Atomkraft
Rückbau: Atomkraftwerk wird in Koffer gepackt
Bis 2033 soll der Rückbau des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld planmäßig noch dauern.
Bis 2033 soll der Rückbau des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld planmäßig noch dauern.
Foto: Anand Anders
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Grafenrheinfeld – Frankens stillgelegtes Kernkraftwerk Grafenrheinfeld wird in Einzelteile zerlegt. Für Laien sieht es im Innern nach Chaos aus.

Hinein geht es in das Herzstück des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld bei Schweinfurt, das Reaktorgebäude, in dessen Innern bis 2015 die atomare Kernspaltung stattgefunden hat. Der Weg führt durch eine Metallschleuse, an der Papierschnipsel kleben. Sie zeigen an, dass die leicht pfeifende Luft nach innen zieht und dafür sorgt, dass keine Partikel aus dem Sicherheitsbereich nach draußen geweht werden können.

Wo es im früheren Regelbetrieb des AKW in der Nähe von Schweinfurt aufgeräumt und sortiert ausgeschaut hat, sieht der Anblick jetzt nach Chaos aus: aufgeschnittene Rohrleitungen, umherstehende Bauteile, Container in verschiedensten Größen.

Streng geplante Prozesse und Abläufe

 

Doch es ist alles andere als Chaos, sondern der wohlgeordnete Rückbau des Atommeilers, der nach streng geplanten Prozessen und Abläufen vorangeht. Jedes Teil ist erfasst und dokumentiert. Was damit passiert, muss Betreiber Preussen-Elektra den Aufsichtsbehörden jederzeit lückenlos nachweisen können.

Mit ferngesteuerten Maschinen werden derzeit Teile im früheren Nasslager zerlegt – unter anderem der Reaktordruckbehälter.
Mit ferngesteuerten Maschinen werden derzeit Teile im früheren Nasslager zerlegt – unter anderem der Reaktordruckbehälter.
Foto: Anand Anders

Werksleiter Bernd Kaiser sagt zum Stand: Man sei im Zeitplan, derzeit zerlege man den Reaktordruckbehälter und das Umfeld des Herzstücks.

Kaiser deutet auf das Reaktorbecken, in dem sich früher die Brennelemente befanden. Dort werden gerade die Bodenplatten ausgebaut. Unter Wasser, damit möglichst keine Radioaktivität entweichen kann. Ferngesteuert von Maschinen und hochgehievt von einem Kran, dessen Aufbau alleine schon vier Monate gebraucht hat.

Fast im Zeitlupentempo wird eine Metallplatte aus dem Wasser gezogen. Damit keine Tropfen entstehen, die sich als Aerosole in der Luft verteilen könnten. Die Männer am Beckenrand tragen wasserabweisende Schutzkleidung. Und Schwimmwesten. Vorschrift!

Im ehemaligen Nasslager stehen auch runde „Konrad“-Container, die nach dem Befüllen später ins Endlager bei Salzgitter kommen sollen.
Im ehemaligen Nasslager stehen auch runde „Konrad“-Container, die nach dem Befüllen später ins Endlager bei Salzgitter kommen sollen.
Foto: Anand Anders

„Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagt Kaiser. Das ist an allen Ecken und Enden sichtbar. Will man bestimmte Areale betreten, müssen zusätzliche Überschuhe und Handschuhe angelegt und danach wieder fachmännisch abgelegt werden. „Am besten nichts anfassen.“

Ohnehin werden alle Personen, die den Sicherheitsbereich verlassen, mehrfach in speziellen Messanlagen mit dem Charme einer Campingdusche auf radioaktive Anhaftungen überprüft und die mitgeführten Dosimeter ausgewertet. Eines der wichtigen Ziele beim Rückbau des AKW ist es, keine Kontamination in Bereiche zu verschleppen, die frei sind von radioaktiven Stoffen.

Von außen ist nicht viel zu sehen.
Von außen ist nicht viel zu sehen.
Foto: Anand Anders

Die Mitarbeitenden in grünen Overalls sind die Strahlenschützer: Alleine 30 von ihnen sind im Sicherheitsbereich des Reaktorgebäudes unterwegs. „Bitte bleiben Sie hier nicht so lange stehen“, fordert einer in Grün den Chef, Pressesprecherin Evamaria König und das Besuchergrüppchen freundlich, aber bestimmt auf, als sie sich neben einer Rohrleitung unterhalten, die als Strahlenquelle definiert ist.

