Weihnachtsbraten
Festtagsbraten, Wächter und Alltagsgetier
Bis in die ersten Wintertage hielten in den 1950er Jahren Gänse und Enten auf der Dorfstraße in Augsfeld ihre Siesta. Nur selten passierte ein Auto den verkehrsabgelegenen Ort. Die Straßen waren nicht asphaltiert oder gepflastert. Je nach Wetter waren sie von Schlamm oder Staub überzogen - ein idealer Tummelplatz für das Federvieh.
Bis in die ersten Wintertage hielten in den 1950er Jahren Gänse und Enten auf der Dorfstraße in Augsfeld ihre Siesta. Nur selten passierte ein Auto den verkehrsabgelegenen Ort. Die Straßen waren nicht asphaltiert oder gepflastert. Je nach Wetter waren sie von Schlamm oder Staub überzogen - ein idealer Tummelplatz für das Federvieh.
Foto: Ludwig Leisentritt
LKR Haßberge – Vor wenigen Jahrzehnten noch schnatterten die Gänse auf vielen Straßen im Gebiet des heutigen Landkreis Haßberge.

Häufig stand früher ein Gänsebraten vor der vorweihnachtlichen Fastenzeit am Gedenktag des Heiligen Martin auf den Tischen. Der fromme Mann, der gar nicht Bischof werden wollte, soll sich in einem Gänsestall versteckt haben. Die Gelbschnäbel schnatterten jedoch so laut, dass er gefunden und zum Bischof von Tours geweiht wurde. Mit der Christmette endet die Fastenzeit und bei vielen Familien kommt erneut ein Gänsebraten auf den Tisch.

Wie die Wachhunde so laut

Gänse hatten früher in manchen Gehöften die Funktion von Wachhunden. Sie hörten jedes Geräusch und reagierten mit Geschnatter. Im 15. Jahrhundert war es üblich, auf Burgen das Fehlen von Türmern oder Wächtern durch das Halten von Hunden oder Gänsen zu ersetzen.

Die Gans stand nicht allein als Feiertagsbraten hoch im Kurs. Ebenso begehrt waren ihre Federn für die Aussteuerbetten der Töchter. Unsere Mütter und Großmütter verwendeten Gänsefett zum Einreiben bei Erkältungskrankheiten. Die Schwingflügel taten im Haushalt als „Federwisch“ für die Öfen gute Dienste, und in früherer Zeit benutzte man die äußeren fünf Federn eines Flügels als Schreibgeräte. Selbst wenn heute jemand auf dem PC etwas zu Papier bringt, greift er redensartlich ja immer noch „zur Feder“.

Der Zeiler Kilian Fritzmann erfuhr in französischer Gefangenschaft auch noch eine andere Verwendungsart: Er hatte die Aufgabe, die Gelbschnäbel seines ihm freundlich gesonnenen Quartiergebers täglich mit Maisfutter zu stopfen. Wurden sie geschlachtet, verkaufte der Franzose dann die bei seinen Landsleuten so begehrte Gänseleber auf den Märkten in Paris.

Kleine Gänse wurden besonders gehegt

Es kostete große Mühe, die Gänseküken hochzupäppeln, damit sie einmal Federn und einen saftigen Braten abgaben. Dem Ei entschlüpft, wurden sie zumeist in der Küche am Herd sorgsam gehegt und mit gehackten Brennnesseln und gekochten Eiern gefüttert. In der Regel „verpflegten“ sich die gefräßigen Zweibeiner später auf dem Gänseanger selbst.

In vielen Häusern hatten die Gänse und Enten sogar „Wohnrecht“. Der Pfarrer Karl von Zell am Ebersberg notierte 1812, dass in seinem Dorf Menschen, Gänse und Hühner sehr verträglich im selben Raum wohnen. Ähnlich beklagte 1861 der Eltmanner Amtsarzt Dr. Schneider die Gewohnheit, junge Gänse und anderes Federvieh unter dem Ofen zu halten.

Gänsehirt passt auf die Fresser auf

Manche Orte hielten sich früher Gänsehirten. Die Übergriffe des gefräßigen Federviehs auf Wiesen und Feldern war nämlich ständig Anlass für Ärger und Bestrafungen. In Krum und anderen Orten überließ man gewöhnlich den Dorfarmen sowie Kindern das Hüten des Federviehs.

