60 Jahre Mauerbau
Bei Nacht und Nebel und im Schnapsdunst
Das idyllische Foto des Grenzschützers Reinhold Albert trügt. Zwischen Käßlitz und Eckartshause lag der Todesstreifen.
Das idyllische Foto des Grenzschützers Reinhold Albert trügt. Zwischen Käßlitz und Eckartshause lag der Todesstreifen.
Foto: dpa Archiv
LKR Haßberge – Ludwig Leisentritt, der frühere Zeiler Stadtrat und Ehrenbürger, berichtet über die Mauer und spektakuläre Geschichten aus Dürrenried.

Fritz Klemm schildert ein Husarenstück, das sich die Dürrenrieder trotz der beidseitigen Grenzüberwachung leisteten. Die im sowjetischen Sektor lebenden Käßlitzer benötigten dringend eine Dreschmaschine. Doch in der gesamten Zone war kein solches Gerät aufzutreiben.

Deshalb beschafften die Nachbarn in Dürrenried aus dem Erlös eines Holzeinschlages im Käßlitzer Wald, der jedoch zur Westzone gehörte, eine neue Dreschmaschine. Im Schutz des Morgennebels fuhren sie die Maschine über die Grenze nach Käßlitz.

Dass sie das unbemerkt tun konnten ist auf eine List der Dürrenrieder zurückzuführen. Am Abend zuvor hatten sie nämlich die Grenzer – was damals noch möglich war – zu einer ausgiebigen Feier bei Dürrenrieder Schnaps eingeladen.

Die Gemeinde Maroldsweisach bekam als einzige im Landkreis Haßberge die perfektionierte Grenzsperre auf einer Strecke von 15 Kilometern direkt zu spüren. Die Anlagen unterbrachen die Gemeindeverbindung zwischen Ermershausen und Schweikershausen, die alte Landstraße von Allertshausen nach Hellingen und weiter nach Heldburg sowie den Ortsverbindungsweg von Dürrenried nach Käßlitz.

Die Grenze war – wie eine Zeitung titelte – zum „Trennungsstrich zweier Welten“ geworden. Ein Lebensnerv des ehemaligen Landkreises Ebern war abgeklemmt. Das machte bei der Landwirtschaft und dem Gewerbe bedeutende Umstellungen notwendig. Das Thüringer Land war bis zur Teilung ein bedeutender Abnehmer der im Landkreis Ebern produzierten Erzeugnisse gewesen.

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„Wir wissen, dass drüben große Not herrscht, und wir möchten gern von unserem Überschuss nach drüben liefern“, sagte ein Landwirt. Noch immer lag ein Großteil seiner Bankguthaben drüben in Hildburghausen. Die Brauereien im Grenzgebiet hatten ihre Hauptabsatzgebiete in Thüringen. Wegen der Grenzsituation wagte kaum ein Unternehmer, in diesem Bereich zu investieren.

Schattendasein „Maroldsweisach an der toten Grenze“, überschrieb 1954 ein Journalist eine Reportage, wobei er darauf hinwies, dass diese Gemeinde immer mehr ein „Schattendasein“ führt. Die Einwohnerzahl ging zurück. Viele Heimatvertriebene, die nach 1945 nach „Maro“ gekommen waren, wanderten weg, weil sie hier keine Existenz finden konnten.

Die Marktgemeinde war einmal für viele Thüringer Gemeinden Bahnstation gewesen. Jährlich wurden etwa 1500 Festmeter Holz aus dem Gebiet um Hellingen mit der Maro-Bahn transportiert. Allwöchentlich haben viele Menschen in der Zeilberggemeinde ihre Einkäufe getätigt.

Man arrangierte sich notgedrungen mit der Lage am Ende der Welt und konnte sich schon bald nicht mehr recht vorstellen, wie es wohl sein würde, wenn das Hinterland im Osten wieder erreichbar sein würde.

Schon 1955 sinnierte der damalige Bürgermeister Ebert darüber, welche Probleme eines Tages der Wegfall der Zonengrenze bringen werde. Zu diesem Zeitpunkt waren die 20 Familien des Zollgrenzschutzes und der Grenzpolizei eine wichtige Stütze von Handel und Gewerbe in Maroldsweisach. Ebert fürchtete weiters, dass zahlreiche Flüchtlinge in die ostdeutsche Heimat zurückkehren und ihr Geld dort ausgeben würden.

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