Fachwerk
Ein fränkisches Fachwerkjuwel
Ein besonderes Schmuckstück ist das Fachwerk des Eberner Rathauses. Die Fassade zum Marktplatz hin zieht die Blicke auf sich.
Ein besonderes Schmuckstück ist das Fachwerk des Eberner Rathauses. Die Fassade zum Marktplatz hin zieht die Blicke auf sich.
Foto: Christiane Tangermann
Ebern – Das Eberner Rathaus hat eine besondere Fassade und soll jetzt überregional für die Stadt werben.

Die Stadt Ebern ist seit diesem Jahr Mitglied im Verein Deutsche Fachwerkstädte. Ziel der Vereinigung ist es, eine Lobby für die Fachwerkarchitektur zu sein und zum Erhalt und zur wirtschaftlichen Revitalisierung der Innenstädte beizutragen. So will man anhand von ausgearbeiteten Touren möglichst viele Menschen zu Fuß, per Rad oder mit ihren Oldtimern durch die Fachwerkstädte führen, um auf diese Weise zur Wiederbelebung der Innenstädte beizutragen. Von 149 Mitgliedsorten bundesweit sind erst sieben in Bayern, aber der Trend ist steigend. In der nächsten Ausgabe der deutschlandweit erscheinenden "Fachwerk Information" wird sich Ebern als neues Mitglied des Vereins Deutsche Fachwerkstädte vorstellen. Das Eberner Rathaus, ein prachtvolles Beispiel fränkischer Fachwerkkunst, spielt dabei eine zentrale Rolle. Grund genug, sich mit dem Rathaus und seinem Fachwerk zu beschäftigen.

Aus dem 17. Jahrhundert

Wie kam es, dass in Ebern 1690 ein so großes und mit so viel wunderschönem Fachwerk geschmücktes Rathaus entstand? Seit der Stadtgründung im 14. Jahrhundert besaß Ebern das Recht, Märkte abzuhalten und eine Stadtmauer samt Wachtürmen zu errichten. Die Märkte bedeuteten beginnenden Wohlstand; Stadtmauern, Wachtürme und Stadttore bezeugten die Wehrfähigkeit und Wehrbereitschaft der Stadt. Der Bau eines prachtvollen Rathauses mitten in der Stadt war ein Prestigeprojekt, das den erreichten Wohlstand der Stadt repräsentieren wollte. Fast zeitgleich entstanden ähnliche prächtige Rathäuser anderswo in der Region, zum Beispiel in Staffelstein oder in Burgkunstadt.

Das zunehmend selbstbewusste städtische Bürgertum eiferte so den großen Bauten von Kirche und Adel nach. Da es dem Adel und der Kirche jedoch zunächst vorbehalten war, steinerne Gebäude zu errichten, wurden viele Rathäuser zunächst in Fachwerkbauweise errichtet. Aus Platzmangel reihte sich in Ebern das Rathaus in die bestehende Häuserzeile um den Marktplatz ein - anders als in den beiden anderen genannten Städten. Seit rund 400 Jahren überragt es nun alle Gebäude und prägt, kaum verändert, das Bild der Stadt Ebern.

Das erste Rathaus am Marktplatz war 1430 beim großen Brand völlig zerstört worden. 1604 erbaute Hans Schlachter den steinernen Unterbau des noch heute bestehenden Rathauses. Vielleicht sah das Rathaus aus, wie Dehio in seiner Kunstgeschichte beschreibt: Die Anlage der ältesten Rathäuser war überall gleichartig. Zweistöckiger Rechteckbau, der nichts als zwei Säle enthält, unten der Markt, oben ein Saal wechselnder Verwendung, Bürgersaal, Gerichtssaal, Festsaal für Tanz und Gelage. Nur dieser Unterbau, in dem sich der Markt abspielte, hielt den Kriegswirren des grausamen Dreißigjährigen Krieges stand. Doch das Leben ging weiter und es setzte in ganz Europa eine gewaltige Bautätigkeit ein. Carpe diem war das Motto der Zeit. Lebe den Tag - den Tod hatte man schon zu gut kennengelernt. Wie in Staffelstein und Burgkunstadt sollte auf dem steinernen Erdgeschoss ein neuer, schöner und markanter Fachwerkaufbau errichtet werden. Man wollte das Rathaus mit feinstem Zierfachwerk zu etwas ganz Besonderem machen.

Jedes der vier Geschosse wurde separat errichtet. Es schließt unten mit der Schwelle und oben mit einem Rahmen ab. Diese sogenannte Rähmbauweise ermöglicht es, die jeweils oberen Stockwerke durch sogenanntes Auskragen zu vergrößern. Am Eberner Rathaus liegt jedoch nur eine minimale Auskragung vor, das heißt, das jeweils höhere Fachwerkstockwerk ragt nur wenig über das jeweils untere hervor.

Verwirrende Vielfalt

Auf den ersten Blick kommt es dem Beobachter so vor, als sei die Fassade netzartig mit einer verwirrenden Vielfalt von Zierfachwerk überzogen. Aber bei genauerem Hinsehen erkennt man, mit welcher Genauigkeit die Zimmerleute gearbeitet haben. Die senkrechten Balken - auch Säulen genannt - sind im ersten Stock mit Schnitzereien verziert. Unter den vier großen Doppelfenstern sind die sogenannten Gefache (die rechteckigen Räume zwischen den Balken) mit Rauten auf Andreaskreuzen gestaltet. Die Form des Andreaskreuzes wird auf den Apostel Andreas, der als Märtyrer an so einem Kreuz gestorben ist, zurückgeführt. Die Kombination von An-dreaskreuz und Raute wird als durchkreuzte Raute bezeichnet und ist auch unter dem Begriff Bauernkreuz und Bauerntanz bekannt. Andreaskreuze kommen im neuzeitlichen Fachwerk sehr häufig vor. Sie können geschweift oder gerade, genast oder ungenast sein. Sie ist auch hier das am durchgängigsten vorkommende Muster. Teils ist hier die Raute geschweift, nach innen gebogen, teils ist sie nach außen, also konvex, gewölbt. Weiter oben am Rathaus findet man auch genaste Andreaskreuze. Genast bedeutet, dass Verdickungen auf dem Fachwerk, hier mit dekorativen Holznägeln, auch Zierköpfe genannt, das Fachwerk noch prächtiger gestalten sollen. Im Dachgeschoss erscheint ein neues Muster. Die senkrechten Ständer weiten sich aus zu Kapitellen. Die waagerechten Rähmbalken liegen sicher auf diesen breiten Kapitellen.

Einige Fachwerkkenner sahen in den damals verwendeten Fachwerk-Mustern sogar Runenzeichen. Sie glaubten, die Fachwerkfiguren seien nicht einfach nur aus Freude an der Zierde entstanden, sondern hätten damals eine ganz spezielle Bedeutung gehabt, die jedoch im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten sei. Das Andreaszeichen stünde demnach für Vermehrung des Besitzes, die Raute hingegen für Fruchtbarkeit.

Tradition

Aber warum ein Fruchtbarkeitszeichen an einem Rathaus? Die Mehrheit der Fachwelt schloss sich jedenfalls dieser Interpretation der Runenzeichen nicht an. Allerdings ist und bleibt der Aberglaube in der Tradition erhalten, wie an den Masken im Untergeschoss zu sehen ist. Heute spricht der Zimmermann beim Richtfest noch den Richtfestspruch, wirft ein Glas, das zerspringen muss, da Scherben Glück bringen. Weitere uralte Bräuche beim Hausbau haben sich erhalten.

Erbauer

Wer war nun der Erbauer des prunkvollen Eberner Rathauses, das an Größe und Schönheit den Rathäusern in Burgkunstadt und in Staffelstein in nichts nachsteht? Eine Antwort findet sich in der detaillierten Eberner Stadtchronik von Johan Georg Greb. Er führt "Hans Kummerten und Friedrich Reuter, beyde Stadtzimmermeister" als Erbauer auf. Der Erbauer des Rathauses in Burgkunstadt war der berühmte, aus Zeil am Main stammende "JHZ" - Jörg Hofmann Zimmermeister. Ein damals ebenso berühmter Zimmermeister war Claus Kunzelmann aus Stübig, der das Rathaus in Staffelstein baute. Es ist mehrfach vermutet worden, so auch von der Historikerin Isolde Maierhöfer, dass diese beiden Zimmermeister auch am Eberner Rathaus "mitgebaut" hätten.

Außer am Rathaus findet man noch weiteres, sehr individuelles Fachwerk in der Stadt. Wer durch Ebern streift, kann vielleicht etwas Neues entdecken, wenn man etwas genauer hinschaut.

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