Erfolgsgeschichte
Von der Armut zum großen Aufstieg
Henry Morgenthau junior stehend und senior rechts sitzend 1939 bei einer Veranstaltung. Ihre Wurzeln liegen in Gleusdorf.
Henry Morgenthau junior stehend und senior rechts sitzend 1939 bei einer Veranstaltung. Ihre Wurzeln liegen in Gleusdorf.
Foto: Rudi Tangermann
Gleusdorf – Den Morgenthaus gelang ein bemerkenswerter und ungeahnter sozialer Aufstieg. Der Weg dorthin war jedoch weder leicht noch kurz.

Mehr als 400 Jahre haben Juden und Christen in Gleusdorf zusammengelebt. Eine berühmte jüdische Familie stammt von hier. 1773 wurde Moses Morgenthau in Gleusdorf geboren und starb 1834 hier. Er und seine Frau Babette sowie eine Tochter sind auf dem jüdischen Friedhof in Ebern begraben. Seine Nachfahren emigrierten nach Amerika und wurden dort zu einer der führenden „politischen Dynastien“.

Wanderjahre durch Franken und Hessen

Moses’ Sohn Lazarus, der nach Amerika auswanderte, verfasste 1842 mit 27 Jahren seine „Lebensgeschichte“. Sie gibt dem Leser einen ungewöhnlichen Einblick auch in seine Jahre in Gleusdorf. Moses, der Vater, war der jüngste von fünf Brüdern. Er verließ Gleusdorf 1789 und suchte eine Anstellung als jüdischer Vorsänger, Schächter und Religionslehrer. Es folgten Wanderjahre durch Franken und Hessen. 1808 heiratete er seine Frau Brunhilde. In Kleinwallstadt bei Aschaffenburg wurde 1815 das dritte Kind Lazarus geboren.

1813 gewährte das Königreich Bayern in einem Emanzipationsedikt den Juden Freiheiten. So durften sie nun ein Handwerk erlernen und Grundbesitz erwerben. Jede jüdische Familie musste einen Familiennamen annehmen. Moses wählte wohl erst jetzt den Nachnamen Morgenthau. Gleichzeitig wurde ein Matrikelsystem eingeführt, das für jeden Ort nur wenige jüdische Familien zuließ und die Freizügigkeit der Juden sehr einschränkte. Für Gleusdorf wurden acht Matrikel vergeben, das heißt, nur maximal acht Familien konnten sich dort niederlassen. Das Matrikelsystem wurde erst 1861 aufgehoben.

Rückkehr nach Gleusdorf

Die Familie war immer auf der Suche nach einer Bleibe- und Arbeitsmöglichkeit. 1823 wurde sie aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt als „Ausländer“ ausgewiesen und musste in ihren Herkunftsort zurückkehren. Reisen war da noch sehr beschwerlich. Nach tagelanger Fahrt auf einem offenen Wagen kommt die Familie in Gleusdorf an. Die dort noch wohnenden Verwandten namens Hermann verschließen ihre Türen und geben keine Unterstützung. Der Bürgermeister weist ihnen schließlich eine Wohnung zu. Der Vater findet erst keine Stelle, die die Familie ernähren kann. Die Familie verarmt. So kommt der Vater auf die Idee, seine musikalischen Kinder als Sänger in jüdischen Gemeinden und Haushalten Geld verdienen zu lassen.

Lazarus beschreibt in seiner Lebensgeschichte, wie er, knapp zehn Jahre, mit seinen beiden älteren Brüdern allein in Franken unterwegs ist, oft wochenlang, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Er beschreibt, dass die Buben umso schneller laufen, je näher sie auf dem Rückweg dem Elternhaus kommen – jeder will mit einem Mitbringsel als Erster zu Hause ankommen. „Ich und mein Bruder Bernhard haben dadurch das Laufen gelernt…. (so schnell) dass jeder von uns von Bamberg nach Kleisdorf (Gleusdorf) in zwei und ein halb Stunden gelaufen ist, welches vier Stunden war.“ Wieder daheim, verdienen sie Geld durch Holzmachen, auf Bauernhöfen und sogar durch Betteln. Für die Schule bleibt keine Zeit.