Der Gänsehüter musste pfeifend durch das Dorf gehen und den Austrieb kundtun. Jeder Bürger war verpflichtet, seine Gänse und Enten treiben zu lassen, oder die hierfür festgesetzte Abgabe zu leisten. Zusätzlich durften die Hüter an Kirchweih Kuchen einsammeln und an Neujahr eine Naturalgabe oder 50 Pfennige.

Noch 1949 stellte die Gemeinde Horhausen einen Gänsehirten an. Und noch 1953 erließ der Zeiler Stadtrat eine Anordnung, nach der das Auslaufen lassen von Gänsen in der Stadt verboten ist. Mit Hilfe eines Totozuschusses errichtete 1960 Wonfurt einen Zaun um den Fußballplatz. „Der Sportplatz ist kein Gänseanger“, titelte die Heimatzeitung.

Fuchs du hast die Gans gestohlen…

In Zeiten der Not blühte der Diebstahl. So wurden im Steigerwald Hühner, Gänse und Enten aus Ställen gestohlen. Relativ glimpflich bestrafte man 1736 eine Gänsediebin in Eltmann. Sie wurde dazu verurteilt, die gestohlene Gans durch die Straßen zu tragen und sich mit ihr vor das Rathaus zu stellen. Die schnatternde Gans sorgte dafür, dass recht viele Eltmanner auf die Übeltäterin aufmerksam wurden.

Seltsam mutet eine Verordnung aus Schmachtenberg von 1827 an. Sie sah vor, dass Besitzer von Gänsen, die einen Schaden verursachten, beim ersten Mal mit drei und beim zweiten Mal mit sechs Kreuzern Strafe belegt werden. Bei der dritten Übertretung sollten die gefräßigen „Gänsevögel“ totgeschlagen werden.

Leckeres Getreide

Ähnlich wie heute die Wildgänse in Sand, fielen in den 1950er Jahren normale Hausgänse aus Limbach über die Getreidefelder in Steinbach her. Nachdem sie in den Main getrieben worden waren, schwammen sie gerne an das andere Ufer zu den Getreidefeldern. Die Steinbacher reagierten aber darauf und nahmen die Übeltäter in Gewahrsam, bis die Limbacher schließlich den Schadenersatz zahlten.

1946 fuhr ein junger Mann aus Schweinfurt an einem Sonntag mit dem „Hofheimerle“ um etwas Essbares zu ergattern. Bei Junkersdorf entdeckte er neben der Strecke grasende Gänse und Enten. Fast alle Einwohner waren in der Kirche. Das hungrige Bürschchen sah nirgendwo eine Menschenseele und drehte zwei Gelbschnäbeln den Hals um.

Der Städter hatte aber nicht berücksichtigt, dass das restliche Federvieh jetzt ein kräftiges Geschnatter von sich gab. Ein nicht so eifriger Kirchgänger hörte den Lärm und sah den Frevler bei seinem Tun. Bei der Rückkunft zur Haltestelle nahm er den Räuber fest. Just als er den Übeltäter durchs Dorf führte, kamen die Junkersdorfer aus der Kirche und hätten den Übeltäter beinahe verprügelt, bevor der Gendarm aus Königsberg ihn abholte.

Dreimal so viel Gänse wie Menschen

Bei einer Erhebung im Oktober 1941 wurden in 300 Haushaltungen der Stadt Zeil 1383 Gänse und Enten gezählt. Die Federviehhaltung war nicht nur auf die „kleinen Leute“ beschränkt, es schnatterten im Pfarrhof beim Geistlichen Rat Rüdenauer Gänse und Enten wie beim Regierungsrat Jackel, Hauptlehrer Alfred Becher oder Bürgermeister Martin Weinig. 1956 waren im alten Landkreis Haßfurt rund 7000 Gänse und 1700 Enten gemeldet.

Mit Teer an den Füßchen

Übrigens: Heute kommen Weihnachtsgänse, tiefgefroren, fast ausschließlich aus Polen und Ungarn. Es gab Zeiten, wo man sie von Riedbach aus nach Thüringen zum Verkauf trieben. Altbürgermeister Theo Diem wusste noch, dass die Bauern die Füße der Gänse mit Teer einschmierten, damit sie die Strecke bewältigen konnten.