Zeitreise
Sturmläuten lockt die Gaffer an
Angelockt von der Sirene: Dieses Pressefoto von 1955 zeigt die Gaffer beim Brand der Schuhfabrik in Haßfurt.
Angelockt von der Sirene: Dieses Pressefoto von 1955 zeigt die Gaffer beim Brand der Schuhfabrik in Haßfurt.
Heiner Schneier
Nach wie vor steht die Sirene (rechts) auf dem Dach des alten Rathauses in Haßfurt. Sie ist funktionsfähig. Längst aber läuft hier der Alarm digital.
Nach wie vor steht die Sirene (rechts) auf dem Dach des alten Rathauses in Haßfurt. Sie ist funktionsfähig. Längst aber läuft hier der Alarm digital.
Brigitte Krause
F-Signet von Ludwig Leisentritt Fränkischer Tag
LKR Haßberge – Ausgelöst durch die Flutkatastrophe im Ahrtal hat der Bevölkerungsschutz eine neue Aktualität gewonnen.

Aus diesem Anlass nimmt der Zeiler Historiker mit auf eine kleine Zeitreise durch die Geschichte des Alarmierens. Am Beispiel Zeil erzählt Leisentritt doch exemplarisch für die meisten Gemeinden im heutigen Landkreis.

Früher gab es viele Methoden, die Bürger bei Gefahr zu alarmieren. Die Auswahl reicht von „Feurio“-Schreien, Glockenläuten, dem Absenden von „Feuerläufern“ in die Nachbarorte, Trompeten- und Feuerhornblasen bis zu Sirenen, Dampfpfeifen und bis vor Kurzem mehrheitlich Funkalarmierung. 1818 gab man in Königsberg mit einer schweren Feuerbüchse Signalschüsse ab – ähnlich, wie es an Silvester heute noch die Böllerschützen des Schützengaus Schweinfurt auf der Prappacher Höhe tun. Für das nichtsächsische „Ausland“ rund um Königsberg feuerte ein dazu bestimmter Einwohner einen Schuss ab. Ein Brand in der sächsischen Enklave wurde mit zwei Schüssen und ein Feuer in Königsberg selbst durch drei Schüsse angezeigt.

Mit Schüssen aus Geschützen sollte ab 1944 vor Fliegerangriffen gewarnt werden, wenn wegen Stromausfall keine Sirenen liefen. In die Luftschutzkeller hieß es, wenn die Flakbatterien in Zeil, Sand, Breitbrunn und Stettfeld Salven abgaben. Zwei Schüsse mit 30 Sekunden Abstand bedeutete Luftwarnung. Je drei Schüsse durch zwei feuernde Geschütze: Fliegeralarm.

Noch ein paar Jahrhunderte zurück: Nicht nur in Zeil läutete der Schulmeister bei Gewittern die Glocken. Auf dem Rand der großen Glocke von 1648 steht unter anderem: „Die schädigen Gewitter vertreib ich.“ Glocken verkündeten nicht nur die frohe Botschaft, sondern auch das Gegenteil: Feuer, Überschwemmung, Angriff, Überfall. Das ist der Grund, warum bis heute der Bauunterhalt, also die Baulast, für Kirchtürme bei den Kommunen liegt.

Haßfurt, Zeil: Auf den Stadttürmen wachte der Turmwächter. Damit jeder beim Ertönen des Trompeten- oder Hornsignals gleich erkannte, ob es sich um einen Brand im Ort oder auswärts handelt, wurden 1852 unterschiedliche Intervalle festgelegt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wachten in Zeil die Turmwächter. Für sie galt „bei Tag und ganz besonders bei der Nacht Acht zu haben, ob sowohl in Zeil als in der Umgegend, soweit das Auge reicht, keine Feuersbrunst entsteht oder schon entstanden ist.“ Zuletzt überließ der Stadtrat 1901 einem obdachlosen Mitbürger das Zimmerchen auf dem Stadtturm mit der Auflage, bei Bränden mit der Trompete Alarm zu blasen.

Kraftvolle Dampfsirenen

In Orten mit Fabriken gehörten mit der Industrialisierung Dampfsirenen auch in friedlichen Zeiten zum Alltag. Die Sirene der 1890 eröffneten Zeiler Weberei ertönte früh um 5 Uhr, die in der Fabrik Mölter in Haßfurt erst um 7 Uhr. Um 9 und 9.30 Uhr rief die Sirene zur Vormittagsbrotzeit, um 12 und 13 Uhr zur Mittagspause und um 16 Uhr klang sie am schönsten: endlich Arbeitsende. Nicht nur die Arbeiter und Angestellten richteten sich nach diesen Signalen. Auch die Belegschaftsmitglieder der umliegenden Betriebe.

