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Die guten alten Seiten und Zeiten
Mit Vergnügen blättert Gregor Pecht in der Zeitung von 1948. Selbst der Tintenfleck hat seine Geschichte.
Mit Vergnügen blättert Gregor Pecht in der Zeitung von 1948. Selbst der Tintenfleck hat seine Geschichte.
Foto: Eckehard Kiesewetter
Bramberg – Der Bramberger Gregor Pecht ist in einer FT-Ausgabe von 1948 auf verblüffende „Neuigkeiten“ gestoßen.

„Ich habe die älteste Zeitung weit und breit.“ Feierlich breitet Gregor Pecht das historische Blatt vor dem Reporter aus: ein Exemplar des Fränkischen Tags“, der „unabhängigen Zeitung für das Regnitz-Main-Gebiet“. Es handelt sich um die „Ausgabe Staffelstein-Ebern“ vom 3. Juli 1948. Eine eigene E-Ausgabe für den Landkreis Haßberge gab es damals noch nicht. Bis Ende August 1948 erschien der Fränkische Tag zweimal in der Woche, samstags mit sechs bis acht und mittwochs mit durchschnittlich vier Seiten.

Pecht spricht auf das Jubiläum dieser Zeitung an: „75 Jahre sind’s bei meiner Ausgabe nicht ganz“, sagt der Rentner, „aber fast!“ Damals erschien der FT, nach der Lizenzfreigabe Anfang 1946, im dritten Jahrgang. 20 Pfennig musste der Leser für die Einzelausgabe berappen. Nachrichten aus Deutschland, Europa und der Welt standen vornan, dazu gab es Meldungen aus Sport und Wirtschaft. Die lokalen Begebenheiten fand der Leser auf den letzten beiden Seiten. Seine Geschäftsstelle für den raum Haßberge hatte der FT damals am Marktplatz 51 in Ebern, und die Telefonnummer war noch zweistellig.

Aus Sicht heutiger Layouter gleichen die Seiten, zu jener Zeit noch per Hand mit bleiernen Lettern gesetzt, „Textwüsten“. Sie sind kaum bebildert und eher anstrengend zu lesen. Zeitungsleser von heute sind auf eine Bilderflut, Farbe und Texte mit luftiger Optik geeicht.

Acht Seiten waren es an jenem Juli-Tag 1948, acht Seiten vergilbtes, grobes Papier, die offenkundig intensiv gelesen und dann als Unterlage für Büroarbeiten genutzt wurden. Leser war damals Christian Becht, nach dem Krieg das erste von den Bürgern gewählte Gemeindeoberhaupt von Bramberg. In seiner Privatwohnung erfüllte er amtliche Aufgaben. Kleine mit Bleistift gekritzelte Rechnungsnotizen am Rande und Stempelabdrucke zeugen davon: „A.A. Bbg. K-St.7“ und „Antrag wird befürwortet“. Diese Stempel und dazu zwei blaue Tintenflecken, die alle Seiten durchtränkten, sind die einzigen „Farbtupfer“.

73 Jahre alte Zeitung im Holzschrank gefunden

Becht stapelte die alten Zeitungen laut Erinnerung seines Neffen sorgsam in der Küche auf. Information war ein kostbares Gut, genauso aber das Papier. Und wenn es am Ende nur zum Verpacken oder auf dem Plumpsklo Verwendung fand.

Das Exemplar vom Juli 1948 überlebte in einem Holzschrank. Gregor Pecht fand es inmitten alter Kirchenbücher, dem Gemeindebuch und einem Register, in das sich die Bürger mit Namen und Fingerabdruck eintragen mussten. Pecht selbst war noch nicht dabei. „Ich bin erst Jahrgang 1950“.

Aber der „Junior“ hat sich in die 73 Jahre alten Neuigkeiten vertieft und ist auf Interessantes gestoßen. Nicht so sehr die Top-Nachricht von Seite eins über die erste trinationale Zusammenkunft der Ministerpräsidenten und Militärgouverneure hat es ihm angetan, in der es um die künftige Verfassung, die Grenzen in den Besatzungszonen und Inhalte des Besatzungsstatuts ging. Hohe Politik, die Deutschlands Geschicke nach dem Krieg lange prägen sollte. Pecht überblätterte auch die mit „Stimme der Frau“ betitelte Seite 3 (Schlagzeile „Weltfrieden – eine Aufgabe der Frau“).

