Erfahrungen
"Wir können von Glück reden"
Foto:
Haßfurt – Eine vierköpfige Familie aus einem Ort im Maintal hatte sich mit dem Coronavirus. Nur beim der Jüngsten verschlechterte sich der Zustand rapide.

Wenn die Lage nicht so ernst wäre, könnte man schmunzeln. Der 69 Jahre alte Peter erfährt gerade, dass er positiv auf das Coronavirus getestet worden ist. Und was tut er als erstes, nachdem er die Nachricht erhalten hat? "Er hat sich erst einmal ein Bier aufgemacht", schildert seine Tochter, die ebenfalls von der Infektion betroffen war. Wie auch ihr Freund und ihre Mutter , die alle in einem Haus in einer Gemeinde im Maintal im Landkreis Haßberge leben.

Die Vier haben die Krankheit überstanden. Sie sind wieder gesund. In der Statistik tauchen sie als Genesene auf.

Die vierköpfige Familie , das sind neben dem Vater Peter (69) dessen Frau Martha (66), ihre Tochter Anna (34) und deren Freund Chris (38). Unsere Redaktion hat zum Schutz der Familie die Namen geändert. Aus gutem Grund, wie Reaktionen von Menschen deutlich machen, die der Familie zuletzt begegnet sind - nach deren Genesung. "Wir sind uns wie Aussätzige vorgekommen", sagt die Mutter . Manche Leute "machen einen Bogen", beschreibt Chris, und seine Freundin erklärt unmissverständlich, warum sie lieber unerkannt bleiben möchte: "Ich habe auf das Gerede keinen Bock."

Wo hat sich die Familie angesteckt? Sicher kann es niemand sagen. Vieles spricht dafür, dass sich die Vier das Virus beim Skifahren in Sankt Anton in Österreich eingehandelt haben. Die Ansteckung könnte aber auch schon vorher im Kreis Haßberge passiert sein, denn Mutter und Tochter starteten bereits mit leichten Erkältungssymptomen nach Österreich. Hundertprozentig lässt sich der Ort der Infektion nicht mehr feststellen.

Anfang März fuhren die Vier nach Sankt Anton. Corona war zwar schon in den Nachrichten aufgetaucht, aber nicht in dem Maße, dass man Angst haben müsste. "Corona war kein Thema", erinnert sich Martha, und auch in Österreich "war noch gar nichts", ergänzt die Tochter.

Das änderte sich schlagartig. Am Freitag, dem 13. März, fuhr die Familie wie geplant zurück. Zur Erinnerung: Das war zwei Tage vor der Kommunalwahl in Bayern. Genau an diesem Tag holten die Verantwortlichen im Skigebiet Sankt Anton die Urlauber von den Pisten und forderten sie zur Heimreise auf. Das haben die Vier von Bekannten erfahren, die an diesem Tag zunächst noch ihre Schwünge im Schnee gezogen haben.

Die Lage hatte sich dramatisch verändert. Corona beherrschte die Schlagzeilen. Vater, Mutter , Tochter und deren Freund wollten kein Risiko eingehen. Sie gingen nicht mehr aus dem Haus - auch aus Rücksichtnahme, um andere nicht anzustecken - und entschlossen sich, sich testen zu lassen.

Das war gar nicht so einfach. "Um den Test zu kriegen, mussten wir vier Stunden telefonieren", erzählt Martha. Zwei Tage später, am Sonntag, dem Tag der Kommunalwahl, fuhr ein Auto der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) vor, und deren Mitarbeiter nahmen den Abstrich. Eine Teststation gab es damals im Landkreis noch nicht.

Vater und Tochter wurden wenige Tage später informiert, dass sie positiv seien. Mutter und der künftige Schwiegersohn bekamen kein Ergebnis. Trotz mehrfacher Nachfragen gab es keine Antwort. "Du sitzt wie auf Kohlen", schildert der 38-jährige Chris. Schließlich will man wissen, was los ist. Bei allem Verständnis für die damalige Situation, mit der niemand gerechnet hatte und für die es keinen Plan gab, wie man richtig handelt, war die Ungewissheit für die 66-Jährige und den 38-Jährigen schwer auszuhalten. Jedenfalls wurden die beiden dann noch einmal getestet, und dann kam das Resultat rasch: beide positiv.

