Rettungskräfte
Die medizinische Task Force übte in Haßfurt
Mitglieder einer CBRN(E)-Einheit in Gebläseschutzanzügen dekontaminieren einen Verletzten, der zuvor bei einem Unfall in einem Unternehmen mit einer Chemikalie in Kontakt gekommen ist.
Mitglieder einer CBRN(E)-Einheit in Gebläseschutzanzügen dekontaminieren einen Verletzten, der zuvor bei einem Unfall in einem Unternehmen mit einer Chemikalie in Kontakt gekommen ist.
Foto: Jonas Pröschel/BRK
Haßfurt – Es ist ein anstrengendes Arbeiten in Schutzanzügen: Die CBRN(E)-Einheiten des BRK sind nicht nur bei Chemie-Unfällen im Einsatz.

Sie gehen dorthin, wo alle anderen weglaufen, und sind sozusagen die Task Force des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), wenn es um die Versorgung von Verletzen geht, die mit chemischen, biologischen, radioaktiven, nuklearen oder explosiven Stoffen in Kontakt gekommen sind: die Schnelleinsatzgruppen CBRN(E). Um auf diese spezielle und gefährliche Aufgabe vorbereitet zu sein, ist eine fundierte Ausbildung unerlässlich. Deshalb hat vor wenigen Tagen beim BRK-Kreisverband Haßberge ein Fachlehrgang für CBRN(E)-Schnelleinsatzgruppen aus ganz Bayern stattgefunden.

An vier Tagen und in 32 Unterrichtseinheiten sind die Teilnehmer auf mögliche Einsatzszenarien vorbereitet worden, lernten Grundlagen, Gefahrenlagen und den Umgang mit Desinfektion und Dekontamination kennen. Auch die Praxis und Übungen kamen dabei nicht zu kurz. So mussten die Teilnehmer beispielsweise die Versorgung und Dekontamination von Verletzten in Gebläseschutzanzügen und Chemieschutzanzügen vom Typ 3b üben. Das sind Anzüge, in denen die Einsatzkräfte von der Umgebungsluft geschützt sind und so nicht selbst mit gefährlichen Stoffen in Berührung kommen können.

Schutzausrüstung ist sehr wichtig

Überhaupt nimmt der Umgang mit der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) einen wichtigen Stellenwert in der Ausbildung der ehrenamtlichen Helfer für ihren Dienst bei den Schnelleinsatzgruppen ein. Denn wird hier ein Fehler gemacht und es kommt zu undichten Stellen, wird der Helfer womöglich selbst ganz schnell zum Patienten. Das gilt es unter allen Umständen zu verhindern.

Die fünf Ausbilder Wolfgang Zweve­rink, Barbara Geisel, Philipp Heller (alle BRK-Kreisverband Haßberge), Anna Bludau (KV Straubing-Bogen) und Christoph Biersbach aus Bayreuth vermittelten den 17 Teilnehmern alle notwendigen Grundlagen. Unterrichtsinhalte waren beispielsweise die korrekte Desinfektion bei biologischen Lagen sowie die Dekontamination bei chemischen Lagen. Des Weiteren stand als Themenschwerpunkt die Informationsgewinnung bei Einsatzlagen in Verbindung mit Fallbeispielen auf dem Programm.

Unter Beachtung aller geltenden Corona-Regeln bildeten sich die Frauen und Männer vier Tage lang auf dem Areal des BRK-Kreisverbandes in Haßfurt weiter. Als Voraussetzung für die Teilnahme am Fachlehrgang gilt die Teilnahme am Grundlehrgang CBRN(E), der ein Wochenende lang dauert. Die ehrenamtlichen BRK-Helfer kamen aus den BRK-Kreisverbänden Weilheim-Schongau, Straubing-Bogen, Main-Spessart, Fürth, Ostallgäu und Haßberge.

„Medizinische Komponente an der Front“

Doch was sind die konkreten Aufgaben der CBRN(E)-Schnelleinsatzgruppen? Sie kommen in Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Technischem Hilfswerk immer dann zum Einsatz, wenn Verletzte mit gefährlichen Stoffen in Berührung gekommen sind und vor einer Behandlung durch den Rettungsdienst dekontaminiert werden müssen. Der Fachdienst CBRN(E) ist an Einsatzstellen mit gefährlichen Stoffen und Gütern sozusagen das Bindeglied zwischen Feuerwehr und dem Rettungsdienst oder – wie es Ausbilderin Anna Bludau formuliert: „Wir sind die medizinische Komponente an der Front.“

Während die Feuerwehr beispielsweise nach einem Chemie-Unfall in einem Industriebetrieb Verletzte aus dem Gefahrenbereich rettet und nach draußen bringt, übernehmen anschließend die Schnelleinsatzgruppen CBRN(E) eine erste Versorgung der Patienten mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen, führen mit Spezialausrüstung eine Dekontamination durch und übergeben Betroffene dann zur weiteren Versorgung und Behandlung an den Rettungsdienst. Durch den Einsatz der Spezialkräfte wird sichergestellt, dass im Rahmen der weiteren medizinischen Versorgung der Verletzten keine gefährlichen Stoffe auf die Rettungskräfte übertragen werden.

