Amtsgericht
Beschimpfung und Kraftausdrücke
Der angeklagte Obdachlose hatte bei dem Streit mit den Polizisten auch den Stinkefinger gezeigt.
Der angeklagte Obdachlose hatte bei dem Streit mit den Polizisten auch den Stinkefinger gezeigt.
Foto: Kara/Adobe Stock (Symbolfoto)
Haßfurt – Obwohl er Polizisten wüst beleidigt hat, muss ein Obdachloser aus dem Landkreis Haßberge nicht ins Gefängnis. Wie der Richter das begründet.

Ein Obdachloser hatte gleich vier Polizisten mit den Ausdrücken „Arschlöcher“ und „Wichser“ beschimpft und dazu den Mittelfinger hochgereckt. Die auch als Stinkefinger bekannte Geste bedeutet so viel wie „Du bist ein Vollidiot!“. Derartige verächtliche und ehrverletzende Beleidigungen sind strafbar und brachten den Mann fast in den Knast. Der mehrfach Vorbestrafte hatte großes Glück, denn der Amtsgerichtsdirektor Christoph Gillot verurteilte ihn nur zu einer dreimonatigen Bewährungsstrafe – obwohl der Angeklagte die Tat unter laufender Bewährung begangen hatte.

Einen Mordslärm mit den Saufkumpanen veranstaltet

Was war passiert? Am 30. Juni dieses Jahres gab es gegen 1 Uhr in der Nacht einen Mordslärm auf dem Marktplatz in Zeil. Lautstark grölte damals der Angeklagte zusammen mit einigen anderen Saufkumpanen mitten in der Kleinstadt. Zwei Streifenwagen der Polizei erschienen. Als die insgesamt vier Beamten den Lärmenden einen Platzverweis erteilten, wurde der Obdachlose renitent und beschimpfte die Polizisten. Seine Schimpftirade hielt auch dann noch an, als man ihn in Haßfurt in die Ausnüchterungszelle steckte.

Der momentan im Maintal lebende Angeklagte bestritt die Vorwürfe nicht, sondern legte ein volles Geständnis ab. Zum Hintergrund des Vorfalls erklärte er, dass alle zusammen den Geburtstag eines Kumpels gefeiert hätten. Offenbar floss der Alkohol in Strömen – an Sekt, Bier und Schnaps konnte sich der Beschuldigte erinnern. Sein Rechtsanwalt Alexander Wessel sprach in diesem Zusammenhang von einer „alkoholbedingten Enthemmung“.

Dann kam der Absturz

Ausführlich beleuchtete der Vorsitzende den bisherigen Lebenslauf des Angeschuldigten. Der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende Mann schaffte zum Abschluss seiner Schulzeit die mittlere Reife. Anschließend absolvierte er erfolgreich eine Ausbildung als Verfahrensmechaniker. Danach ging er nach Schweinfurt, wo er etwa acht Jahre lang in der Großindustrie arbeitete, zuletzt sogar als Schichtleiter. Er wollte beruflich weiter vorankommen, doch 2013 kam es dann zu einem tiefen Einschnitt in seinem Leben. Er hatte einen Burn-out und verfiel in tiefe Depressionen. Seitdem ging es mit ihm ständig bergab. Das belegen auch seine acht Vorstrafen im Bundeszentralregister. Die erste Verurteilung wegen Diebstahls erfolgte Ende 2013, die letzte am 29. Juli dieses Jahres wegen gefährlicher Körperverletzung. Da wurde er zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Da die massive Beleidigung der Beamten unter laufender Bewährung erfolgte, forderte der Staatsanwalt eine viermonatige Freiheitsstrafe. Er nannte den Angeklagten einen „Bewährungsversager“ und da es keine festen Strukturen bezüglich Wohnung, Familienverhältnissen und Arbeit bei ihm gebe, konstatierte er eine negative Sozialprognose. Der Verteidiger hingegen wies darauf hin, dass sein Mandant zum ersten Mal wegen Beleidigung angeklagt sei und man von daher nicht von einem „Wiederholungstäter“ sprechen könne.

Nach längerer Abwägung entschied sich Richter Gillot doch noch für eine Bewährungsstrafe.

Schädlich für den Mann sei vor allem sein großer Alkoholkonsum und sein Umgang mit anderen gescheiterten Existenzen. Trotzdem sah er kleine „Zeichen der Hoffnung.“ Deshalb verhängte Gillot eine ganze Reihe von Bewährungsauflagen. Dazu zählt neben einem Bewährungshelfer die Weisung, regelmäßig Kontakt zur Suchtberatung zu halten.

Nur noch ein Bier am Tag

Hinsichtlich des Alkohols verbot er dem Verurteilten, zukünftig mehr als ein Bier täglich zu trinken. Diese Anordnung kann jederzeit unangekündigt von der Polizei überprüft werden. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Sie wieder straffällig werden – aber Sie können mir das Gegenteil beweisen!“, sagte der Vorsitzende abschließend. Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig.