Diebstahl oder nicht?
600 Euro Strafe für "Fast"-Diebstahl
Ein Rentnerehepaar saß auf der Anklagebank des Amtsgerichts Haßfurt – angeklagt des Diebstahls.
Ein Rentnerehepaar saß auf der Anklagebank des Amtsgerichts Haßfurt – angeklagt des Diebstahls.
Brigitte Krause
F-Signet von Manfred Wagner Fränkischer Tag
Haßfurt – Waren sie einfach nur schusselig? Ein Rentner-Ehepaar rettet sich mit einer fantasievollen Geschichte vor einer Bestrafung durch das Amtsgericht in Haßfurt.

Bei der jüngsten Verhandlung am Amtsgericht ging es um einen Diebstahl: War er geplant oder nicht? Jedenfalls rettete sich ein Renter-Ehepaar vor einer Bestrafung durch eine Geschichte, die den Richter zwar nicht überzeugte, aber immerhin zu einer Einstellung des Verfahrens bewegte – gegen eine Geldauflage von 600 Euro.

Kaminholz und Blumenerde lagen im Einkaufswagen des Rentner-Ehepaars

Bei einem Baumarktcenter in Haßfurt wurden vier Säcke Kaminholz und Blumenerde entwendet, wie die Staatsanwältin vortrug. Des Diebstahls angeklagt war ein älteres Ehepaar aus dem Maintal, sie 70 Jahre alt, ihr Mann ein Jahr älter.

Irgendwie wirkten die höflichen und aufgeräumten Senioren auf der Anklagebank des Haßfurter Gerichts deplatziert. Nach einer guten Stunde endete die Verhandlung nicht mit einer Verurteilung. Vielmehr wurde das Verfahren mit der Auflage eingestellt, dass die Rentner insgesamt 600 Euro bezahlen.

Am 8. März ging es zum Baumarkt

Was genau war geschehen? Es war der 8. März 2022 um die Mittagszeit. Der angeklagte Senior hat zu Hause eine kleine Werkstatt und repariert kleinere Defekte in Haus und Garten gerne mal selber. Da die Spüle in der Toilette undicht war, wollte er in dem Baumarkt einige Dichtungen besorgen.

Deshalb fuhr er mit seiner Frau zum Haßfurter Gewerbegebiet und parkte dort das Auto. Beide gingen zum Eingangsbereich und holten sich einen Einkaufswagen. Bevor sie in den eigentlichen Warenbereich kamen, fielen ihnen das Kaminholz und die Blumenerde auf. Sie nahmen jeweils zwei Gebinde und legten sie in ihrem Wagen ab.

Wegen Übelkeit aufs WC

Dann – so die Aussage des Angeklagten – sei ihm plötzlich übel geworden und er sei schnell zum naheliegenden WC des Geschäftes geeilt.

Diese Aussagen deckten sich mit dem, was eine Parkplatzwächterin gesehen hatte. Als der Mann zurückkam, war seine Frau mit dem Einkaufswagen bereits ein Stück weg. Angeblich hatte sie derweil einen emotionalen Anruf ihrer Tochter erhalten, der sie aufgewühlt hatte. Der Senior lief zu seiner Frau und beruhigte sie – dann ließen sie den Einkaufswagen mit den nicht bezahlten Waren einfach stehen und liefen in Richtung eines anderen nahen Marktes.

„Freiwilliger Rücktritt von einem Diebstahlsversuch“ nach deutschem Recht nicht strafbar

Machten sie das, weil sie dachten, von der Parkplatzwächterin beobachtet zu werden oder weil sie aufgeregt und durcheinander waren? Die Frage ließ sich nicht klären. Jedenfalls stand der Wagen mit dem Material nicht bei ihrem Auto und auch dessen Kofferraum war nicht geöffnet. Rechtsanwalt Alexander Wessel argumentierte, dass es sich höchstens um den „freiwilligen Rücktritt von einem Diebstahlsversuch“ handeln könne – und das ist nach deutschem Recht nicht strafbar.

Die beiden sind einschlägig vorbestraft, der Mann steht unter Bewährung

Das Gericht tat sich mit einer Einstellung des Verfahrens nicht leicht, weil die Senioren einschlägig vorbestraft sind. Der Mann steht gar unter laufender Bewährung. Von daher machte ihm der Vorsitzende eindringlich klar, dass er sich nicht mehr den kleinsten Fehltritt erlauben dürfe.

Im vorliegenden Fall hätte er den Einkaufswagen zurückschieben müssen, um klarzumachen, dass er keine Absicht habe, die Waren zu stehlen.

Richter: Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen

Nachdem aber auch die Staatsanwältin der Einstellung zustimmte, bedankte sich der Angeklagte überschwänglich.

Der Richter sprach von einem „Denkzettel“ und dass die Rentner mit einem blauen Auge davongekommen seien.

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