„Eigenschutz hat bei all diesen Maßnahmen oberste Priorität“, erklärt Christoph Biersbach, Landesfachdienstleiter Betreuungsdienst und einer der Ausbilder. Das wird auch immer wieder bei den Fallbeispielen deutlich, für die die Teilnehmer Strategien zur Versorgung von Patienten entwickeln und anschließend in der Gruppe diskutieren. So gilt es beispielsweise zu besprechen, welche Maßnahmen bei Freisetzung einer Chemikalie in einem Unternehmen und der anschließenden Dekontamination von Patienten zu beachten sind. In einem anderen Fall muss einem eigenen Kollegen zu Hilfe geeilt werden, der eine Trinkwasseraufbereitungsanlage desinfiziert, als es zur Freisetzung des Desinfektionsmittels kommt.

Rund 300 ehrenamtliche Helfer

Insgesamt gibt es in Bayern elf solcher Schnelleinsatzgruppen beim BRK, und zwar in den Kreisverbänden Weilheim-Schongau, Straubing-Bogen, Fürth, Ostallgäu, Main-Spessart (Lohr), Tirschenreuth, Cham, Landshut, Freyung-Grafenau, Garmisch-Partenkirchen und Haßberge. Rund 300 ehrenamtliche Helfer engagieren sich in diesen Einheiten.

Beim BRK-Kreisverband Haßberge gibt es die Schnelleinsatzgruppe CBRN(E) bereits seit dem 1. Januar 2004, sagt Wolfgang Zweverink, Katastrophenschutzbeauftragter des BRK in den Haßbergen und stellvertretender Fachdienstleiter CBRN(E) auf Landesebene. Hier sind rund 20 Helfer tätig. Über diese schlagkräftige Truppe mit dem besonderen Fachwissen freut sich auch BRK-Kreisgeschäftsführer Dieter Greger: „Ich bin stolz auf dieses Engagement!“

Zur Fußball-WM 2006 gegründet

Der Fachdienst auf Landesebene wurde 2006 anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft gegründet. Damals sorgten sich die Bundesregierung und das Land um mögliche Terroranschläge mit gefährlichen Substanzen im Zusammenhang mit der WM. Das BRK als verlässlicher Partner des Katastrophenschutzes stellte somit die CBRN(E)-Einheiten in Dienst und schloss nach Worten von Wolfgang Zweverink dadurch die medizinische Lücke zwischen bereits bestehenden Dekontaminationseinheiten der Feuerwehren und dem sanitätsdienstlichen Personal.

Die BRK-Einheiten sind so ausgestattet, dass sie an bestehende Dekon-Einheiten anderer Organisationen andocken können und so wertvolle Synergien in der Zusammenarbeit entstehen. An den elf Standorten stehen speziell ausgerüstete Gerätewagen für den Einsatz bereit.

Die CBRN(E)-Einheiten beim BRK nehmen eine Sonderstellung ein: Sie gibt es nur in Bayern, sonst in keinem weiteren Bundesland. Vorrangig kommen die Einheiten beim Umgang mit Patienten zum Einsatz, die der Infektionsschutzkategorie 4 zugeordnet werden müssen. Laut der Biostoffverordnung fallen darunter Biostoffe, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen. Die Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung ist unter Umständen groß; normalerweise ist bei diesen Stoffen eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung nicht möglich. Unter der Kategorie 4 finden sich biologische Arbeitsstoffe, die als Krankheitserreger gelten und bei denen die verursachte Infektionskrankheit bis hin zu tödlichen Folgen reicht. In der Risikogruppe 4 sind ausschließlich Viren aufgeführt. Beispiele sind Erreger von hämorrhagischem Fieber wie Ebola und Lassa, das Marburg-Virus sowie Pocken-Erreger und Milzbrand.

Anna Bludau berichtet von einem Einsatz, zu dem ihre Einheit in Straubing im letzten Jahr alarmiert wurde: In einem privaten Briefkasten war ein weißes Pulver gefunden worden. Zunächst gingen die Behörden von einem potenziell gefährlichen Stoff aus; der Anfangsverdacht bestätigte sich zum Glück nicht. Letztlich stellte sich die Substanz als ungefährliches Mittel zur Pflanzenbehandlung heraus.

In der Covid-Pandemie haben die CBRN(E)-Einheiten im letzten Jahr zudem an Teststationen an der Landesgrenze geholfen. Dort mussten Reiserückkehrer auf eine mögliche Infektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger getestet werden.

Am Fachlehrgang in Haßfurt nahmen auch die ehrenamtlichen BRK-Helfer Lukas Krapf und Moritz Miederhoff vom Kreisverband Haßberge teil.red