Peter kam am glimpflichsten davon. Der 69-Jährige hatte fast keine Symptome. Er war nur manchmal etwas müde. Seine Frau hatte ebenfalls "keine großen Probleme". Kratzen im Hals, Kopfweh und Schwindel machten sich bei ihr bemerkbar.

Bei Chris stellten sich die ersten Beschwerden etwas später ein. Rücken- und Gliederschmerzen plagten ihn. Dann gingen plötzlich der Geruchs- und der Geschmackssinn bei dem 38-Jährigen verloren.

Am schlimmsten hat es Anna getroffen. Erst war alles "ganz easy", erzählt die 34-Jährige. "Dann hat sich's zugespitzt." Übelkeit , Erbrechen , Kopf- und Gliederschmerzen sowie starke Schwindelgefühle machten ihr zu schaffen. Sie fühlte sich "extrem geschwächt. Man weiß nicht, was mit einem passiert. Dann kriegt man Panik." Am schlimmsten empfand sie die Übelkeit und den ständigen Druck auf Bauch und Brust.

In einer "schlimmen Nacht" wuchs die Angst, dass die junge Frau nicht mehr daheimbleiben konnte, sondern ins Krankenhaus würde gehen müssen. Die Angst rührte auch daher, dass sich das Virus auf die Lunge ausbreiten könnte, denn als Kind hatte Anna mit Asthma zu kämpfen gehabt. "Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen", beschreibt die Mutter . Vorsorglich wurde die Telefonnummer der nächsten Klinik herausgesucht und bereitgelegt.

Es wurde besser, aber noch nicht richtig gut. Überraschend ging bei der 34-Jährigen und ihrem Freund plötzlich die Stimme verloren. Allen vier gemeinsam war, dass sie zu keinem Zeitpunkt Fieber hatten.

Einen Monat lang, vom 13. März bis 13. April, war die Familie in Quarantäne. Der Sohn und ältere Bruder von Anna sowie Freunde und Nachbarn versorgten die Isolierten. In den Medien verfolgten sie in den eigenen vier Wänden die Nachrichten und wollten so viel wie möglich über die Krankheit erfahren. Die Wissbegierde kann aber auch zu viel werden. Vor allem die Bilder aus Italien mit den Militärlastwagen-Kolonnen, die Corona-Leichen wegbrachten, erschreckten. Die Bilder transportierten, so empfand es Martha, die Nachricht: "Jeder, der Corona hat, kommt an die Beatmungsmaschine."

Geholfen hat in dieser schweren Zeit vor allem das Gesundheitsamt in Haßfurt . Jeden Tag hat ein Mitarbeiter angerufen und sich nach dem Gesundheitszustand erkundigt. Die Nachfragen und Informationen "haben einem etwas die Angst genommen" und verhindert, dass man sich weiter in die Krankheit und die persönliche Situation hineinsteigert, erzählt Anna. Teilweise haben die Telefongespräche bis zu einer Stunde gedauert. Der Rekord war ein Anruf, der weit über eine Stunde hinausging, und das obwohl die Mitarbeiter des Gesundheitsamts auch andere Patienten zu betreuen hatten. Und: Selbst am Abend meldeten sich die Mitarbeiter. Die Familie fühlte sich gut aufgehoben in den Händen der Haßfurter Behörde.

Inzwischen sind aller Vier wieder gesund und können am Leben in der heute etwas anderen Normalität teilnehmen wie andere auch. Sie sind dankbar, dass sie die Krankheit überstanden haben, und hoffen, dass sie keine Folgen hat. "Wir können von Glück reden", dass alles glimpflich verlaufen ist, sagt Chris. Diese Infektion sei "nicht zu unterschätzen", weiß Anna. "Es hätte auch anders kommen können", bestätigt Peter.

Dem 69-Jährigen hat es, wie er gerne einräumt, zu Beginn der Isolation "am meisten gestunken, dass ich daheim bleiben musste". Aber der Älteste in der Familie , der zeit seines Lebens viel gearbeitet hat und auch jetzt im Rentenalter die Hände noch nicht in den Schoß legt, kann der besonderen und bedrängenden Situation sogar etwas Gutes abgewinnen. Ihm ist es gelungen, endlich mal "runterzufahren".