Alles wird zerkleinert und zersägt

Bis etwa 2033 soll der Rückbau des Werks laufen. Warum das so lange dauert und man derzeit auch von außen nichts davon sieht, erläutert Kaiser exemplarisch an einem Bauteil, das verschiedene Stationen durchlaufen muss, bevor es das Gelände verlassen darf. Die ausgebauten Teile kommen zunächst in das Sägezentrum, wo sie zerkleinert werden, damit sie in die Messanlagen passen. Etwa in der Größe eines Reisekoffers. Im Bauch des Reaktorgebäudes stapeln sich Kisten mit den fein säuberlich in Halbkreise zersägten Rohren des Primärkreislaufs. „Sie dürfen nicht schwerer als 500 Kilogramm sein“, erläutert der Werksleiter. Für mehr sind die Traggerüste nicht ausgelegt.

Werksleiter Bernd Kaiser erläutert die Beschriftung der Transportkisten, in die alle Teile des stillgelegten Atomkraftwerks nach ihrer Zerteilung verpackt werden. Die rote Plane bedeutet, dass der Inhalt noch weiter zerstückelt oder dekontaminiert...
Werksleiter Bernd Kaiser erläutert die Beschriftung der Transportkisten, in die alle Teile des stillgelegten Atomkraftwerks nach ihrer Zerteilung verpackt werden. Die rote Plane bedeutet, dass der Inhalt noch weiter zerstückelt oder dekontaminiert werden muss. Blaue Planen signalisieren, dass die Kiste zur Messung ansteht, um dann freigegeben zu werden.
Foto: Anand Anders

Nach dem Zerkleinern folgt die Dekontamination: Entweder im Nassverfahren mit 800 Bar Druck, um die Oberflächen zu säubern und die Lackierung zu entfernen. Geht dies nicht, müssen Mitarbeiter in der Trockendekontamination ran: Dabei werden die Stücke mit Metallkügelchen abgestrahlt. In schwerer Schutzausrüstung mit Sauerstoffzufuhr. Alleine der Helm wiegt über zwei Kilo. Ein Knochenjob. Maximal eine Stunde lang, dann müssen die Männer Pause machen.

Material wird wiederverwertet

Danach ist die Messung dran: Zunächst händisch auf der Oberfläche, dann wird diese gesamte Masse in der Freimessanlage nochmals auf Radioaktivität gecheckt. Alles, was weniger als zehn Mikrosievert pro Jahr an Strahlung abgibt, darf in den Verwertungskreislauf zurück.

„98 Prozent unseres Materials wird freigegeben“, sagt Kaiser. Alles andere wird gepresst und in Container verpackt, die zunächst im benachbarten Zwischenlager stehen werden. Erst wenn das Endlager in Schacht Konrad voraussichtlich 2027 öffnet, kann an einen Abtransport gedacht werden.

Sieht fast aus wie neu: Rohrteile nach der Dekontamination und dem Abtragen von Schutz- und Farbschichten.
Sieht fast aus wie neu: Rohrteile nach der Dekontamination und dem Abtragen von Schutz- und Farbschichten.
Foto: Anand Anders

Nach schier endlosen Auf- und Abstiegen im verwirrenden Treppendschungel der Reaktorkugel geht es wieder durch die Schleuse hinaus in Richtung Ausgang.

Bernd Kaiser ist mit dem Fortschritt der Arbeiten zufrieden und scheint selbst ein bisschen überrascht ob der Fülle an Aufgaben und Arbeitsschritten, die sich dort ballen. „Wir betreiben einen hohen Aufwand“, sagt Kaiser über das 1,3-Milliarden-Euro-Projekt. In jedem Fall hält er ihn für gerechtfertigt: „Auch wenn man von außen nichts sieht.“

(von Josef Schäfer) 

Mit solchen Anzügen schützen sich die Mitarbeiter, die in der Trockendekontamination Bauteile mit Metallkugeln beschießen, um radioaktive Partikel zu entfernen.
Mit solchen Anzügen schützen sich die Mitarbeiter, die in der Trockendekontamination Bauteile mit Metallkugeln beschießen, um radioaktive Partikel zu entfernen.
Foto: Anand Anders
Der Rückbau im AKW Grafenrheinfeld – Innenansicht im Reaktor.
Der Rückbau im AKW Grafenrheinfeld – Innenansicht im Reaktor.
Foto: Anand Anders
Die zentrale Halle des Reaktorgebäudes ist vollgestellt mit Kränen, Maschinen und Containern, die zum Rückbau des Kraftwerks nötig sind.
Die zentrale Halle des Reaktorgebäudes ist vollgestellt mit Kränen, Maschinen und Containern, die zum Rückbau des Kraftwerks nötig sind.
Foto: Anand Anders
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