Schloss Werneck) erzählte er Monate nach der Tat seine Geschichte.

„Sie wollte mich verführen“

Sie klingt unglaublich. Es sei ihm nicht um sexuelle Dinge gegangen. Sondern darum „die anderen“ aus der Reserve zu locken. Seine Stieftochter sei Teil einer Verschwörung, um ihn ins Gefängnis zu bringen. Schließlich habe er so viele wertvolle Informationen. Sie habe ihn verführen sollen und sei deshalb tags zuvor auch halbnackt an ihm vorbeigelaufen. Seit zwei Jahrzehnten nimmt der Mann immer wieder Crystal Meth. Auch kurz vor seinem nächtlichen Übergriff hat er die Droge geraucht. Das Rauschgift erzeugt bei ihm offenbar einen psychotischen Zustand.

Verfolgungswahn und Wesensveränderung

Die Folgen: Verfolgungs- und Größenwahn. Dann denkt er, der russische Geheimdienst sei hinter ihm her. Er glaubt, in seiner Wohnung und im Keller Abhörwanzen gefunden zu haben. „Ich wurde auch heimlich fotografiert“, sagte er dem Psychiater. Man habe ihm einen Mikrochip implantiert, um ihn unter Kontrolle zu haben. Er meint sogar, man wolle ihn aus dem Weg räumen. Die Wesensveränderung setzte einige Wochen vor dem Übergriff im Kinderzimmer ein.

Vor 14 Jahren hatte der Mann schon einmal eine solch psychotische Episode erlebt. Damals glaubte er, seine Freundin sei von russischen Agenten mit Ammoniak vergiftet worden. Eine Stimme habe ihm auch befohlen, seine leibliche Tochter zu schlagen.

Zusammenhang zwischen Crystal Meth, den psychotischen Zuständen und den Straftaten

Am Ende verurteilte die Jugendschutzkammer den Mann wegen des sexuellen Missbrauchs eines Kindes, eines sexuellen Übergriffs und des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen zu einer Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Allerdings auf Bewährung. Der Vorsitzende Richter Markus Reznik sah einen Zusammenhang zwischen Crystal Meth, den psychotischen Zuständen und den Straftaten, aber keinen sexuellen Hintergrund. Schließlich hatte die Kriminalpolizei Schweinfurt nach intensiven Ermittlungen keinerlei Hinweise auf pädophile Neigungen, kinderpornografisches Material oder frühere Sexualstraftaten ausfindig machen können. Zudem ist der Mann nicht vorbestraft, seine Ehefrau und Mutter der Stieftochter hält zu ihm und seine Arbeitsstelle wird er nach der Therapie wohl auch wieder antreten können.

Nun muss der Mann sich in den nächsten Monaten in eine Fachklinik begeben, um dort vom Rauschgift loszukommen, das immer wieder die psychotischen Schübe hervorgerufen hat. Das dürfte etwa ein Jahr dauern. Danach wird er sich in ambulante Behandlung begeben, um die Wahrscheinlichkeit von Rückfällen zu verringern. Bis dahin und in den nächsten fünf Jahren muss er die Finger von Drogen, nicht verschriebenen Medikamenten und Alkohol lassen.

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