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Trauerwandern eröffnet neue Wege
Roswitha Fliege zündet eine Kerze in der Lourdesgrotte im Zeiler Käppele an.
Roswitha Fliege zündet eine Kerze in der Lourdesgrotte im Zeiler Käppele an.
Foto: Günther Geiling
LKR Haßberge – Bewegung kann bei einem schweren Verlust wieder Kraft schenken. Die Trauerbegleiterin Roswitha Fliege aus dem Kreis Haßberge gibt Einblicke.

Trauer ist eine natürliche Reaktion auf Verlust, und gerade der Verlust eines geliebten Menschen tut weh. Jeder Mensch muss dabei seinen individuellen Weg der Trauer gehen, aber es gibt dabei auch Angebote, damit Trauer nicht zur Erstarrung führt. Dazu zählt das „Trauerwandern“, zu dem die 72-jährige Roswitha Fliege seit vielen Jahren regelmäßig Betroffene einlädt.

Ein einfaches Loslassen gibt es im Trauerfall nicht. Und raus aus den eigenen Wänden zu gehen, fällt vielen Trauernden schwer. Die ausgebildete Krankenschwester Roswitha Fliege will helfen, aus dieser Starre und Hilflosigkeit wieder herauszukommen. Sie erzählt, wie sie das macht.

Wie sind Sie nun zu dieser ehrenamtlichen Aufgabe gekommen, um sich mit trauernden Menschen zu beschäftigen und dabei „Trauerwandern“ anzubieten?

Roswitha Fliege: Nach meiner Kindererziehung regte sich das Bedürfnis, noch einmal etwas Sinnvolles im Leben zu tun. Das sollte eine Wertigkeit haben und im sozialen Bereich liegen. Als die Malteser eine Hospizausbildung anboten, wollte ich unbedingt mitmachen. Das war für mich ein innerlicher Anlass und so arbeite ich nun schon 25 Jahre in der Hospizbegleitung. Ebenso organisierte ich „Trauertreffs“ mit bis zu zehn Leuten, und das wurde auch sehr gut angenommen. Die Treffs wurden im Laufe der Zeit vom „Trauerwandern“ abgelöst.

Was ist das Besondere am Trauerwandern gegenüber zahlreichen anderen Angeboten wie Einzelbegleitung, geschlossene Trauergruppe, Trauercafé?

Roswitha Fliege: Wandern ist für Menschen in Trauer eine Möglichkeit, mit sich und ihrer Trauer in eine natürliche Bewegung zu kommen. Der Weg durch die Trauer ähnelt nämlich oft auch einer Wanderung. Man kommt mit anderen Trauernden ins Gespräch und erkundet in Gemeinschaft neue Wege. Außerdem begegnet uns in der Natur auch an vielen Stellen das Werden und Vergehen.

Wie muss man sich so eine Trauerwanderung vorstellen? Können Sie einen kleinen Einblick geben? Gibt es hierzu auch Regeln?

Ganz selbstverständlich ist, dass alle Gespräche vertraulich behandelt werden. Ich beginne die gemeinsame Wanderung gerne mit einem Impuls oder vielleicht sogar einem Trauermärchen, um leichter miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal bleibt zuerst aber auch Stille. Niemand muss etwas sagen und niemand soll sich unter Druck fühlen. Aber dann erzählen sie auch ihre persönliche Geschichte und unterhalten sich untereinander. Trotzdem ist es bei einer Wanderung leichter zu schweigen und gleichzeitig leichter, mit immer wechselnden Partnern Worte zu wechseln. Ab und zu halten wir auch inne und hören vielleicht einen Text, und manchmal halten wir vielleicht auch einen kleinen Stein in der Hand, der symbolisch für den Verstorbenen mit unterwegs war. Außerdem biete ich auch Stationen zum In-Sich-Gehen an. Wir sind circa eineinhalb Stunden unterwegs und schließen das Wandern mit einer Kaffeerunde ab.

Gibt es auch persönliche Ziele für Sie für solch eine Trauerwanderung und was möchten Sie den Betroffenen mit auf ihren neuen Weg geben? Die Trauerwanderung ist Teil des persönlichen Trauerweges und sie soll auch der gemeinsame Weg sein, der früher oder später zu einem Ziel führt. Manche erzählen immer wieder dasselbe oder weinen. Damit muss man leben und sogar bedenken, dass eine Trauer krankhaft werden kann. Die Wanderer sollten jedoch erkennen, dass das Leben weitergeht, aber in einer anderen Weise. Sie sollten am Ende akzeptieren, dass der Verlust zum Leben gehört und man es nicht mehr ändern kann. Sie sollten ein Gefühl dafür bekommen, dass es passt.

Ihre Kontakte kommen hauptsächlich durch Alten- und Pflegeheime, durch plötzliche Todesfälle oder wo Jüngere aus dem Leben gerissen werden. Sie sagten, dass es dabei quer durch die Gesellschaft geht. Macht es auch einen Unterschied, wenn ein Christ an ein Leben nach dem Tod glaubt oder Sie auf einen Atheisten treffen? Für Leute, die glauben oder spirituell unterwegs sind, ist eine Begleitung einfacher zu gestalten, weil solche Leute ein Ziel haben, das irgendwohin geht, und der Glaube dabei vielleicht Halt gibt. Trotzdem habe ich auch hier viele erlebt, die mit ihrem Schicksal nicht zufrieden sind oder gar mit Gott hadern. Aber auch Atheisten können ihre Festigkeit haben und glauben, dass sie sich in Atomen oder Natur wiederfinden und alles wieder zurückgeht.

Braucht man auch selbst ab und zu einmal Impulse von außen oder eine Supervision, um für solch schwere Gespräche gerüstet zu sein und das richtige Einfühlungsvermögen zu zeigen?

Ich begebe mich monatlich in eine Supervision mit einer ausgebildeten Theologin oder Psychologin. Dabei bekommt man hilfreiche Tipps und vor allem wird die Professionalität des Tuns geschult. Schließlich geht einem manches ganz nah, und trotzdem muss man über der Sache stehen und auch einmal Nein sagen können.

Mit dem Angebot Ihrer Trauerwanderung helfen Sie Betroffenen, dem Leben nach dem Verlust einen neuen Mut zu geben. Erhalten Sie bisweilen hier auch ein Feedback, das auch Ihnen die Kraft gibt, Ihren Praxisraum in der Natur weiter anzubieten? Erst vor kurzem kam zu mir eine junge Frau und bedankte sich mit den Worten: „Ich hatte das Gefühl, dass ich ernst genommen werde, dass Sie alles stehen gelassen haben, was und wie ich es erzählte; dass Sie mich nicht umkrempeln wollten und alle Gespräche unter uns bleiben.“ Eine andere: „Ich bin ganz froh und warte schon auf den nächsten Termin.“

Das Gespräch führte unser Mitarbeiter

Günther Geiling.