Vortrag
Muslime sind keine Randerscheinung mehr
Von links: Ayse Coskun-Sahin, Landrat Wilhelm Schneider und Siza Zaby
Von links: Ayse Coskun-Sahin, Landrat Wilhelm Schneider und Siza Zaby
Foto: Wolfgang Aull
LKR Haßberge – Während eines Vortrags gab eine Referentin der Islamberatung Bayern Einblicke in muslimische Lebenswelten.

„Muslimische Lebenswelten zwischen Politik, Teilhabe und Engagement“ lautete das Thema einer Fachveranstaltung im Landratsamt Haßberge. Eingeladen waren Akteure, die im Rahmen der Bildungsregion, der Migrationsarbeit und der Kommunalpolitik aktiv sind. Referentin war Ayse Coskun-Sahin von der Islamberatung Bayern.

Keine Randerscheinung mehr

„Im Landkreis Haßberge sind Muslime seit den Fluchtereignissen der letzten Jahre keine Randerscheinung mehr. Daher gewinnt das Thema islamische Lebenswelt auch in unserem ländlichen Bereich zunehmend an Bedeutung“, sagte Landrat Wilhelm Schneider in seinem Grußwort. An den bayerischen Schulen soll ab dem kommenden Schuljahr möglichst flächendeckend islamischer Religionsunterricht, oder ersatzweise ein daran angelehnter weltanschaulicher Unterricht eingeführt werden.

Das Thema interkulturelle Lebenswelten sei ein zeitloses, aktuelles Thema, erklärte der Landrat weiter. Er erinnerte an Friedrich Rückert, der von 1820 bis 1826 vornehmlich in Ebern und in Coburg lebte. Während dieser Zeit beschäftigte er sich unter anderem mit Teilübersetzungen des Koran und mit arabischer Literatur. Rückert hatte eine Vision: Er wollte, dass sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen verstehen lernen. Seine Idee: Wenn Menschen die Gedichte anderer Völker lesen, dann bekommen sie einen Zugang zu deren Lebensgefühl.

5,6 Millionen Moslems

Coskun-Sahin gab in ihrem Vortrag einen Ein- und Überblick über den Islam und über muslimisch geprägte Lebenswelten. Mit Beispielen von Initiativen und Projekten, die muslimische Bürgern gründeten, zeigte sie die vielfältigen Engagementbereiche der muslimischen Zivilgesellschaft in Bayern und ganz Deutschland auf.

In Deutschland leben rund 5,6 Millionen Muslime. Dies entspricht einem Anteil von 6,4 bis 6,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung. 47 Prozent davon sind deutsche Staatsbürger. Die Referentin betonte, „dass Integrationsprozesse zu einem begrenzten Maße durch die Religionszugehörigkeit beeinflusst werden. Für das Erlernen der deutschen Sprache, den Zugang zum Arbeitsmarkt und die generelle Verbundenheit, hätten jedoch der soziale Status sowie die individuelle Migrationsbiographie einer Person eine erheblich größere Relevanz. „Vor allem junge Menschen, die sich als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft verstehen, engagieren sich in verschiedenen bürgerlichen Bereichen, sei es die Musik, die bildende Kunst, im sozialen Bereich, in der Wohlfahrt und in der Jugendarbeit“, informierte Coskun-Sahin und ergänzte: „Sie sind politisch aktiv und werden dabei immer sicht- und hörbarer.“ Für die meisten stehe dabei nicht ihr Glaube im Vordergrund. Ihre Religionszugehörigkeit sei lediglich ein Aspekt, ein Merkmal ihrer Identität und ihres Lebens. Den einen Islam oder die Muslime per se gebe es ohnehin nicht.

Landkreis ist kein Brennpunkt

„Die Integration ist in Bezug auf Teilhabe und Engagement auf einem guten Weg“, sagte die Referentin. Genauso erlebe es auch Siza Zaby. Sie ist die hauptamtliche Integrationslotsin des Landkreises Haßberge und betont: „Unser Landkreis ist kein Brennpunkt, in dem es Probleme beim Zusammentreffen der Kulturen gibt.“ Die Integration im Arbeitsleben mache gute Fortschritte. Mit Freude und Zuversicht sei das Engagement vieler junger Zugewanderter in Schulen und in Dorfgemeinschaften zu beobachten. Besonders der Sport habe sich als herausragendes Mittel zur Integration bewährt.

Dennoch mahnt Siza Zaby weiterhin zu Geduld: „Es ist ein großer Unterschied, ob man zugewandert oder hier geboren ist.“ red

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: