Judentum
Was König Artus mit Franken zu tun hat
Die Synagoge in Gleusdorf ist an mehreren Sonntagen im Herbst geöffnet.
Die Synagoge in Gleusdorf ist an mehreren Sonntagen im Herbst geöffnet.
Förderverein Synagoge Memmelsdorf Archiv
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Memmelsdorf – Wenn bald das Herbstprogramm in den Synagogen in Memmelsdorf und in Gleusdorf startet, werden die Gäste Erstaunliches erfahren.

Bereits im 18. Jahrhundert besaß Gleusdorf eine eigene Synagoge, von der allerdings nur das Bruchstück eines Hochzeitssteins erhalten blieb. 1857 entstand an gleicher Stelle ein neuer Synagogenbau. Nach einer denkmalgerechten Sanierung ist sie heute wieder zugänglich. Im und am Nachbargebäude dokumentiert eine Ausstellung die Geschichte des Dorfes und der jüdischen Gemeinde.

Die im Jahr 1729 fertiggestellte Synagoge Memmelsdorf zählt zu den ältesten erhaltenen Synagogen in Unterfranken und diente der jüdischen Gemeinde von Memmelsdorf 210 Jahre lang als Betraum. Der Förderverein Synagoge Memmelsdorf, der auch für die Synagoge in Gleusdorf zuständig ist, hat vor Jahren das Gebäude erworben und behutsam renovieren lassen. Seit 2004 kann die ehemalige Synagoge besichtigt werden. Das Gebäude enthält auch eine Ausstellung zur Geschichte des Gebäudes und der jüdischen Gemeinde.

Programme und Veranstaltungen ergänzen die Ausstellungen

Zudem gibt es laufend aktuelle Programme und Veranstaltungen, die die Ausstellung ergänzen. So weist der Träger- und Förderverein auf sein Herbstprogramm 2022 in den Synagogen Memmelsdorf und Gleusdorf hin.

An den Sonntagen 4. September und 2. Oktober sind jeweils von 13 bis 17 Uhr die offenen Sonntage in beiden Synagogen. Zusätzlich gibt es an diesen Tagen eine Führung in Memmelsdorf um 13.30 Uhr und eine Führung in Gleusdorf um 15.30 Uhr.

Tag der europäischen Kultur

Anlässlich des Tags der europäischen Kultur am Sonntag, 4. September, findet um 16 Uhr in der Synagoge Memmelsdorf eine Veranstaltung mit dem Titel „Drachentöter, Diebesgut und ein streitbarer Lehrer“ statt. Ina Karg und Barbara Schofer präsentieren dabei drei Texte aus der jüdischen Vergangenheit von Memmelsdorf.

Drei Texte, die in vergangene Zeiten entführen

Der erste Text findet sich in der Memmelsdorfer Synagogen-Genisa. Eine Genisa ist laut Wikipedia eine Art Lager, Depot, Speicher zur Aufbewahrung verbrauchter jüdischer liturgischer Schriften: Die Geschichte von Wid(u)wilt gehört zu den Erzählungen um König Artus und seinen Rittern. Er wurde für die jüdischen Rezipienten adaptiert und existiert in Handschriften und ab dem 17. Jahrhundert auch in Drucken in hebräischen Buchstaben. Präsentiert wird ein Ausschnitt aus einer Edition in Jiddisch mit einer Übersetzung von Ina Karg. Interessant ist der Mitteilung zufolge, dass die Memmelsdorfer Synagogen-Genisa nicht nur religiöse Literatur enthält, sondern auch Unterhaltsames.

Der Laden eines jüdischen Kaufmanns aus Memmelsdorf wurde eines Nachts von Dieben ausgeräumt

Ein weiterer Text führt das Publikum in das Jahr 1830. Der Laden eines jüdischen Kaufmanns aus Memmelsdorf wurde eines Nachts von Dieben ausgeräumt. In der Anzeige wird das Diebesgut genauestens aufgelistet. Interessant dabei ist, womit gehandelt wurde und welchen Wert der Geschädigte angab. Mit diesem Text kommt ein absoluter Experte in Sachen „Schnittwarenhandel“ zu Wort. Dieser Erwerbszweig war im 19. Jahrhundert unter der jüdischen Bevölkerung sehr verbreitet – in Memmelsdorf hatte er dann auch noch Tradition bis in die 1940er Jahre.

