Gewalt
„Ich habe nicht gelebt, sondern nur überlebt“
Schon ein Jahr nach der Hochzeit 1975 wurde die heute 70-jährige Ehefrau zum ersten Mal von ihrem Mann verprügelt.
Schon ein Jahr nach der Hochzeit 1975 wurde die heute 70-jährige Ehefrau zum ersten Mal von ihrem Mann verprügelt.
Foto: pixabay/Counselling
Krum – Eine 70-Jährige schildert ihr Ehe-Martyrium vor dem Amtsgericht Haßfurt.

Weil er seine Ehefrau nach Überzeugung des Amtsgerichts am 27. März dieses Jahres geschlagen und beleidigt hat, hat Richter Christoph Gillot einen 70-jährigen Rentner aus dem Maintal am Mittwoch zu einer Geldstrafe in Höhe von 80 Tagessätzen zu 20 Euro, also 1600 Euro, verurteilt. Glaubt man der Zeugenaussage der Ehefrau des Angeklagten, dann handelte es sich bei der angeklagten Tat nur um die Spitze des Eisbergs.

„Ich habe in den letzten 20 Jahren nicht gelebt, sondern nur überlebt“, schilderte sie dem Gericht ihr Ehe-Martyrium unter Tränen. Am Tattag, dem 27. März, sei ihr Noch-Ehemann wieder einmal wegen einer Kleinigkeit – es ging um Blumenerde – ausgerastet. Er habe sie am Arm festgehalten und mit der anderen Hand auf sie eingeschlagen. Dabei habe er sie mindestens zweimal mit der Hand ins Gesicht geschlagen und sie übelst beleidigt. Zudem habe er ihr mit den Worten gedroht: „Du Hure, ich schmeiß dich die Treppe runter!“ Sie sei fassungslos gewesen, dass „es wieder passiert ist“.

Im Jahr 1975 habe man geheiratet. Nach einem Jahr Ehe habe er sie zum ersten Mal verprügelt.

„Er hat mich jahrzehntelang vergewaltigt, auch vor Kindern und Enkeln“, gab sie zu Protokoll.

Im Jahr 2007 habe sie 14 Vergewaltigungen in ihrem Kalender notiert. Sie habe sich im Haus in ihrem eigenen Zimmer eingeschlossen. Das Bad habe sie nur benutzt, wenn er nicht da war. Er sei schon öfters ausgezogen, um bei anderen Frauen zu wohnen. Die Schuld dafür habe er ihr gegeben.

Auch die Kinder hätten unter ihm gelitten. „Jeder hatte Angst vor ihm“, sagte sie im Zeugenstand. „Warum sind Sie dann bei ihm geblieben?“, fragte der Vorsitzende. Sie habe an Ausrutscher geglaubt. Zudem sei sie von ihm mit dem Tod bedroht worden, falls sie zur Polizei gehe oder sich scheiden lasse. Nach dem letzten Vorfall habe sie sich zur Anzeige durchgerungen und auch die Scheidung eingereicht.

Angeklagter dreht den Spieß um

Der Angeklagte gab vor Gericht das Unschuldslamm und drehte sogar den Spieß um. „Sie ging auf mich los wie eine Furie und gab mit eine Schelle“, behauptete er. Zwei Tage nach dem Vorfall habe ihm sein Sohn auf den Kopf geschlagen. Er habe zwei Liter Blut verloren und sei im Krankenhaus fast gestorben. Während er im Krankenhaus gelegen habe, habe seine Familie seine Habseligkeiten aus dem Haus geräumt, mitsamt dem Kater. Er lebe nun bei einem Nachbarn. Gewalttätig gegen seine Noch-Ehefrau sei er nie geworden. Dieser Aussage widersprach der älteste Sohn des Ehepaars. Das Gesicht seiner Mutter sei am nächsten Tag blau gewesen, gab er zu Protokoll.

Die ganze Familie hat unter ihm gelitten

Auch der jüngere Sohn sagte gegen seine Vater aus. Er rede seit sieben Jahren „kein Wort“ mehr mit ihm. Der Angeklagte sei leicht aufbrausend. Früher habe er in seiner Wut Einrichtungsgegenstände zerstört. Auch seine eigene Tochter habe er missbraucht.

Die Staatsanwältin glaubte den Aussagen der Ehefrau, zumal deren Verletzungen im Gesicht auch mittels Fotos dokumentiert wurden. Sie forderte eine Geldstrafe in Höhe von 1200 Euro für den nicht vorbestraften Angeklagten. „Ich bin kein böser Mensch. Ich bin seelisch kaputt und kann nicht mehr schlafen“, lautete dessen Plädoyer. Der Vorsitzende ging im verhängten Strafmaß über den Antrag der Staatsanwältin hinaus. Der Angeklagte zerfließe in Selbstmitleid und habe einen „hohen Ich-Faktor“, urteilte der Richter. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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