Vom Krawattenhandel zur Zigarrenproduktion

Lazarus macht eine Schneiderlehre und geht dann zu seinem Bruder nach Hürben, wo er als Schneider arbeitet. Er erkennt, dass er als angestellter Schneider nie aus der Armut herauskommen wird. Bald entdeckt er eine echte Marktlücke: Er fängt an, aus alten Seidenstoffen Krawatten zu nähen, und vermarktet sie höchst erfolgreich auf den Märkten des Südens, später auch auf den großen Handelsmessen. Sein Krawattenhandel wächst, so dass er Näherinnen einstellt. Erfolgreich geworden heiratet er 1843 Babette Guggenheim in Hürben, mit der er 13 Kinder haben wird. Sein Unternehmergeist treibt ihn über Speyer und Ludwigshafen bis nach Mannheim – wo er, scheinbar fast nahtlos, zur Zigarrenproduktion überwechselt.

Der Anstoß dazu mag von seinem jüngeren Bruder Mengo gekommen sein. Mengo war schon nach Amerika ausgewandert und hatte im kalifornischen Goldrausch schnell viel Geld verdient; er, der „Goldonkel“, schlägt vor, mit dem in der Pfalz reichlich vorhandenen Tabak hochwertige Zigarren zu produzieren und sie in Amerika günstig zu verkaufen.

Neuanfang in Amerika

Der Plan geht auf. Lazarus und zwei seiner Brüder bauen ein erfolgreiches transatlantisches Tabak- und Zigarrengeschäft auf („Morgenthau Brothers“). Mehr als 1000 Beschäftigte arbeiten für sie. Die Familie lebt nicht nur in großem Wohlstand, sondern durchläuft einen ungeahnten sozialen Aufstieg. Selbst der Großherzog Friedrich I. von Baden-Mannheim beehrt die Fabrik und die Familie mit seinem Besuch. Bald gerät das Unternehmen allerdings in ernsthafte Schwierigkeiten, als nämlich in Amerika plötzlich hohe Zölle auf Tabakimporte erhoben werden. Nach erheblichen Verlusten fasst Lazarus 1866 einen großen Entschluss: Die ganze Familie will einen neuen Anfang in Amerika machen.

Obwohl Lazarus dort schnell ein angesehener Mann wird und ein großes Haus in bester Lage erwirbt, kann er nicht mehr an seine beruflichen Erfolge anknüpfen. Mit der Zeit wird das Zusammenleben mit dem zunehmend jähzornigen Mann immer schwieriger, und seine Frau lebt bald getrennt von ihm. Lazarus Morgenthau stirbt 1897.

Kometenhafter Aufstieg

Für einige seiner Nachkommen gibt es einen kometenhaften Aufstieg. Lazarus’ Sohn, Henry Morgenthau senior, noch in Mannheim geboren, kommt als Neunjähriger nach New York. Nach dem Besuch von sehr guten Universitäten lernt er Woodrow Wilson kennen. Der spätere Präsident schickt ihn 1913 als US-Botschafter beim Osmanischen Reich nach Konstantinopel. Morgenthau wird Zeitzeuge des bis heute von der türkischen Regierung geleugneten Völkermords an den Armeniern. Sein Sohn Henry Morgenthau junior, 1891 in New York geboren, studiert Landwirtschaft.

Schon bald hilft er Franklin Delano Roosevelt im Wahlkampf. Nach Roosevelts Wahlsieg wird Henry Morgenthau junior als erster Amerikaner jüdischer Herkunft Finanzminister. Morgenthau ist betroffen von den Nachrichten über den NS-Massenmord an den Juden. Er verfasst ein Memorandum, den „Morgenthau-Plan“. Danach sollte Deutschland zunächst entmilitarisiert werden und die Großindustrie, die den Angriffskrieg der Nazis durch Aufrüstung erst möglich gemacht hatte, abbauen. Im Angesicht der furchtbaren Verbrechen der Nazis war seine Botschaft an die Tätergeneration, dass Völkermord und Aggressionskrieg nicht ungesühnt bleiben dürften. Auch wollte er so den Kalten Krieg verhindern. In den 40er Jahren wurde er als „jüdischer Racheengel“ betrachtet, der Deutschland zu einem Agrarstaat machen wollte.