Leopold Anfänger, der letzte jüdische Lehrer in Memmelsdorf, kommt mit einem Beitrag zu Wort, in dem er den Innenraum der Memmelsdorfer Synagoge beschreibt und religiöse Ernsthaftigkeit anmahnt. Dabei geht er auf Praktiken des religiösen Lebens mit den dazugehörigen Fachbezeichnungen ein.

Die Geschichte von Leopold Anfänger, einem orthodoxen Lehrer, der in Memmelsdorf lebte

Leopold Anfänger kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Memmelsdorf. Er war ein konservativer, orthodoxer Lehrer und hat eine ganze Reihe Texte publiziert, darunter auch eine Geschichte der jüdischen Gemeinde in Memmelsdorf. Nach seiner Zeit in Memmelsdorf unterrichtete Leopold Anfänger an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg. Er starb 1936 in Köln.

Tag des offenen Denkmals

In der Synagoge Memmelsdorf selbst auf Spurensuche gehen können die Besucherinnen und Besucher am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 11. September, von 10 bis 17 Uhr. Es handelt sich um einen Fall für den Denkmalschutz. Der Betsaal der Synagoge Memmelsdorf wurde behutsam konserviert und es finden sich Spuren der jüdischen Religion und Kultur, der Veränderung des Selbstverständnisses der jüdischen Gemeinde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Baugeschichte der Synagoge und der verschiedenen Fremdnutzungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Zusammen ordnen die Besucher die Spuren in die Geschichte des Bauwerks ein. Die Synagoge in Memmelsdorf ist von 10 bis 17 Uhr geöffnet, die gemeinsame Spurensuche startet jeweils um 10.30 Uhr, 13.30 Uhr und 15.30 Uhr.

Bis in die NS-Zeit gab es nirgendwo im deutschsprachigen Raum so viele jüdische Gemeinden wie in Franken

Mit „Stadt – Land – Stadt“ ist eine Veranstaltung am Sonntag, 16. Oktober, um 19 Uhr in der Synagoge Memmelsdorf betitelt. Bis in die NS-Zeit gab es nirgendwo im deutschsprachigen Raum so viele jüdische Gemeinden wie in Franken. Die jüdische Bevölkerung in Franken lebte, wie in anderen Regionen Süddeutschlands auch, vom Spätmittelalter bis in das 19. Jahrhundert hinein mehrheitlich auf dem Land. Nach einer Blütephase der städtischen Gemeinden im Spätmittelalter wurden Jüdinnen und Juden aus den meisten Städten vertrieben. Sie siedelten sich in Dörfern und Kleinstädten an. Im 19. Jahrhundert erfolgte schrittweise die rechtliche Gleichberechtigung, die auch die Niederlassungsfreiheit mit sich brachte. Juden und Jüdinnen wanderten ins Ausland aus, vor allem in die Neue Welt, oder in die Städte in der Region und darüber hinaus ab.

Vortrag beleuchtet die Blütephase des ländlichen Judentums

In einem Vortrag wird ein zeitlicher Bogen der Geschichte des ländlichen Judentums in Franken von der Phase der Vertreibung aus den Städten im Spätmittelalter über die Blütephase des ländlichen Judentums bis hin zur Phase der Aus- und Abwanderung ab dem 19. Jahrhundert gespannt. Dies geschieht vor dem Hintergrund von Überlegungen zu den Kategorien „Stadtjude“/„Stadtjüdin“ und „Landjude“/„Landjüdin“, eine Grundfrage des Vortrags. Referentin ist Rebekka Denz, M.A. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Judaistik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und arbeitet auch beim Israel-Jacobson-Netzwerk in Niedersachsen mit. Gemeinsam mit Gabi Rudolf ist sie Herausgeberin der mehrteiligen Publikation „Genisa-Blätter“ (Universitätsverlag Potsdam), in welcher vornehmlich Funde aus in Franken gehobenen Genisot ediert und kommentiert werden.

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