Schmunzeln ließ ihn die Sportnachricht, dass der FC Nürnberg das Fürther Kleeblatt mit 5:3 besiegte und eine lokale Anzeige von der Neueröffnung des Verkaufs im Textilhaus „Stastny und Murr in Ebern“. „Das waren noch Zeiten!“. Im Bamberger Lichtspielhaus lief „Zwischen gestern und morgen“, ein „Film der neuen deutschen Produktion“ mit Stars wie Hildegard Knef, Viktor de Kowa und Winnie Markus, der die NS-Propaganda-Vergangenheit der Lichtspielhäuser vergessen machen wollte.

Das Maintal und der Raum Haßfurt wurden damals noch der Rubrik „Bamberger Umland“ zugeordnet. Der FC Zeil feierte 40-jähriges Bestehen. Laut einer Ankündigung war es gelungen, für ein Jubiläumsspiel die „Altligaelf und deutsche Meistermannschaft 1936 des FC Nürnberg“ nach Zeil zu holen. In Eltmann begeisterte die Theatergruppe des Gesangvereins mit der Operette „Bezauberndes Fräulein“ von Ralph Benatzky und „dem Landkreis Haßfurt, zu dem 67 Gemeinden zählen, wurden in diesen Tagen 15 Gewehre für die Wildschweinjagd zugewiesen“.

In Schloss Ditterswind feierte der Landesverein für Innere Mission das einjährige Bestehen des bayernweit größten Kindergenesungsheims. Bis dato hatte man dort in jeweils sechswöchigen Kuren über 800 unterernährte Kinder aus Bayern und dem Ruhrgebiet betreut.

An die Asyldebatten des Jahres 2017 erinnert ein Thema, das vor allem im Raum Ebern für großen Wirbel sorgte: die Aufnahme von Flüchtlingen. Damals wurden die Zuwanderer, zumeist aus Tschechien und dem Sudetenland, in Privathäusern einquartiert, wo immer sich Platz fand.

Täglich liefen, so steht es auf Seite 8 des alten Blattes zu lesen, „beim Kreiswohnungsamt in Ebern Beschwerdeschreiben ein, in denen Wohnungseigentümer gegen die Beschlagnahme überschüssigen Wohnraums protestieren oder die Freigabe bereits belegten Wohnraums fordern.“ Der damalige Bürgermeister Georg Einwag klagte im Stadtrat, „die Überfüllung Eberns würde nur durch die mangelnden Fähigkeiten des Flüchtlingskommissariats und des Siedlungsamtes hervorgerufen. Man könne heute bei den Einheimischen nahezu mehr überfüllte Wohnungen feststellen als bei den Flüchtlingen. Außerdem befänden sich in Ebern eine beträchtliche Menge von Personen aus Sachsen und dem Rheinland. Sie gehörten nicht hierher. Bayern habe lediglich Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei aufzunehmen.“

Der Widerstand gegen die Einquartierungen ging nicht immer friedlich ab. Eindrucksvoll belegt dies ein Vorfall in Recheldorf: „Auf seine Art versuchte dieser Tage der Schwager des Bauern D. in Rechelsdorf (sic!) mit der Zwangseinweisungskommission fertig zu werden. Schon beim Empfang fing er gut an. Er schleuderte den Beamten und den diese begleitenden Landpolizisten die Drohung entgegen „Ihr Satansteufel, Trottel und Spitzbuben, ich schlage euch tot! Alle Versuche, in Ruhe zu verhandeln, waren vergebens. Schließlich ließ sich unser Schwager unter einer unaufhörlichen Schimpfkanonade zu Tätlichkeiten hinreißen, wollte einem Beamten mit der Faust die Brille einschlagen und verletzte einen anderen an der Hand, so daß er mit Gewalt entfernt werden mußte. Auch mit der Frau des Hauses war nicht klar zu kommen. Man setzte endlich die fünfköpfige Flüchtlingsfamilie ohne Einigung in die Wohnräume. Aber man hatte die Rechnung ohne das Temperament des Besitzers D. gemacht, der kurz nach dem Abzug der Beamten nach Hause kam. D. verwies die einquartierte Familie mit Gewalt aus den eben bezogenen Räumen, schlug eine der Frauen und riß ihr die Kleider vom Leibe. Dann versperrte und vernagelte er die Türen der beschlagnahmten Räume. Erneut mußten Siedlungsamt und Polizei eingreifen. D. wurde von den Flüchtlingen, dem Wohnungsamt und der Polizei angezeigt. Man wird ihn eines Besseren belehren.

Manchmal ist es eben doch besser, dass die angeblich so guten alten Zeiten der Vergangenheit angehören.

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