Aktionstag
Tiefe Einblicke in alte Bauten
Die Synagoge in Gleusdorf steht am Sonntag allen Interessenten zum Besuch offen.
Die Synagoge in Gleusdorf steht am Sonntag allen Interessenten zum Besuch offen.
Foto: Förderverein Synagoge Memmelsdorf/Pia Bayer
LKR Haßberge – Am Sonntag bieten sich im Landkreis exklusive Einblicke in bedeutende Gemäuer. Warum ein Lernort in Gleusdorf besondere Aufmerksamkeit verdient.

Im Bereich Fremdenverkehr ist der Landkreis Haßberge noch immer Entwicklungsland. Susanne Volkheimer, die Geschäftsführerin des Vereins Haßberge-Tourismus spricht lieber von einem „Geheimtipp“. Denn tatsächlich zeichneten sich trotz oder gerade wegen Corona positive Entwicklungen ab. „Es wird deutlich, dass Gäste länger in unserer Region verweilen. Die Übernachtungszahlen haben sich im Vergleich zu den vergangenen Jahren positiv entwickelt“, sagt Volkheimer.

Mit Hotspots wie den Domstädten Bamberg und Würzburg oder Urlaubszielen wie Rhön, Fichtelgebirge, Frankenwald und Fränkischer Schweiz kann die Region aber nicht mithalten. Volkheimer: „Ganz so bekannt sind wir noch nicht. Aber das Angebot an Gästebetten wurde ausgebaut und Corona hat Dynamik reingebracht: Vor allem weil viele Leute zurzeit nicht gerade in die Hotspots wollen“.

Schließlich kann die Gegend am nordöstlichen Zipfel Unterfrankens mit relativ unberührter Landschaft für Wanderer und Radurlauber punkten, mit idyllischen Fachwerkorten und einer Fülle an sehenswerten Kirchen, Burgen und Schlössern. Diese Reize wollen nur erst mal entdeckt werden.

Einmal im Jahr bietet der „Tag des offenen Denkmals“ Gelegenheit, diese Schätze bei einer bundesweit beworbenen Veranstaltung zu präsentieren. Laut Deutscher Stiftung Denkmalschutz nutzen jeweils Millionen von Besuchern die Gelegenheit, an diesem Aktionstag hinter Denkmalfassaden und sonst verschlossene Kulissen zu blicken.

Corona hatte die Denkmalpfleger und -eigentümer im vergangenen Jahr dazu gezwungen, eine virtuelle Veranstaltung zu inszenieren. Umso mehr hofft man am morgigen Sonntag, 12. September, auf großes Interesse, wenn die Denkmäler wieder „real“ besichtigt werden können.

Neuer Lernort

Auf besonderes Interesse dürfte im Landkreis Haßberge das Informationszentrum für die Orts- und jüdische Geschichte stoßen, zu dem die ehemalige Synagoge Gleusdorf (Dorfstraße 3a) umgebaut wurde. Sie hat am Denkmaltag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Im Jahr 1857 hatte die jüdische Gemeinde Gleusdorf mit Hilfe von Spendengeldern diese neue Synagoge im heutigen Gemeindeteil von Untermerzbach errichtet. Als 1909 die letzte jüdische Familie das Dorf verließ, erlosch auch die Kultusgemeinde. Das Gebäude fiel an die jüdische Gemeinde Memmelsdorf, die es kurz darauf unter Auflagen weiterverkaufte. Als Lager und Scheune genutzt überstand die Synagoge die NS-Zeit sowie die folgenden Jahrzehnte.

In jüngster Vergangenheit erwarb die politische Gemeinde das Gebäude und ließ die dortigen Spuren der Vergangenheit behutsam freilegen und konservieren. Das Gebäude erzählt seine Geschichte und die der jüdischen Gemeinde.

Spuren der Geschichte

Am Denkmaltag stehen Mitglieder des Fördervereins Synagoge Memmelsdorf, der die Betreuung übernommen hat, den Besuchern Rede und Antwort und zeigen die Spuren der unterschiedlichen Nutzungsphasen. „Sie sollen zu Fragen anregen“, erläutert Iris Wild, die Vorsitzende des Fördervereins.

Ihr Lieblingsdetail im einstigen Gebetsraum ist ein Beispiel dafür: „In Gleusdorf mag ich am liebsten die unscheinbare Stelle an der Innenseite des jetzigen Eingangs. Rechts oberhalb der Tür sieht es aus, als hätte man eine Lücke im abbröckelnden Putz zugespachtelt. Sehr wahrscheinlich war an dieser Stelle das Trenngitter zum Frauenabteil in der Wand verankert. So weist diese Stelle auf die frühere Ausstattung des Raumes hin.“

Der Verein will neben Führungen auch Veranstaltungen anbieten. „Da der Raum in Gleusdorf noch kleiner ist als in Memmelsdorf werden es sicher andere Angebote sein“, meint Will. „Mal sehen, was uns einfällt.“

„Wieder Teil des Ortsgeschehens“

Der Fokus der Schautafeln liegt auf dem Zusammenleben von Christen und Juden in einem Dorf, zeigt Erwerbszweige und -chancen auf und dokumentiert Schulbildung, Emigration und Verkauf der Synagoge. Die Informationstafeln sind ganzjährig frei zugänglich.

Iris Wild und Bürgermeister Helmut Dietz berichten über regen Zuspruch, seit der „Lernort“ im Juni der Öffentlichkeit übergeben wurde. Der Bürgermeister belegt dies anhand der zahlreichen Flyer und Informationsbroschüren, die seither Abnehmer fanden.

„Sowohl Besucher als auch die Gleusdorfer entdecken das Gebäude für sich und die Synagoge wird wieder Teil des Ortsgeschehens sein“, sagt Wild. „Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Synagoge eingebettet in die Ortsgeschichte erzählt wird.“

Mehr Infos bietet die Homepage geschichtspfad-synagogen-memmelsdorf-gleusdorf.de.

Weitere Stationen

Natürlich können am Tag des offenen Denkmals weitere Sehenswürdigkeiten besichtigt werden, etwa die Burgruine Raueneck auf dem 431 Meter hohen Haubeberg bei Vorbach. Um 10 Uhr startet eine Familienwanderung dorthin.

Etwa um 1180 erbaut, war die Burg bis ins 18. Jahrhundert würzburgischer Amtssitz. Die Ruinenmauern lassen noch deutlich die typische Spornanlage erkennen, die ein Graben nach Osten vom übrigen Bergrücken trennt.

Die Stadt Zeil hat auch in diesem Jahr anstelle einer Präsenzveranstaltung eine Online-Präsentation zum Motto „Sein und Schein“ auf ihre Website eingestellt, zu finden unter zeil-am-main.de/freizeit-kultur/sein-und-schein.

Mehr zum Denkmaltag

„Sein und Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“: Unter diesem Motto findet der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 12. September, statt. Die aktionen im Landkreis Haßberge und Informationen zum Dekmaltag allgemein gibt es auf der Internetseite der Deutschen Stiftung Denkmalschutz: tag-des-offenen-denkmals.de.