Impfkapazitäten
Ärzte fordern vom Landkreis Entlastung
Mit bei der Diskussionsrunde der Ärztevereinigung (von links):  Thomas Bolibruch, Vorsitzender  Arman Behdjati-Lindner,  Diethelm Schorscher, Christina Bendig, Bürgermeister Jürgen Hennemann, Ebern.
Mit bei der Diskussionsrunde der Ärztevereinigung (von links): Thomas Bolibruch, Vorsitzender Arman Behdjati-Lindner, Diethelm Schorscher, Christina Bendig, Bürgermeister Jürgen Hennemann, Ebern.
Foto: Helmut Will
Ebern – Der Kreis soll Corona-Beratung und Terminabsprache für Impfung in Praxen am Wochenende übernehmen. Tests nur noch in Wonfurt. Was geht wirklich?

Die Mediziner im Ärzteverein Haßberge trafen sich mit Bürgermeistern und Landrat zu einem Krisengespräch in Ebern angesichts der explosionsartigen Ausbreitung des Virus.

Ärztevereins-Vorsitzender, der Haßfurter Kinderarzt, Arman Behdjati-Lindner, erinnerte, dass es bis Juli nur insgesamt 77 000 Impfungen gab. Viel zu wenig. Mit dabei waren die Bürgermeister von Ebern und Knetzgau, ferner Landrat Wilhelm Schneider (CSU) und André Kuhn, Leiter der Verwaltungsgruppe Impfzentrum.

Arman Behdjati-Lindner sagte: „Wir brauchen einen gemeinsamen Kraftakt.“ Die Krankenhäuser liefen voll, Krankenhauseinweisungen würden schwierig und teilweise aus Kapazitätsgründen unmöglich. Der Rettungsdienst müsse teils erheblich längere Fahrzeiten an entferntere Häuser absolvieren, daher seien die Rettungskräfte weniger verfügbar. „Ich habe Angst, dass das im Februar und März noch schlimmer wird“, sagte der Vorsitzende.

Die Ärzte haben in der momentan intensiven Erkältungs- und Krankheitswelle nicht nur sehr viele Patienten zu versorgen, Covid-Abstriche und Impfungen kommen dazu. Fazit: „Das Alltagsgeschäft muss aufrecht erhalten werden, und wir müssen die Covid-19-Impfungen vorantreiben, um nach Möglichkeit die derzeitige Welle zu brechen. Jeder Tag, den wir verlieren, verschlimmert die Lage“, sagte Behdjati-Lindner.

Landrat Schneider sah das ebenso. Es habe ihn sehr geschmerzt, dass das BRK nicht den Zuschlag erhalten hat, das Impfzentrum weiter zu betreiben. „Wir sind dabei, ein neues Impfzentrum auszuschreiben.“ Etwa drei Wochen dauere das, bis es „hochgefahren“ sei.

„Wir haben keine Zeit“

„Wie soll das alles passieren? Die Organisation ist aufwändig. Dezentrale Aktionen werden angeboten, die einen enormen planerischen Aufwand bedeuten und: Wir haben keine Zeit“, sagte Christina Bendig, Impfärztin beim ehemaligen Impfzentrum in Hofheim. Erschwerend kommen Terminvereinbarung und Dokumentation hinzu. „Der Betrieb des Impfzentrums ist ungenügend, es muss dringend erweitert werden. Der frühe Abbau der Impfzentren in Hofheim und Zeil war ein politischer Fehler, verstärkt durch den ungünstigen Betreiberwechsel“, sagte Bendig. Der Landrat erklärte, dies sei nicht aus freien Stücken geschehen, er habe sich an politische Vorgaben halten müssen.

Die Haftungsfrage

Bürgermeister Stefan Paulus aus Knetzgau stieß eine rege Diskussion an, als er fragte, wer hafte, wenn die Gemeinde Impftermine mit Ärzten (auch im Ruhestand) organisiere. Ein Arzt muss sich „als selbstständiger Unternehmer“ versichern hieß es.

Paulus und Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann kritisierten diese bürokratischen Hemmnisse. Hennemann: „Haben wir genügend ärztliches Personal und genügend Impfstoffe?“ Vom Impfzentrum Zeil gebe es einen Pool von etwa 60 Ärzten, sagte Arman Behdjati-Lindner. Boosterimpfungen brauche es 700 am Tag. Diethelm Schorscher (Pfarrweisach) forderte, Impfzentren in Hofheim und Zeil schnell wieder hochzufahren. Demgegenüber pochte der Landrat darauf, dass man sich an die „Spielregeln“ halten müsse.

Die Ärztevereinigung drängte auf erhebliche Ausweitung der Kapazitäten – schnellstens. Die Teststrecke Wonfurt müsse erweitern und die Last der Abstriche übernehmen. So würden ambulant Kapazitäten frei. Weiter sei eine personelle Aufstockung des Bürgertelefons und anderer Informationsmöglichkeiten wichtig, um den Druck von den Arztpraxen zu nehmen.

Lesen Sie auch

Gefordert wurden „Hybridstrukturen“. Etwa um an Wochenenden Impfungen in Arztpraxen zu ermöglichen, wobei im Landratsamt die Termine gemacht werden müssten. Gefordert wurde ferner, kreisweit zu überlegen, wie man wenig informierte und wenig geimpfte Gruppen erreicht.

Impfstoffe sind nicht limitiert

Zu den Impfstoffen sagte Andrè Kuhn, Bestellungen dauerten eine Woche. „Impfstoffe sind bisher in keiner Weise limitiert, wir können an die Gemeinden ausliefern. Wir hoffen auf Unterstützung durch die Bundeswehr … und somit auf eine Entlastung unseres Personals“, so Kuhn. Erneut betont wurde die Wichtigkeit der Terminabsprache.

Jedenfalls sind die Arztpraxen teils an ihren Grenzen – und darüber. Schorscher: Ein Bürgertelefon muss entlasten, „sonst ist keine normale Praxisarbeit mehr möglich.“ Das forderte auch Thomas Bolibruch (Ebern). Wilhelm Schneider sicherte zu, das Bürgertelefon hochzufahren.

Start am 12. Dezember

Das neue Impfzentrum soll wohl zum 12. Dezember starten, sagte Andrè Kuhn: Kapazität 180 Impfungen pro Tag. Landrat Schneider ergänzte, „nach dem Gespräch heute“ werde man sich bemühen, mehr Impfungen pro Tag zu erreichen.

Die Bürgermeister Hennemann und Paulus schlugen vor, in den Gemeinden nicht nur sonntags, sondern von Freitag bis Sonntag Impfen anzubieten. „Wir sollten es probieren“, so der Landrat.

 

Ärzteverein Haßberge Er ging aus dem Bereitschaftspraxisverein Haßberge  hervor, nachdem die Organisation des ärztlichen Bereitschaftsdienstes   durch die KV übernommen wurde.

Stimme der Ärzte Die Mitglieder waren sich einig,  die Organisation weiter zu nutzen, um in Entscheidungsprozessen „Stimmengewalt“ zu  haben.  Vorsitzender ist  Arman Behdjati-Lindner, Zweiter  Vorsitzender  Thomas Bolibruch, Kassiererin Christina Bendig, Schriftführer  Martin Luckhardt, Beisitzer  Diethelm Schorscher. Es gibt  34 aktive Mitglieder. 

status quo Aktuell gibt es im Kreis 53 017 vollständig Geimpfte, davon zwei Drittel in Impfzentren, ein Drittel  in Praxen. Boosterimpfungen gab es  3685, davon ein Drittel im Impfzentrum/Mobil, zwei Drittel in Praxen. hw

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: