Diebstahlsprozess
Verurteilter verletzt sich selbst im Gerichtssaal
Das Amtsgericht in Haßfurt: Hier spielten sich die dramatischen Szenen mit dem 24-jährigen Marokkaner ab.
Das Amtsgericht in Haßfurt: Hier spielten sich die dramatischen Szenen mit dem 24-jährigen Marokkaner ab.
Foto: René Ruprecht/Archiv
Haßfurt – Das Amtsgericht in Haßfurt verhängte eine Freiheitsstrafe gegen einen 24-jährigen Marokkaner. Der reagiert extrem.

Dramatische Szenen im Haßfurter Amtsgericht: Kurz nach der Urteilsverkündung springt der Verurteilte, ein 24-jähriger Marokkaner, unvermittelt auf, schlägt seinen Kopf gegen die Wand und bleibt bewusstlos auf dem Boden liegen. Gegenstand der vorausgegangenen dreistündigen Verhandlung war ein Diebstahl in einem Haßfurter Sonderpostenmarkt. Amtsgerichtsdirektor Christoph Gillot verurteilte den einschlägig vorbestraften und unter laufender Bewährung stehenden Angeklagten zu einer einjährigen Freiheitsstrafe.

Bei dem Prozess ging es darum, was sich am 14. April dieses Jahres in dem Markt abspielte. Damals wollte eine zufällig vorbeifahrende Autofahrerin zwei Personen am Zaun des Geschäftes gesehen haben. Eine von ihnen, sagte die Zeugin vor Gericht, habe mehrere Sporttaschen über den Zaun geworfen, und ein zweiter Mann habe die Taschen genommen und sei damit weggerannt. Als sie angehalten und den weglaufenden Dieb – es war der Marokkaner – angesprochen habe, habe der ihr zuerst Schläge angedroht. Dann aber habe er die Taschen fallen gelassen und sei zu Fuß geflüchtet.

Seinen Komplizen will sie wenige Minuten später in dem Laden im Beisein der Polizei an dessen auffälliger Jacke erkannt haben. Im Laufe der Verhandlung stellte sich jedoch heraus, dass dieser Mann nur zufällig zu der fraglichen Zeit in dem Laden einkaufen war, mit dem Diebstahl aber nichts zu tun hatte. Der von einem DNA-Gutachten überführte Marokkaner selbst erklärte, dass er alleine den Diebstahl begangen habe und dass er den anderen überhaupt nicht kenne. Deshalb gab es für den anderen Beschuldigten einen Freispruch.

Ausführlich beleuchtete der Vorsitzende die Lebensumstände des Nordafrikaners. Dieser kam erstmals 2013 über Spanien nach Deutschland. Drei Jahre später kehrte er für kurze Zeit in seine Heimat zurück, aber schon ein Jahr danach verweilte er in mehreren Staaten Europas. Nach Stationen in Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich, Dänemark und den Niederlanden strandete er wieder in Deutschland. Sein Asylantrag wurde Ende 2019 endgültig abgelehnt. Eine Abschiebung in seine Heimat ist jedoch nicht möglich, weil Marokko die eigenen Landsleute nicht zurücknimmt.

Der Diebstahl selbst erzeugt mehr oder weniger Kopfschütteln. In den drei Sporttaschen und in einem Rucksack befanden sich 62 Artikel. Unter anderem fand man mehrere Shirts, Röcke und Hemden, acht paar Socken, vier Boxershorts, zwei elektrische Zahnbürsten, etliche Zahnpastatuben und einen Rasierapparat. Ob der Dieb diese Dinge im Wert von etwa 300 Euro verkaufen oder verschenken wollte, konnte nicht aufgeklärt werden.

Dass der Afrikaner juristisch gesehen kein unbeschriebenes Blatt ist, wurde überdeutlich, als Richter Gillot die Vorstrafen verlas. Fünfmal wurde er von deutschen Gerichten rechtskräftig verurteilt, davon drei Mal wegen Diebstahls. Das letzte Urteil erließ das Amtsgericht in Forchheim im Mai dieses Jahres. Wegen Diebstahls, sexueller Belästigung sowie Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte erhielt er eine sechsmonatige Freiheitsstrafe, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Dass er die neuerliche Straftat unter laufender Bewährung verübt hatte, kreidete ihm insbesondere der Staatsanwalt an. Sein Rechtsanwalt Hans Andree hingegen wies auf die äußerst schwierigen Lebensumstände seines Mandanten hin: Er darf nicht arbeiten und erhält lediglich Sachleistungen wie Essen und Kleidung. Insofern hänge er seit fünf Jahren nur herum, ohne jede Perspektive. „Bei dieser Situation kann nichts Gutes herauskommen“, betonte der Verteidiger.

Kurz nach der Urteilsverkündung kam es dann zu dem dramatischen Zwischenfall, bei dem sich der Verurteilte selbst verletzte. Dabei schlug er seinen Kopf mit solcher Wucht gegen die Wand, dass an dieser Stelle eine sichtbare Delle zurückblieb. Niemand weiß, ob dies eine Tat der Verzweiflung oder der ohnmächtigen Wut war. Jedenfalls kamen Minuten später die sofort alarmierten Sanitäter und kümmerten sich um den Mann. Ob er in eine Klinik eingeliefert werden musste, ist nicht bekannt.