Das Zeiler Zweigwerk Mölter musste im Kriegsjahr 1944 auf Anordnung des Luftschutzleiters Eyrich, seine Werkssirene stilllegen. Mehrmals war es zu Missverständnissen gekommen, weil Einwohner in die Keller flüchteten. Die Sirene der Weberei hingegen sollte bei Stromausfall in Aktion treten.

Weil 1961 die Werkssirenen der Zuckerfabrik tagsüber „zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit“ loströteten, schimpfte die Feuerwehr über „dieses fahrlässige Verhalten, das keine Gewähr bietet, dass im Ernstfalle Leute wirklich reagieren“. Die Sirene solle stillgelegt oder auf einen Ton eingestellt sein, der sich von dem der Feuersirene deutlich unterscheidet.

In Haßfurt verdrängte ein anderer Grund die Sirene: Ölkrise im Winter 1973, die Mölter’sche Geschäftsleitung entschloss sich, die seit 1916 laufende Dampfsirene ab Januar 1974 außer Dienst zu stellen – eine Parallele zu heute mit dem Energiesparen.

1947 übrigens hatte die Stadt Zeil angeordnet, „Ortswachen“ aufzustellen. Die Sirene sollte „bei Brand- und nächtlichen Überfällen“ Alarm schlagen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatte es so einen Zwischenfall gegeben: 1923, die Inflation war auf dem Höhepunkt, marschierten zehn Burschen, davon neun aus Knetzgau, nach einer feuchtfröhlichen Nacht durch den Wald nach Hainert. Nach ihrer Ankunft um 2 Uhr setzten sie ihr Besäufnis in der Gastwirtschaft fort und zogen endlich grölend durch das schlafende Dorf, ja trommelten gar Bauern heraus und verlangten Lebensmittel. Als einige Ortsbewohner die Kerle vertreiben wollten, kam es zu einer blutigen Prügelei. Hainerter wurden niedergeworfen, gewürgt und mit Füßen getreten. Erst die Feuerwehr schuf Ordnung. Ein Hainerter Landwirt erlag später im Krankenhaus einer Stichverletzung.

Laute und stille Alarmierung

Aber die Sirenen waren, weil laut, schon auch sehr lästig. Seit den 70er Jahren wurde deswegen unterschieden, ob Feuerwehr (stiller Alarm über Telefon) oder Bürger alarmiert werden müssen. Ein anderer Grund für die Einführung der stillen Alarmierung war auch das Bestreben, Gaffer fernzuhalten. Ein Pressefoto zeigt, wie 1955 beim Brand der Haßfurter Schuhfabrik Waldi, Zuschauer wie bei einem Freilichttheater das Geschehen verfolgten. Genau wegen der Behinderung der Feuerwehr durch Schaulustige erklärte Kreisbrandinspektor Wiesentheid auf einer Kommandantentagung 1972, dass er den stillen Alarm anstrebe. Als in dem Jahr in Zeil die ersten zwölf Funkwecker schrillten, wurden fast nur noch die Familien bestimmter Wehrleute aus dem Schlaf gerissen. Zwei Jahre später kamen Sprechgeräte hinzu.

Die Alarmierung lief in früheren Jahren auch teilweise überhaupt nicht einheitlich, besonders, wenn man die Bevölkerung im großen Stil warnen wollte – etwa wegen eines Atomangriffs oder -unfalls: Im März 1969 hatte das Luftschutzwarnamt Ansbach einen Probealarm ausgelöst, den nur die Kreisstädter hören konnten. Die 1938 installierte Luftschutzsirene auf dem Dach des alten Rathauses war damals die einzige Sirene im alten Landkreis, die am Netz des Luftschutzwarnamtes angeschlossen war. Ein Jahr später waren es im Kreis 20 Sirenen. 1974 gab es im Freistaat Bayern rund 12.000 Sirenen. Der Kalte Krieg sorgte für die Aktivierung des alten Warnsystems. Zentral wurden die Probealarme ausgelöst, um die Anlagen zu testen. Gegenwärtig gibt es im Landkreis 163 Sirenen. Dass die Warnsysteme in den Blickpunkt rücken, geht in erster Linie auf die Jahrhundertflut im Juli 2021 zurück.

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