Neue Gastronomie
Ebern: „Sitzen“ wird im alten Gefängnis zum Genuss
Der ehemalige Biergarten „Zum Freigang“ in Ebern in der Rittergasse 5, erwacht als „Herzog“ aus dem Dornröschenschlaf. Mit Bernd Ziegler hat sich ein neuer Pächter gefunden. Die Inschrift an der Mauer erinnert an eine Hinrichtung 1945.
Der ehemalige Biergarten „Zum Freigang“ in Ebern in der Rittergasse 5, erwacht als „Herzog“ aus dem Dornröschenschlaf. Mit Bernd Ziegler hat sich ein neuer Pächter gefunden. Die Inschrift an der Mauer erinnert an eine Hinrichtung 1945.
Foto: Helmut Will
Ebern – Bernd Ziegler will aus dem historischen Gebäude in Ebern ein Lokal mit besonderem Flair machen.

Früher wäre niemand freiwillig hinter diese Mauern getreten. Ja die Menschen wurden gewaltsam in Ketten dorthin abgeführt. Erst 200 Jahre später wurde der einstige Gefängnishof mit dem mittelalterlichen Diebsturm und der Stadtmauer im Hintergrund zum beliebten Anlaufpunkt: als Biergarten namens „Freigang“. Doch dessen Geschichte war kurz und so stand das Areal zuletzt für einige Zeit leer. Nun soll sich dort dauerhaft und ganzjährig eine Gastronomie mit besonderem Flair etablieren.

Am Dienstag stellten Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD) und der neue Pächter, Bernd Ziegler, das Konzept bei einem Pressegespräch vor. Wie Hennemann erläuterte, hätten sich auf eine Ausschreibung hin fünf Interessenten gemeldet. Der Stadtrat habe in seiner Sitzung am vergangenen Donnerstag entschieden, den Zuschlag dem Eberner Bernd Ziegler zu erteilen. Dieser hatte vor Jahresfrist bereits das Schlimbachhaus am Marktplatz erworben, um es zu sanieren und für gastronomische Zwecke auszubauen. Und der 49-Jährige hatte die „Pandamie“ nach Ebern gebracht, eine lustige Antwort auf all die negativen Corona-Nachrichten in Form von fröhlich grinsenden Pandabären.

Der Bürgermeister sprach eine längere Auseinandersetzung mit dem vormaligen Pächter um Geldforderungen für den Ausbau der Immobilie an. Im Mai habe man sich bei einem Gütetermin vor Gericht mit dem Vorpächter geeinigt. „Der Vertrag konnte ohne Zahlungsverpflichtung durch die Stadt aufgelöst werden, allerdings habe die Stadt im Gegenzug auf ausstehende Zahlungen infolge Vermietung verzichtet, Ablösesummen hat es keine gegeben“, so Hennemann. Im Juni konnte der Erbpachtvertrag notariell aufgelöst werden.

Langfristiger Ansatz

Die Stadt sei mit Vereinen im Gespräch gewesen, um eventuell den Biergarten zu übernehmen, aber diese wollten nicht in Konkurrenz mit anderen Wirten treten. Wichtig erschien es Hennemann, einen Pächter langfristig zu binden, weshalb mit dem „Neuen“, Bernd Ziegler, ein Vertrag über zehn Jahre abgeschlossen wurde, mit der Option einer Verlängerung. Der Vertrag läuft ab dem 1. August und Ziegler brennt darauf loszulegen, wie er bei dem Termin sagte. Die Stadt wird, in Absprache mit Ziegler, den Biergarten auch zum Beispiel beim Mittelaltermarkt nutzen können. Auch sei daran gedacht, dort kulturelle Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem Sport- und Kulturverein durchzuführen.

Mann mit großer Erfahrung

Ziegler verweist auf 30-jährige Erfahrung als Gastronom. Er war in München Betriebsleiter in Restaurants, hat selbst mehrere Lokale eröffnet und betrieben und leitete von 2012 bis 2019 in Kroatien eine Bar. Vom alten „Freigang“-Konzept will er wegkommen. Das Lokal soll künftig „Herzog“ heißen, in Anlehnung des Erbauers des Gebäudes.

Seine Vision ist es, das Lokal ganzjährig zu betreiben, im Herbst und Winter soll der Biergarten in einen „Zauberwald“ verwandelt werden mit Kunsteisbahn zum Eisstockschießen, offenen Feuerstellen und lichttechnischen Finessen. Er selbst will im ersten Stock wohnen und den Gastraum im Erdgeschoss geschmackvoll umgestalten. Im März 2022 soll alles fertiggestellt sein. Ziegler Ansatz: „eine hemdsärmliche Gastwirtschaft, bei der auch Gäste mal ihre Brotzeit mitbringen können.“

Location mit aufregender Geschichte

Seit dem Mittelalter warf man Gefangene in die Fronfeste im Diebsturm an der Stadtmauer und ließ sie in Kälte und Finsternis schmachten.

1811 erbaute Ferdinand von Toskana das Gefängnis, dessen Wappen noch über dem Haustor prangt. Er war von 1806 bis 1814 Landesherr des Großherzogtums Würzburg. An ihn erinnert der neue Lokalname „Herzog“.

Im April 1945, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden im Gefängnishof vier junge Landser wegen angeblicher Fahnenflucht durch die Nationalsozialisten hingerichtet.

In späteren Jahren waren hier lange Zeit das Gesundheitsamt angesiedelt, später folgten Praxisräume und Leerstand. Und dann kam die Idee mit dem Biergarten auf…